Gesundheit Corona bei Kindern: Wie ein Elternnetzwerk Off-Label-Impfungen vermittelt

08:15  27 november  2021
08:15  27 november  2021 Quelle:   berliner-zeitung.de

Auffrischungsimpfung: Wer braucht die Boosterspritze?

  Auffrischungsimpfung: Wer braucht die Boosterspritze? Viele Impfungen müssen aufgefrischt werden, das gilt auch für den Corona-Schutz. Für wen kommt die Auffrischung infrage, wo gibt es sie und wer braucht sie unbedingt? © A. Martin UW Photography/​Getty Images Alle guten Dinge sind drei? Vieles spricht für die Auffrischungsimpfung zum Schutz vor Corona nach einiger Zeit. Nicht jeder aber braucht in diesem Winter die dritte Spritze. Viel ist derzeit die Rede vom Boostern, dem Auffrischen der Corona-Impfungen. Seit Anfang September gilt eine neue Impfverordnung, die das rechtlich möglich macht.

Berlin - In den USA wurde Ende Oktober begonnen, in Israel Anfang in dieser Woche. Bald können auch Eltern in Europa mit ihren Kindern in der Impfschlange stehen. Am Donnerstag hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder zwischen fünf und elf Jahren zugelassen. In dieser Altersgruppe sei die Impfung sicher und verträglich, laut EMA schützt die Impfung auch jüngere Kinder vor einer symptomatischen Covid-19-Erkrankung. Der Impfstoff habe in Studien eine Wirksamkeit von knapp 91 Prozent und nur bekannte Impfreaktionen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle gezeigt. Die Grundimmunisierung für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren wird mit zwei Dosen innerhalb von drei Wochen verabreicht, wie bei Erwachsenen in den Oberarm. Anders als bei den über Zwölfjährigen reiche ein Drittel der Wirkstoffmenge aus.

Impfung in Berlin: Spontane Termine, Impfstationen, Booster und Infos

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  Corona bei Kindern: Wie ein Elternnetzwerk Off-Label-Impfungen vermittelt © Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Doch trotz fehlender Zulassung durch die oberste europäische Behörde für Arzneimittel und ohne bisherige Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) soll es auch in Deutschland bereits etwa 20.000 Kinder unter zwölf Jahren geben, die gegen Covid-19 geimpft sind.

Eltern, die ihre Kinder also frühzeitig impfen lassen wollten, mussten sich vernetzen, ihre Erfahrungen teilen, Kontakte finden und dann untereinander tauschen. Alles „unter der Hand“, wie Herr K.* dieser Zeitung anonym erzählt. Er ist der Vater eines Kindes, das frühzeitig und ohne EMA-Zulassung geimpft wurde. Gemeinsam mit anderen Eltern hat er sich in dem Bündnis u12schutz.de zusammengeschlossen, am vergangenen Wochenende ging die Seite online. Und damit traten die Eltern geimpfter Kinder erstmals an die Öffentlichkeit. Auch, weil sie auf die Dringlichkeit der Kinderimpfungen hinweisen wollen.

Krankheiten wie Ebola oder Tuberkulose sind durchaus meldepflichtig und können zur Isolation des Infizierten führen

  Krankheiten wie Ebola oder Tuberkulose sind durchaus meldepflichtig und können zur Isolation des Infizierten führen Hunderte User haben seit Ende Oktober 2021 ein Textbild auf Facebook geteilt, wonach unter anderem Ebola- und Tuberkulose-Infizierte in Deutschland und Österreich "ungeimpft, ungetestet und voll infektiös in Restaurants, Kinos und Clubs" dürften. Die geteilte Liste umfasst 18 Krankheiten, von denen viele laut Infektionsschutz-Gesetzen allerdings durchaus meldepflichtig sind und in Wirklichkeit zur Quarantäne und Isolation der Infizierten führen können.Mehr als 1400 Facebook-User haben die Restaurant-Behauptung seit dem 22. Oktober geteilt (hier, hier). Auf Telegram erreichte sie Tausende (hier).

Sie treten aber weiterhin nicht unter Klarnamen auf. Die Angst vor militanten Impfskeptikern und Impfskeptikerinnen ist groß. Auf der Website bieten sie aber nun anderen Interessierten eine vereinfachte Möglichkeit, sich über Kinderimpfungen zu informieren, gleichzeitig kann man sich für Termine registrieren lassen. Sie sind also eine Art Off-Label-Vermittlungsagentur. Die Nachfrage sei immens, über 10.000 Anfragen hat es nach Betreiberangaben allein in den ersten 20 Stunden gegeben.

Viele entscheiden sich für die Impfung vor allem aus Angst vor den Folgen einer möglichen Infektion, obwohl Long Covid oder PIMS, ein schweres Entzündungssyndrom, bei Kindern verhältnismäßig selten vorkommt. Es gibt zwar kaum Klarheit, wie häufig Long Covid bei Kindern tatsächlich auftritt, Kinderärzte wie der Berliner Jakob Maske aber glauben, dass es sich wahrscheinlich um einstellige Prozentzahlen handelt.

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  Corona: Wie soll Deutschland durch diesen Corona-Winter kommen? Die Corona-Pandemie kommt mit Wucht zurück. Aber was können wir tun? Diesen sechs unbequemen Wahrheiten müssen sich Politik und Gesellschaft nun stellen. © Rafal Belzowski/​Getty Images Das wird hart: Der nächste Corona-Winter kommt. Fast überrascht wirkt die Politik davon, dass nun alles wieder von vorn loszugehen scheint: Die Fallzahlen sind so hoch wie noch nie seit Beginn der Pandemie, Krankenhausmediziner warnen, Intensivbetten werden gezählt. Wieder wird die Frage laut, was es braucht, um durch den Winter zu kommen.

Verschiedenen Studien zufolge kann sich Long Covid bei etwa 5 Prozent aller erkrankten Kinder entwickeln. Oder anders gesagt: Jedes 20. Kind mit einer überstandenen Corona-Erkrankung leidet später auch an Long-Covid-Symptomen. „Es ist nun mal keine gute Idee, dass Kinder sich durchinfizieren lassen sollen“, sagt K. Das Infektionsrisiko war ihm für sein Kind zu groß. Das Risiko einer Impfung viel kleiner. Etwa 50 bis 60 Ärztinnen und Ärzte, meist Allgemeinmediziner und Hausärztinnen, impfen Kinder ohne Zulassung in Deutschland, glaubt man dem Elternnetzwerk. Offizielle Daten gibt es nicht. Oft fährt man für die Impfung quer durchs Land.

Dass Herr K. den Corona-Alltag jetzt sorgenfreier erlebt, machen sogenannte Off-Label-Impfungen möglich: ein zulassungsüberschreitender Einsatz der Corona-Impfungen. Ein genereller Off-Label-Einsatz ist insbesondere in der Kinder- und Jugendmedizin eigentlich nichts Ungewöhnliches, je nach Altersgruppe haben 40 bis 70 Prozent der verschriebenen Medikamente keine Extrazulassung für Kinder. Zulassungsverfahren für Arzneimittel sind oft langwierig, dabei immer auch kostspielig. Wenn sich der Personenkreis für eine Pille beispielsweise nur auf Kinder (oder auch Schwangere) ausweiten soll, verzichten Hersteller gern auf ein neues Zulassungsverfahren. Ärzte und Ärztinnen können im Rahmen ihrer Therapiefreiheit dann eigenständig über den Einsatz solcher Medikamente entscheiden.

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  Infiziert, trotz vollständiger Impfung - das steckt dahinter - Corona Impfdurchbruch Es gibt häufiger Impfdurchbrüche. Woran das liegt und wie hoch dein Risiko ist, trotz vollständiger Impfung an Covid-19 zu erkranken, erfährst du hierDas Robert Koch Institut (RKI) hat dafür eine ganz klare Definition: Wenn eine vollständig geimpfte Person mindestens 2 Wochen nach der zweiten Corona-Impfung mit Biontech, Moderna oder AstraZeneca typische Symptome entwickelt (bei mit Johnson & Johnson Geimpften nach der einzigen Impfung) und mit einem PCR-Test oder einer Erregerisolierung eine Covid-19-Infektion nachgewiesen werden kann.

Doch bei Impfungen sind sie häufig vorsichtiger. Die konkrete Wirkstoffmenge ist anfangs unklar, auch das Lösungsmittel muss für eine Siebenjährige anders sein als für einen Mitte 50-Jährigen. Dieses Risiko wollen Ärzte und Ärztinnen oft nicht eingehen. Lassen Eltern ihre Kinder off-label impfen, unterschreiben sie einen Haftungsausschluss. Versorgungsansprüche durch mögliche Impfschäden werden durch die Behörden nur bei zugelassenen Impfstoffen übernommen, der Haftungsausschluss sichert die Medizinerinnen und Mediziner rechtlich ab.

Die Sieben-Tage-Inzidenz bei Kindern ist in Berlin aktuell fast doppelt so hoch wie in anderen Altersgruppen. Ist die Nachfrage nach Impfungen auch deshalb so groß? Trotz erfolgreicher Zulassung müssen sich Eltern aber noch bis mindestens Mitte Dezember gedulden, um ihre Kinder mit EMA-Zustimmung impfen zu können. Nach der europäischen Entscheidung warten Ärzte und Ärztinnen nun die Empfehlung der Stiko ab, die sich bekanntlich mit ihren Entscheidungen Zeit lässt. Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte glaubt, dass das Gremium erst eine Impfung für chronisch kranke Kinder empfehlen wird. Mit einer allgemeinen Empfehlung auch für gesunde Kinder rechnet er nicht vor Januar oder Februar.

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  Corona-Impfung für Kinder: Unbedingt notwendig oder komplett überflüssig? Kinder ab fünf Jahren können bald einen Piks gegen Corona erhalten, aber ist das auch sinnvoll?Ja, kleinere Kinder bekommen im Vergleich zur Altersgruppe ab 12 nur ein Drittel der Dosis gespritzt, also 10 statt 30 Mikrogramm. Ansonsten ist der Ablauf wie bei den Großen: Gegeben werden zwei Spritzen in den Oberarm und dies im Abstand von drei Wochen.

Trotz einer absehbaren EMA-Entscheidung am Donnerstag wurde offensichtlich nicht vorausgeplant, denn es fehlt an Lieferungen mit der richtigen Wirkstoffmenge. Ohne die richtig abgepackte Dosis spritzt man aber auch mit Zulassung weiterhin off-label. Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte die Auslieferung des Kinderimpfstoffes für den 20. Dezember an. Fast genau ein Jahr nach dem Start der deutschen Impfkampagne am 27. Dezember 2020.

Ursprünglich zusammengefunden haben sich im Netzwerk um Herrn K. vor allem Eltern chronisch kranker Kinder, dann wuchs das Bündnis immer schneller, auch Eltern gesunder Kinder suchten bald nach Impfterminen. Verteilt werden Impfkontakte nur nach Vorabchecks: Sind diese neuen fremden Eltern auch wirklich selbst geimpft? Können Sie das nachweisen? Man arbeitet mit viel Vertrauensvorschuss. Die Gefahr, Kontakte an Impfgegnerinnen und Impfgegner weiterzugeben, habe es immer gegeben. „Die versuchen dann, Ärzte zu outen“, auch deshalb gibt es kaum Mediziner und Medizinerinnen, die aktiv den Weg in die Öffentlichkeit suchen.

Einer von denen, die das tun, ist ein Arzt, der sich bei Twitter Dr.Pappa nennt. Auch kein Klarname. Er ist, was man in den sozialen Medien seit kurzem einen „Impfluencer“ nennt. Ein Influencer für Impfungen, er informiert auf seinem Account regelmäßig auch über Off-Label-Impfungen. Die Entscheidung für die Off-Label-Impfung sei für ihn eine Risiko-Nutzen-Abwägung gewesen. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte der Arzt Anfang dieser Woche: „Das Risiko, einen schon millionenfach eingesetzten Impfstoff in einer durch Studien nachgewiesenen verträglichen Dosierung für meine Kinder zu verwenden oder sie mit einer Infektionskrankheit zu konfrontieren, deren Langzeitfolgen nicht absehbar sind.“

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  Berlin: Impfungen für Kinder jetzt möglich Pro Bezirk soll an jeweils einer Schule geimpft werden. Doch noch streiten Experten darüber, wie sinnvoll Impfungen in dieser Altersklasse sind.Für Fünf- bis Elfjährige wird ein niedriger dosiertes und anders abgefülltes Präparat im Vergleich zum herkömmlichen Biontech/Pfizer-Impfstoff verwendet. Von dem mRNA-Vakzin sollen laut der Ständige Impfkommission (Stiko) zwei Dosen im Abstand von drei bis sechs Wochen gegeben werden. Für jüngere Kinder gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff.

Der Berliner Kinderarzt Jakob Maske teilt diese Sorgen nicht, obwohl auch er täglich etwa eine Anfrage zu Off-Label-Impfungen bekommt. „In der Regel sind das gesunde Kinder, und da muss man klipp und klar sagen: Eine Corona-Infektion ist für diese Altersgruppe relativ harmlos und die Nebenwirkungen und schweren Verläufe vergleichbar mit anderen Infektionskrankheiten.“

Gleichzeitig könne man auch bei den Zulassungsstudien nicht von Sicherheit sprechen, da man sich klarmachen müsse, dass für diese nur knapp 1500 Kinder geimpft werden, und „selbst zu häufigen Nebenwirkungen kann man da eigentlich noch keine Aussagen machen“. Die häufigste Nebenwirkung bei männlichen Jugendlichen sei die Herzmuskelentzündung, und die trete bei etwa 16.800 Impfungen nur einmal auf. In kleinen Zulassungsstudien können also selbst häufigere Nebenwirkungen kaum erkannt werden.

In den USA wurden bisher etwa zwei Millionen Kinder zwischen fünf und elf Jahren geimpft, auch der Berliner Kinderarzt beobachtet dort positive Tendenzen, will im Gespräch mit der Berliner Zeitung am Wochenende die Sicherheit des Impfstoffes aber nicht endgültig einschätzen. Die Datenmenge sei zu gering, er warte auf die Empfehlung der Stiko. Generell sehe er bei gesunden Kindern keinen allzu großen Handlungsbedarf, da sie nicht entscheidend zum Pandemiegeschehen beitrügen.

Die Frage, ob Kinder treibend für das Infektionsgeschehen sind, ist für die Stadt Wien dagegen zweitrangig. „Wir sehen aber, dass wir ein sehr junges Infektionsgeschehen haben“, erklärt Mario Dujaković, der Sprecher des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker, dieser Zeitung im Gespräch. Jeder vierte positive Fall in der österreichischen Hauptstadt wird bei Kindern und Jugendlichen festgestellt. Auch deshalb habe man Mitte November eine offizielle Off-Label-Impfstraße eröffnet. Auf die EMA-Zulassung wollte man nicht warten, die „Daten aus den USA waren einfach und gut“.

Innerhalb von 48 Stunden waren die ersten 9200 Termine ausgebucht, 50.400 neue wurden freigeschaltet. Bis Jahresende hätte man so zwischen 50 und 60 Prozent der fünf- bis elfjährigen Kinder geimpft. Ausschlaggebend für die Entscheidung, mit behördlicher Genehmigung off-label zu impfen, sei das aktuelle Pandemiegeschehen im Land gewesen. Den Höhepunkt der aktuellen Welle berechnen Expertinnen und Experten auf Mitte Dezember. Mit der EMA-Zulassung und einer Empfehlung durch das österreichische Pendant der Stiko, das Nationale Impfgremium, bekäme man die Kinderimpfung wohl „erst Anfang kommendes Jahres“. Dujaković und die Stadt Wien glauben, dass das „ein bisschen zu spät“ wäre.

* Name ist der Redaktion bekannt

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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