Gesundheit Warum uns Boostern auch nicht retten wird

22:15  26 november  2021
22:15  26 november  2021 Quelle:   berliner-zeitung.de

Auffrischungsimpfung: Wer braucht die Boosterspritze?

  Auffrischungsimpfung: Wer braucht die Boosterspritze? Viele Impfungen müssen aufgefrischt werden, das gilt auch für den Corona-Schutz. Für wen kommt die Auffrischung infrage, wo gibt es sie und wer braucht sie unbedingt? © A. Martin UW Photography/​Getty Images Alle guten Dinge sind drei? Vieles spricht für die Auffrischungsimpfung zum Schutz vor Corona nach einiger Zeit. Nicht jeder aber braucht in diesem Winter die dritte Spritze. Viel ist derzeit die Rede vom Boostern, dem Auffrischen der Corona-Impfungen. Seit Anfang September gilt eine neue Impfverordnung, die das rechtlich möglich macht.

Alle drei Fragen waren angesichts einer längst nicht besiegten Pandemie eher fehl am Platz – auch die letzte.

  Warum uns Boostern auch nicht retten wird © Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Das zu 68,69 Prozent geimpfte Deutschland lamentierte lauthals über den nachlassenden Schutz der Impfstoffe vor Infektionen. Nach der Boosterung soll der Impfschutz vor der Delta-Variante zehn- bis 20-mal höher sein als nach der Zweifach-Impfung, erklärte der Berliner Infektiologe Leif Erik Sander und berief sich auf aktuelle Studien.

Der Schutz vor einem schweren Verlauf bleibt zumindest bei Jüngeren auch ein halbes Jahr nach der Zweitimpfung noch weitgehend stabil, so der Stand der Corona-Forschung. Am Freitag meldete Belgien allerdings den ersten registrierten Fall mit der neuen Virusvariante B.1.1.529 aus Südafrika.

Corona-Pandemie: Kann ich mich auch früher boostern lassen?

  Corona-Pandemie: Kann ich mich auch früher boostern lassen? Fachleute empfehlen eine Corona-Auffrischungsimpfung, allerdings erst sechs Monate nach der vorherigen Dosis. Was aber, wenn man auch früher drankommen kann? © artpartner-images/​Getty Images Viele Menschen dürften sich aktuell fragen: Welcher Zeitpunkt ist der richtige für die Corona-Boosterimpfung? Der Winter kommt und viele Menschen fragen sich: Wann brauche ich die Boosterimpfung und wo bekomme ich sie? Für verschiedene Fälle gibt es dazu gegenwärtig noch verschiedene Empfehlungen.

Während wir Debatten über die optimale Boosterung  und Kinderimpfungen führten, haben Experten immer wieder vor neuen Varianten gewarnt. Nun ist es vielleicht zu spät. Und es könnte noch schlimmer kommen: Je länger Menschen in überwiegend einkommensschwachen Gebieten keinen Impf-Schutz haben, desto höher wohl die Gefahr für weitere Mutationen, vor denen auch wir womöglich mit der dritten, vierten, fünften Impfung nicht mehr geschützt wären.

Weltweit sind Milliarden Menschen noch ungeimpft. Erst 54,2 Prozent der Weltbevölkerung haben mindestens eine Dosis gespritzt bekommen, 42,6 Prozent eine zweite Dosis erhalten (Stand 23. November 2021). Südafrika ist mit einer Impfquote von 23,8 Prozent (Stand 24. November 2021) auf dem zweitgrößten Erdteil sogar noch Spitzenreiter.

Corona-Impfauffrischung: In Berlin jetzt schon nach fünf Monaten

  Corona-Impfauffrischung: In Berlin jetzt schon nach fünf Monaten Senat wartet mögliche Empfehlung der Ständigen Impfkommission Stiko nicht abDas Interesse der Impfwilligen hab in den vergangenen Tagen stark zugenommen und werde wohl weiter zunehmen. Die Berliner Praxen, den beiden Impfzentren und mobile Impfteams bieten seit Anfang September Auffrisch-Impfungen an.

Während wir für eine hohe Impfquote und Booster warben und gleichzeitig Impfstoffe zu verfallen drohen, sind in vielen einkommensschwachen Gebieten der Welt die meisten Menschen noch gar nicht durch eine Impfung geschützt. Jens Spahn (CDU) prognostizierte kürzlich, dass wahrscheinlich „am Ende dieses Winters so ziemlich jeder in Deutschland geimpft, genesen oder gestorben sein“ wird. Ach Gott.

Immerhin haben wir die Wahl, Einfluss auf unser ganz persönliches Corona-Schicksal  und das unserer Mitbürger zu nehmen. Wir können wählen zwischen der Hoffnung auf einen milden Verlauf ohne Langzeitfolgen, wenn wir nicht geimpft sind oder dem relativen Schutz vor der Erkrankung samt ihrem Sterberisiko mit Impfung.

Während wir darüber streiten, ob wir den „Mercedes“ (Biontech) oder den „Rolls Royce“ (Moderna) nehmen sollen, krabbelt ein Großteil der Welt in Sachen Impfquote noch auf allen Vieren durch die Pandemie. Anstatt uns über der im Vergleich zu anderen Nationen guten Ausgangslage, in der wir uns bezüglich der Verfügbarkeit von Impfstoffen befinden, gewahr zu sein, klagen wir über den Schutz auf nicht optimalem Niveau – in etwa so wie, wenn ein Mitte-30-Jähriger gegenüber einer 70-Jährigen die ersten Fältchen um die Augen beklagt, eiligst in die Botox-Klinik um die Ecke rennt und ab morgen viel mehr grünen Tee trinken will. Selbstoptimierung goes Corona.

Aber nur die dritte Dosis von Pfizer/Biontech: Swissmedic lässt Booster für alle ab 16 Jahren zu

  Aber nur die dritte Dosis von Pfizer/Biontech: Swissmedic lässt Booster für alle ab 16 Jahren zu Die Heilmittelbehörde Swissmedic gibt die dritte Dosis des Impfstoffs von Pfizer/Biontech für Menschen ab 16 Jahren frei. Dennoch geht es noch nicht gleich los mit dem Boostern. Blick erklärt, warum. © Bereitgestellt von Blick Pflegepersonal des Covid-19-Impfbusses des Kantons Zuerich impft Schueler und Schuelerinnen des Gymnasiums Wiedikon (KWI) mit dem Moderna-Impfstoff, am Dienstag, 7. September 2021, in Zuerich. Seit August ist der Impfstoff Spikevax von Moderna fuer Jugendliche ab 12 Jahren durch Swissmedic zugelassen. (KEYSTONE/Gaetan Bally) Dem Booster für alle steht eine Hürde weniger im Weg.

„Wir sitzen hier in Deutschland im Schlaraffenland“ – so bemühte sich am Montag der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, uns in Erinnerung zu rufen, was wir im Zuge von ekstatischen Bund-Länder-Beschlüssen und Booster-Bohei längst vergessen zu haben schienen: Wir haben eine Pandemie und wir verfügen im Gegensatz zu anderen Ländern über genug Impfstoff.

In unserer überspannten Nationalfixiertheit steuern wir auf einen Impf-Kolonialismus zu. Während das zu knapp 70 Prozent zweifach geimpfte Deutschland nach Lockerungen, Kinderimpfungen und weiteren Auffrischungen krakeelt, verhindern unter anderem kommerzielle Interessen von Herstellern wie Moderna Impfstoffspenden in ärmere Länder.

Wir blickten neiderfüllt auf Großbritannien, wo keine Maskenpflicht mehr gilt und Impfausweise nicht kontrolliert werden – wo Corona monatelang Normalität geworden zu sein schien. Als ob dort das Pandemie-Problem gelöst worden sei. Als ob sich eine Pandemie dort besiegen ließe.

B.1.1.529 und weitere kommende Varianten machen nicht vor Grenzen halt. Auch eine sehr gut mittels Impfstoffen vor Corona geschützte deutsche Bevölkerung rettet uns nicht aus der Pandemie. Vor allem dann nicht, wenn die von den meisten hierzulande lebenden Menschen erwünschten Reisebeschränkungen wieder aufgehoben werden.

So retten Sie Ihren Teig beim Plätzchenbacken

  So retten Sie Ihren Teig beim Plätzchenbacken Der Teig ist zu trocken geworden, der Zuckerguss zu fest und die Kuvertüre zu flüssig? Beim Backen kann einiges schief gehen. Wir verraten Ihnen die besten SOS-Tipps, um misslungenen Teig für Plätzchen oder Kekse zu retten © iStockphoto Mit diesen Tipps können Sie verpatzten Teig retten iStockphoto So können Sie einen misslungenen Teig retten Was kann ich machen, wenn... ... der Zuckerguss zu dick geworden ist? Ganz vorsichtig - also tröpfchenweise - noch etwas Flüssigkeit (Zitronensaft oder Wasser) untermischen. ... die Kuvertüre zähflüssig ist? 1-2 TL Kokosfett (z.B. Palmin) dazugeben und schmelzen lassen.

Selbst, wenn B.1.1.529 die Delta-Variante nicht verdrängen sollte, müssen wir uns spätestens jetzt auf ein zugegebenermaßen etwas dystopisches Gedankenspiel einlassen: Was, wenn Migranten aus Ländern mit niedriger Impfquote und dementsprechend höherer Wahrscheinlichkeit für Infektionen mit mutierten Coronaviren, die EU-Grenze übertreten? Was, wenn besagte Migranten mit einer hochgefährlichen, bislang möglicherweise unbekannten Corona-Mutation, die die Boosterung umgehen kann, infiziert sind, weil wir zuallererst uns selbst optimal schützen wollten?

So abwegig ist diese Überlegung nicht, denn: Die Corona-Krise hat die irreguläre Migration nach Europa noch einmal verschärft. 2020 ist die Migration aufgrund von Grenzschließungen zwar zurückgegangen, doch nach Angaben der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex ist die irreguläre Migration in die EU von Januar bis August 2021 im Vergleich zum Vorjahr wieder um 64 Prozent gestiegen. Der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko brachte Migranten im vergangenen Monat sogar an die EU-Grenze, um sie für seine hybride Kriegsführung nutzen.

Wir wissen nicht, wie lange es dauern wird, bis wir hierzulande eine so starke Grundimmunität gegen Delta oder die neue Südafrika-Variante erreicht haben, dass SARS-CoV-2 einem harmlosen Erkältungsvirus gleicht. Zudem könnte diese ja womöglich auch wieder durch eine Virusvariante, vor der die mRNA-Vakzine nicht schützt, in die Republik getragen und wieder zerstört werden. B.1.1.529 ist im besten Fall nur ein Warnschuss.

Impfschutz vor Omikron: Angezählt, aber längst nicht k. o.

  Impfschutz vor Omikron: Angezählt, aber längst nicht k. o. Erste Labordaten bestätigen, was viele befürchteten: Die neue Corona-Variante Omikron kann schützenden Antikörpern ausweichen. Doch es hätte noch schlimmer kommen können. © Henrik Sorensen/​Getty Images Omikron könnte dem Impfschutz durch Antikörper einen ziemlichen Schlag versetzen. Doch das heißt nicht, dass wir der Variante hilflos ausgeliefert sind.

Müssen wir nicht, bevor wir weiter über eine allgemeine Impfpflicht, Kinderimpfungen und jährliche Auffrischungsimpfungen diskutieren – aus purem Eigennutz – eine viel öffentlichere Debatte als bislang darüber führen, wie wir uns mit Menschen in einkommensschwächeren Ländern, die bislang auch aufgrund von nach wie vor gewaltigen logistischen Herausforderungen kaum Zugang zu Erst- und Zweitimpfungen haben, solidarisieren wollen? Mit Menschen, die weder einen guten, noch einen nachlassenden, noch einen schwachen Impfschutz vor Infektionen oder schweren Verläufen haben, sondern gar keinen?

Auf dem afrikanischen Kontinent ist die zu Beginn der Pandemie befürchtete Katastrophe bislang ausgeblieben. Epidemiologen sprechen von einer 20-mal niedrigeren Fallsterblichkeit als in anderen Staaten, beispielsweise in Europa oder den USA. Doch das „Corona-Wunder“ von Afrika ist mit Vorsicht zu betrachten. B.1.1.529 belegt dies. Auch wissen die Experten nicht, wie lange die natürlichen Antikörper anhalten. Die G20-Staaten versprechen eine weltweite Impfquote von 70 Prozent bis Mitte 2022. Ob das gelingt, ist fraglich.

Und natürlich warten auch in Afrika nicht alle Menschen sehnsüchtig auf die Medizinprodukte aus dem globalen Westen und Fernost. Im Kongo beispielsweise mussten zuletzt massenhaft gespendete Dosen vernichtet werden, weil sich aufgrund enormer Skepsis gegenüber den Impfstoffen bislang nur sehr wenige Kongolesen haben impfen lassen. Alles Covidioten? Ähnlich wie in Sachen Klimaschutz will Deutschland auch beim Thema Impfquote Vorbild sein. Das ist gut so, doch gilt es stets die schwelende Gefahr eines paternalistischen Machtverständnisses zu bannen.

Impfstoff gegen Omikron: Die vierte Impfung

  Impfstoff gegen Omikron: Die vierte Impfung Längst arbeiten Impfstoffhersteller an neuen Impfstoffen, die speziell vor Omikron schützen sollen. Das geht rasend schnell – ist für die kommende Welle doch zu langsam. © Comezora/​Getty Images Kommt bald ein neuer Impfstoff? Jetzt boostern lassen: Vor allem ältere Menschen und diejenigen, bei denen die zweite Impfung bereits einige Monate zurückliegt, sollten sich so schnell wie möglich die dritte Impfung holen. Denn mit der Omikron-Variante droht Deutschland eine neue Welle von Infektionen, da sind sich Experten einig.

Denn: Hierzulande können sich Impfgegner zwar auch an Falschinformationen orientieren, vielen von ihnen wird aber zu Recht eher als Skeptikern in ärmeren Staaten vorgeworfen, sich nicht hinreichend über wissenschaftliche Erkenntnisse informiert zu haben. Ein vergleichsweise gutes Bildungssystem ermöglicht uns einen durchlässigeren Zugang zu Fakten als anderen Nationen. Wollen wir den Vorwurf, sich nicht informiert zu haben, auch Menschen im Niger, die sich nicht impfen lassen wollen, machen? Nach der Devise: Liebe Analphabeten, lest doch unsere tollen Studien?

Spätestens 2022 müssen wir uns zentraleren Fragen stellen, als jenen nach dem richtigen Booster. Die möglicherweise drängendste lautet: Wollen wir der Wissenschaft vertrauen, auch wenn sie nicht perfekt ist, ihre Erkenntnisse stets ergänzt werden müssen und letztlich die Politik darüber entscheidet, ob sie sich an Empfehlungen von Drosten und Co. halten will? Dabei besteht immer die Gefahr, dass sich im Nachhinein eine dieser Entscheidungen als falsch oder unzureichend herausstellt.

Doch wie schrieb einst Robert Musil? „Wir irren vorwärts.“ Das ist eine durchaus treffende Zustandsbeschreibung für die Pandemiebekämpfung auf deutschem Boden. Wollen wir nun also weiter nach dem Prinzip „Trial and Error“ handeln?

Oder geben wir auf, erhalten dafür Freiheiten zurück, allerdings womöglich zum Preis von vielen weiteren Todesfällen, schweren Krankheitsverläufen, die vermutlich vermeidbar wären und noch nicht absehbaren Langzeitfolgen durch Long Covid? 2022 müssen wir uns entscheiden: Wollen wir mit dem Virus versuchen zu leben, eine unkontrollierte „Durchseuchung“ zulassen oder wollen wir den Kampf hierzulande und weltweit weiter mit allen von der Forschung zur Verfügung gestellten Mitteln inklusive vieler Rückschläge führen?

Was in diesem Zusammenhang für das rasche Boostern in Kombination mit strengen Corona-Maßnahmen spricht: Es würde uns vermutlich Zeit verschaffen. Zeit zum Beispiel, um auf die Totimpfstoffe, die möglicherweise besser vor Mutationen schützen und denen manche Impfskeptiker eher als den mRNA-Vakzinen vertrauen, zu warten. Wir hätten nach bisherigen Erkenntnissen nicht zuletzt die Zeit, Pfleger und Ärzte vor einem Kollaps auf den Intensivstationen zu schützen.

Langfristig müssen aber Lösungen für die ungleiche Impfstoffverteilung auf der Welt geschaffen werden. Diese könnten der nachhaltigste Schutz vor weiteren Corona-Wellen immensen Ausmaßes durch neue Mutationen sein. Wissenschaftler schlagen zum Beispiel ein zweistufiges Preismodell der Pharmaindustrie vor, mit dem Industrieländer durch ihren Erwerb von Auffrischungsimpfungen, Erst- und Zweitimpfungen in ärmeren Ländern subventionieren würden.

Klar ist: Nachdem wir uns bis zum 26. November 2021 auf die lokale Eingrenzung des Virus konzentriert haben, ruft uns B.1.1.529 schonungslos die Tatsache zurück ins Gedächtnis, dass wir eine globale Pandemie haben. Und wenn schon nicht in punkto allgemeiner Impfpflicht in Deutschland, so wird Jens Spahn doch ganz bestimmt in dieser Hinsicht recht behalten: „Wir sind erst sicher, wenn alle auf der Welt sicher sind.“ Wetten, dass?

So gefährlich ist die Corona-Variante Omikron - Omikron .
Das ist anders bei der Corona-Mutation Omikron: die wichtigsten Symptome und größten Gefahren. Plus: So schützt du dich vor einem schweren VerlaufUntersuchungen der Mutante zeigten schnell, dass sie eine ungewöhnlich hohe Zahl von über 30 Aminosäure-Änderungen am Spike-Protein hat, über das sich das Virus Eintritt in unsere Zellen verschafft und auf das unsere Impfstoffe abgestimmt wurden.

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