Gesundheit Biontech-Begrenzung: „Es gibt Praxen, die impfen deshalb nicht mehr“

09:15  23 november  2021
09:15  23 november  2021 Quelle:   berliner-zeitung.de

Auffrischungsimpfung: Wer braucht die Boosterspritze?

  Auffrischungsimpfung: Wer braucht die Boosterspritze? Viele Impfungen müssen aufgefrischt werden, das gilt auch für den Corona-Schutz. Für wen kommt die Auffrischung infrage, wo gibt es sie und wer braucht sie unbedingt? © A. Martin UW Photography/​Getty Images Alle guten Dinge sind drei? Vieles spricht für die Auffrischungsimpfung zum Schutz vor Corona nach einiger Zeit. Nicht jeder aber braucht in diesem Winter die dritte Spritze. Viel ist derzeit die Rede vom Boostern, dem Auffrischen der Corona-Impfungen. Seit Anfang September gilt eine neue Impfverordnung, die das rechtlich möglich macht.

Hintergrund ist die Tatsache, dass der Gesundheitsminister am Freitag eine Deckelung des Biontech-Impfstoffes vor allem für Hausarztpraxen angekündigt hat (die Berliner Zeitung berichtete). Vom 30. November an sollen Praxen nur noch 30 Dosen Biontech-Pfizer-Impfstoff pro Woche bestellen können. Patienten sollen stattdessen vor allem mit Moderna geimpft und geboostert werden. Denn dieser Impfstoff muss weg, weil er sonst abläuft.

  Biontech-Begrenzung: „Es gibt Praxen, die impfen deshalb nicht mehr“ © Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Dabei hat die Politik, allen voran Spahn selbst, in den vergangenen Wochen aufgrund ungeahnt hoher Inzidenzen sowohl die Bevölkerung als auch die Ärzte vermehrt zum Impfen aufgerufen. Dass ausgerechnet der bei den Deutschen beliebteste und zudem von Deutschen entwickelte Impfstoff hierzulande nur noch begrenzt verfügbar sein soll, stößt nicht nur bei Ärzten auf Unmut. Bei denen aber besonders.

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Denn die zusätzliche Belastung komme absolut zur Unzeit, erklärt Wolfgang Kreischer als Vorsitzender des Berliner Hausärzteverbandes: „Das hat in den Praxen reingehauen wie eine Bombe.“ Diese seien ohnehin gerade über Gebühr belastet. Rund um die Uhr würden Patienten anrufen, mailen, vor der Tür stehen, um geimpft und wegen der Booster beraten zu werden. Bei den Arzthelferinnen klingele das Telefon den ganzen Tag, das Postfach laufe voll – und dann sei auch noch der Routinebetrieb zu erledigen, der ohnehin im Herbst unter anderem durch Grippeimpfungen ausgeweitet sei. Das Personal halte den Stress auch mit teils unverständigen Patienten nicht mehr lange durch, befürchtet Kreischer.

„Es gibt Praxen, die impfen deshalb nicht mehr, es gibt Praxen, da hat das Personal gekündigt, und es gibt Praxen, die sind definitiv am Limit“, fasst Kreischer die Situation in Berlin zusammen.

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  Booster-Impfungen: Molekularbiologe Wyler warnt vor zu hohen Erwartungen Selbst bei hohem Tempo der Booster-Impfungen seien erste Auswirkungen auf Gesundheitssystem und Inzidenz frühestens im Januar zu erwarten. Um die überbeanspruchten Intensivstationen früher zu entlasten, käme nur eine Kontaktreduktion infrage: „Kontakte können wir nur verhindern, wenn wir uns von selbst vernünftig verhalten. Die Sache ist trivial: Wenn sich weniger Menschen treffen, verbreitet sich das Virus langsamer, darauf hat jeder einen gewissen Einfluss.

Hinzu komme eine weitere aktuelle Beschwernis, ebenfalls befördert durch den Gesundheitsminister: die Digitalisierung der Praxen, durch elektronische Patientenakten, digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und E-Rezepte. Wie die Berliner Zeitung berichtete, klagen Mediziner akut über Überbelastung aufgrund fehlerhafter digitaler Infrastruktur der sogenannten Telematik. „Da gibt es Sicherheitslücken ohne Ende“, berichtet auch Kreischer, nachdem schon der Deutsche Ärztetag vor erheblichen Problemen gewarnt hatte.

„Was im Moment in den Praxen los ist, können Sie sich nicht vorstellen“, fasst der Berliner Hausärzte-Chef den Unmut zusammen – und das zu einer Zeit, in der eigentlich vorrangig geimpft werden soll. Die Impftermine seien mit den Patienten teils schon bis Januar ausgemacht und nun müsse nicht nur alles neu vergeben, sondern auch neu sortiert und neu beraten werden. Moderna wird etwa nicht mehr für Unter-30-Jährige empfohlen. Das bedeute eine Zusatzbelastung, die kaum noch zu schultern sei.

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Jens Spahn hatte sich am Montag bei einer Pressekonferenz zu der Kritik geäußert, indem er sagte, die Rationierung ab nächster Woche sei nötig, weil sich die Lager rasant leeren würden. Kreischer hält entgegen: „Wir werden massenhaft Impfstoff wegwerfen müssen.“ Nicht nur weil viele Patienten nur mit Biontech geimpft werden wollen – sondern auch weil die Dosierung eine andere ist und die nicht verimpften Dosen von Moderna pro Charge nicht aufbewahrt werden können. Zudem sieht Kreischer das Problem: „Es ist ein Skandal, weil es das Impfen verlangsamen wird. Praxen ziehen sich zurück, Patienten zögern die Termine heraus – wir werden jetzt nicht bis Januar, sondern bis März impfen müssen. Das ist zu langsam.“

Deshalb sei absolut unverständlich, wieso der Gesundheitsminister „in seiner Gutsherrenart“ nicht vorher mit den Ärzten gesprochen habe – ein Problem, das Mediziner schon oft an Spahn kritisiert haben. Dabei ist Kreischer überhaupt nicht gegen den vermehrten Einsatz von Moderna. Er halte ihn sogar für besser als Biontech, vor allem beim Boostern. Nur für Unter-30-Jährige sei Biontech etwas besser bezüglich der Gefahr einer Herzmuskelentzündung. Aber auch das sei eine Sache der Aufklärung: „Bei beiden Impfstoffen muss man damit aufpassen und darf etwa 14 Tage keinen Sport machen. Auch nach einem Infekt fallen Bundesligaspieler auf dem Platz tot um, wenn sie nicht 14 Tage pausieren und sich zu sehr anstrengen.“

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Auch in Brandenburg wächst die Kritik an der geplanten Begrenzung von Biontech für die Praxen. Der Ärzteverband Hartmannbund Brandenburg warnte vor großen Problemen: „Leider vergisst Spahn offenbar, dass es das Moderna-Vakzin nur in 20er Großpackungen gibt, in den Praxen kaum Erfahrungen mit dem Impfstoff bestehen und durch diese neue Situation ein gigantischer Beratungsbedarf bei unseren Patienten bestehen wird“, so der Landesvorsitzende Hanjo Pohle am Montag.

Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) forderte, beide Impfstoffe zu nutzen. „Der Impfstoff von Moderna darf jetzt auf keinen Fall in Misskredit geraten“, sagte Nonnemacher. „Moderna und Biontech bieten beide einen sehr guten Schutz vor schweren Krankheitsverläufen. Entscheidend ist, dass die Booster-Impfungen jetzt an Tempo gewinnen.“ Das Ministerium warnt davor, dass das steigende Tempo der Corona-Impfungen wieder ausgebremst wird. Kassenärzte-Chef Peter Noack fordert, dass die Begrenzung wieder zurückgenommen wird.

Empfehlung der Ständigen Impfkommission: Heißt das jetzt impfen oder nicht? .
Die Stiko empfiehlt kranken Kindern zwischen fünf und elf Jahren die Corona-Impfung. Der Rest bekommt sie auf individuellen Wunsch. Was Eltern jetzt wissen müssen © Jack Guez/​AFP/​Getty Images In Israel werden Fünfjährige längst geimpft, hier ein Junge im November in Tel Aviv. Viele Eltern und Ärztinnen mögen sich ein klares Votum der Ständigen Impfkommission (Stiko) gewünscht haben. Das gab es aber nicht. Kindern mit Vorerkrankungen empfiehlt die Stiko, sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen. Zudem denjenigen, die Kontakt mit Menschen haben, die schwer an Covid-19 erkranken könnten.

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