Reisen Fliegen, Zug fahren, Campen, Wandern: Wie reise ich richtig?

10:30  24 juli  2022
10:30  24 juli  2022 Quelle:   berliner-zeitung.de

Europa mit dem Zug: 50 Jahre Interrail

  Europa mit dem Zug: 50 Jahre Interrail Seit 50 Jahren reisen Menschen mit dem Interrail-Pass durch Europa. Das Ticket soll Menschen nicht nur räumlich näher zusammenbringen, sondern auch zur Völkerverständigung beitragen. © Micha Korb/pressefoto_korb/picture alliance Europa entdecken mit dem Interrail-Ticket - auch die Rhätische Bahn in der Schweiz darf genutzt werden Bäume so weit der Blick reicht, mal ein Haus, mal ein Feld – die Landschaft zieht an Sophia Klimpel vorbei, die neugierig aus dem Zugfenster schaut. Ein tolles Gefühl, sagt sie über die Reise.

Den Traum vom Ausbruch aus dem Alltag, vom freien und unbekümmerten Leben – wer hätte ihn nicht schon mal geträumt? Alles hinter sich lassen, den gepackten Rucksack schultern und einfach loswandern … Ist nicht von mir. Ist von Achill Moser, einem der Großmeister des Reisens. Er hat 28 Wüsten durchwandert und bei Nomadenvölkern gelebt. Bücher darüber geschrieben. Filme gemacht. Seit einem halben Jahrhundert lebt er für das und fast ebenso lange vom Reisen. Zusammen mit seinem Sohn, ebenfalls Reisejunkie, tourt er in ausverkauften Multivisionsshows durch Deutschland: „Das Glück der Weite“, „Sehnsuchtsorte“, „Safari zum Himmel“.

Der blanke 9-Euro-Ticket-Horror: Keine offene Toilette im Zug – Frau macht sich in die Hose

  Der blanke 9-Euro-Ticket-Horror: Keine offene Toilette im Zug – Frau macht sich in die Hose Das darf doch nicht wahr sein, möchte man meinen. Ist es aber leider doch! Und schuld ist der Wahnsinn rund um das 9-Euro-Ticket.Lesen Sie dazu jetzt auch: Schock-Berichte zum 9-Euro-Ticket! Jetzt rechnen Experten ab: „Habe gesehen, wie Menschen aus dem Zug gefallen sind“

  Fliegen, Zug fahren, Campen, Wandern: Wie reise ich richtig? © Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Keine Frage, der Mann versteht was vom Fernweh. Ich blättere in Achill Mosers Buch „Zu Fuß hält die Seele Schritt“, in dem die eingangs zitierten Sätze stehen. Es ist ein Plädoyer für die einfachste Form der Fortbewegung. Das Gehen. Das Wandern. „Denn das Gleichmaß der eigenen Schritte“, schreibt Moser, „ist der Nährboden für einen beflügelten Geist.“

Ein beflügelter Geist? Käme mir gelegen, denn ich möchte einer Frage nachgehen, die mich schon länger umtreibt. Wir verreisen immer öfter, weiter, rastloser. Ich reise, also bin ich: ein Selbstverständnis, das selbstverständlich geworden scheint, weil … ja, warum eigentlich? Was ist es, das uns wieder und wieder hinauszieht in die weite Welt? Und was macht das mit dieser Welt? Und: Wie können wir ihre Schönheit erleben, ohne ihr Schaden zuzufügen?

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  Die häufigsten Ursachen für Verspätungen bei der Deutschen Bahn Seit zwei Monaten, mit dem Start des stark vergünstigten 9-Euro-Tickets, sind deutlich mehr Passagiere auf der Schiene unterwegs. Doch wer mehr mit der Bahn unterwegs ist, merkt auch schnell, dass nicht nur die sonst hohen Ticketpreise eine Zugreise in Deutschland beschwerlich mache. Vor allem die Verspätungen und Ausfälle sorgen für Frust. TRAVELBOOK hat bei der Deutschen Bahn gefragt, was aktuell für die meisten Verspätungen sorgt und erklärt, was die Verspätungsdurchsagen der Bahn bedeuten. © Getty Images Verspätungen bei der Deutschen Bahn Wer mit der Deutschen Bahn unterwegs ist, sollte sich auf Verspätungen schon provisorisch einstellen.

Um Antworten zu finden, so dachte ich mir, würde ich mich am besten selbst auf eine Reise begeben. Eine Reise zu Profis für nachhaltiges, naturnahes, umweltbewusstes Reisen. Eine Reisereise sozusagen, die sich selbst zum Gegenstand hat. Ich werde den Buchtraum wahrmachen: Alles hinter mir lassen. Den gepackten Rucksack schultern. Loswandern.

Die erste Etappe soll meinen Geist beflügeln. Eine Wanderung zum Wüstenwanderer Achill Moser. Praktischerweise wohnt er in Hamburg, nur ein paar Stadtteile nordöstlich von mir. Ein letzter Blick auf die Karte – sollte in einer Stunde machbar sein. Eine letzte Gewichtskontrolle des Rucksacks – 12,1 Kilo, exklusive Proviant und Wasser, inklusive Klamotten und Kamera, Laptop und Bücher. Noch einmal öffne ich den Rucksack. Obenauf liegt Mosers Buch „Zu Fuß“. Das bleibt zu Hause. 400 Gramm Ballast gespart. „Der Mut zum Weniger steigert die Intensität des Erlebens.“ Steht in dem Buch.

So wandern Sie Ihre Psyche gesund

  So wandern Sie Ihre Psyche gesund Wandern tut nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele gut. Diese Tipps machen Ihre Wandertour noch effektiver für die mentale Gesundheit © ISTOCKPHOTO So wird Wandern zum Gesundheits-Boost für Ihre Psyche ISTOCKPHOTO Dass Wandern absolut förderlich für die allgemeine Gesundheit ist, wissen wir sicher alle. Voraussetzung ist natürlich, dass man einige Grundlagen einhält. Dazu gehören beispielsweise die richtige Ausstattung oder seine Tour an die eigenen Fähigkeiten anzupassen und sich nicht zu überschätzen. Denn dann wird auch Wandern zur Überlastung und kann sogar gefährlich enden.

Ein kühler, sonniger Sonntagnachmittag. Zwei nach zwei. Die Tür fällt ins Schloss. Die Reisereise beginnt.

• Reisetagebuch, Minute 16. Gar nicht mal soo kalt – wenn man sich flott bewegt. Ich öffne die Jacke ein Stück. Beim Wandern wird einem warm ums Herz.

• Minute 22. Wie schön! Vorbei an Krokussen, lila, weiß, blau. Hunderte. Vögel zwitschern.

• Minute 32. Blick auf die Uhr. Blick auf die Karte. 15 Uhr hatte ich mit Achill Moser ausgemacht. Wird knapp. Ich schalte einen Gang hoch. Marschtempo. Wenn das meinem Geist mal keine Flügel verleiht …

Scheint zu wirken. Mir kommt eine kleine Wanderung in Südtirol in den Sinn, 2019, mit Reinhold Messner. Den Mount Everest gebe es nicht mehr, hatte er damals gesagt. Zumindest nicht den, den er einst im Alleingang bestiegen habe: „Man hat ihm die Größe genommen, auch die Gefahr ein Stück weit.“ Indem man Sherpas eine Piste auf den Gipfel habe bauen lassen, auf der sich nun Hobbybergsteiger zu Hunderten hinaufschieben. „Das ist kein Alpinismus mehr“, sagte Messner. „Das ist Tourismus. Man kann auch sagen: Overtourism.“

Reisen – klingt ja erstmal positiv. Da schwingt Weltoffenheit mit, Neugier, interkulturelles Interesse. Übertourismus klingt problematisch. Bergsteigerstau auf dem Mount Everest. Besuchermassen, die Venedig, Barcelona, Amsterdam für Einheimische unbewohnbar und unbezahlbar machen. Bettenburgen. Zugemüllte Strände.

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Aber auch bei Reisenden, die rücksichtsvoller, nachhaltiger, „bewusster“ unterwegs sein wollen, die sich aufrichtig für Land und Leute interessieren, denen Natur und Umwelt am Herzen liegen, gibt es blinde Flecken. Die nicht ganz unbegründete Befürchtung etwa, dass der Tourist, so schon vor Jahrzehnten ein – heute würde man sagen: viral gegangener – Enzensberger-Aphorismus, „zerstört, was er sucht, indem er es findet“.

Oder der Beitrag zum Klimawandel, den eben jede und jeder Reisende mit dem Unterwegssein leistet. Manche mehr. Manche weniger. Alle zusammen, hat die University of Sydney ausgerechnet, sind verantwortlich für acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Das ist ziemlich viel. Viermal so viel, wie Deutschland mit allem Drum und Dran – Industrie, Wohnhäuser, Verkehr – ausstößt.

• Minute 48. Es wird grüner, unurbaner, einfamilienhausiger. Kurzer Kartenblick. 15 Uhr könnte doch noch klappen. Ungefähr. Nicht langsamer werden!

• Minute 58. Knirschen unter den Wanderschuhen. In dieser Gegend ist der Gehweg unplaniert. Hier irgendwo muss der Wüstenwanderer wohnen.

Er empfängt mich vor einer steil aufragenden Bücherwand, an der, zur Besteigung, eine kleine Holzleiter lehnt. In der Zimmerecke knistert ein Kaminfeuer.

Achill Moser war 17 bei seinem ersten Ausbruch aus dem Alltag. Für die Sommerferien hatte der Schüler auf ein Interrail-Ticket gespart. „Und das weiteste Ziel, was du damals damit erreichen konntest, war Marrakesch. Marokko.“ Von Marrakesch trampte er weiter, in die Wüste. Begegnete Beduinen. Er durfte einige Tage mit ihnen verbringen. „Das hat mich sehr berührt. Dieses Unterwegssein. Das Kamelreiten. Das Zu-Fuß-Gehen. Das Reduzieren auf das Wesentliche.“

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Es waren Eindrücke, die er fortan in seinem „inneren Rucksack“ mit sich getragen habe, sagt der heute 67-Jährige. Sie wiesen seinem Leben den Weg: zum Unterwegssein. Zu Fuß. Moser hat nie den Führerschein gemacht.

Mal abgesehen davon, dass Wandern die umweltfreundlichste Weise des Reisens ist, worin liegt sein Wert? „Es schafft hautnahe Erlebnisse. Man hat ein Auge für die kleinen Dinge. Dinge am Wegesrand.“ Sehr seltsam hingegen erscheint ihm Sightseeing-Tourismus, der sich im hastigen Abklappern sogenannter Sehenswürdigkeiten erschöpft. Letztlich gehe es doch beim Reisen darum: Da draußen etwas zu entdecken, das uns berührt, uns etwas bedeutet, uns weiterbringt. Die entscheidende Frage: „Kann ich das in meinen inneren Rucksack stecken?“

Und außerdem sei Gehen gesund – für Körper und Geist. „Beim Wandern nimmst du auch Sorgen und Probleme mit“, sagt Moser. „Den Kopf hat man ja nun mal immer dabei.“ Mit der Zeit aber, mit den Kilometern, kämen die Gedanken ins Fließen. „Die Schwere dessen, was uns so beutelt, entschwindet ein bisschen. Manchmal finden sich auch Lösungen.“ In seinem „Zu-Fuß“-Buch zitiert er den Philosophen Sören Kierkegaard: „Ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde.“

• 16.49 Uhr. Weiter geht’s, zunächst mal nach Osten. Zur Alster. Knirschen unter den Füßen. Vogelgezwitscher. Tannenduft.

• 17.32 Uhr. Ich folge der Alster südwärts, stromabwärts, in Richtung Elbe. In Wanderkluft, mit prallgefülltem Rucksack, schlängle ich mich zwischen Sonntagsspaziergängern und Joggerinnen hindurch.

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• 18.18 Uhr. Kurz vor dem Hauptbahnhof ein Highlight: Die Binnenalster, darüber hängt die Mondsichel in der Abenddämmerung. Hübsch. Hab Hunger. Und muss mal für kleine Wüstenwanderer. Also weiter.

Am Bahnhof bleiben mir zwei Stunden zum Abhängen. Das ist gut und schön. Wer Zeit mitbringt, reist entspannter. Um 21 Uhr fährt schräg gegenüber, vom Zentralen Omnibusbahnhof, mein Flixbus ab. „Wer mit knappem Budget reist und dennoch umweltfreundlich unterwegs sein möchte, sollte Busverbindungen eine Chance geben!“, habe ich in „Green Travelling“ gelesen, Untertitel: „Einfach nachhaltig reisen“. Mein Bus ist der N33, Endstation Luzern. Ich fahre mit bis Hannover (zwei Stunden Fahrt zu 11,99 Euro). Dort treffe ich Julia-Maria Blesin, die Autorin dieses Buchs.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, blicke ich vom Fenster meines Stadtrandhotels in die Wipfelwelt von Hannovers Tiergarten, einem Wäldchen, in dem umgestürzte Bäume liegenbleiben dürfen.

Dorthin gehe ich nach dem Frühstück. Bisschen waldbaden. Das empfiehlt Blesin in ihrem Buch. „Die Waldatmosphäre und Sinneseindrücke“, steht da, „fördern unsere Gesundheit.“ Unser Nervensystem schalte auf Regeneration um. „Dadurch kommt die Nähe zur Natur auch der Psyche zugute.“ Stimmt, tut gut, so ein Waldbad.

Und: Die Wanderung beflügelt meine Gedanken. Wenn man will, denke ich, kann man sogar die Welt umwandern: Immer nach Osten, bis man aus dem Westen wiederkehrt. Mir kommt der passionierteste Wanderer in den Sinn, von dem ich je gehört habe. Es war im Herbst 2006, ich wohnte damals in Berlin. Eine Freundin erzählte mir, dass der Vater ihres WG-Mitbewohners demnächst in die Stadt kommen würde. Aus Kanada. Zu Fuß.

Sechs Jahre zuvor war Jean Béliveau in Montréal aufgebrochen. Von Nord- nach Südamerika, von Süd- nach Nordafrika, durch Westeuropa und über die britischen Inseln hatte sein Weg ihn geführt. Nach dem Besuch seines Sohnes wanderte Béliveau weiter, bis in den Iran. Indien. Nepal. China. Japan. Über die südostasiatische Inselwelt nach Australien und Neuseeland. Als er nach gut elf Jahren wieder in Montréal ankam, hatte er selbstgezählte 75.543 Kilometer zurückgelegt.

Wandern von Döbeln nach Leipzig

  Wandern von Döbeln nach Leipzig Der Sparkassen HikeDeLuxe erlebt seine zweite Auflage. Welche Vereine aus der Region Unterstützung leisten.Bei der Premiere im vergangenen Jahr hatte deshalb auch die Langstreckenwanderung „Sparkassen HikeDeLuxe“ einen großen Zuspruch. Bei der zweiten Auflage werden sich wieder hunderte Wanderfans auf die sechs Teilstrecken zwischen 16 und 70 Kilometer begeben. Die Strecke führt von der Stiefelstadt Döbeln über Leisnig, Grimma und Naunhof nach Leipzig.

Jean Béliveau hatte sich, mit erstaunlicher Konsequenz und Kondition, eine alte Reiseweisheit zu Herzen genommen: Der Weg ist das Ziel.

Diese Weisheit sei ein bisschen in Vergessenheit geraten, sagt Julia-Maria Blesin, als wir am Nachmittag vor einem Café in der Innenstadt sitzen. „Viele Leute wollen heute möglichst schnell am Ort der Entspannung ankommen.“ Was ironischerweise in Stress ausarten kann. Für sich und ihre Familie hat die 33-Jährige vor sechs Jahren eine Form des Reisens gefunden, die den Weg zu würdigen weiß: Urlaube im Miet-Campingbus. Deutschland-Touren, Schweden, Österreich. „Diese Art zu reisen hat uns begeistert – vor allem, wenn man kleine, naturnahe Campingplätze oder Bauernhöfe ansteuern kann.“ Auf landreise.de oder landvergnuegen.com beispielsweise finde man Hunderte zur Auswahl.

Allerdings ist Naturnähe nicht notwendigerweise gleich Klimafreundlichkeit. So klein der CO2-Fußabdruck einer Campingbus-Übernachtung verglichen mit einem Hotelzimmer ist, so überdimensioniert ist er bei der Anreise in solch einem Riesengefährt. „Ich war überrascht zu erfahren, dass – wenn man allein Hin- und Rückweg betrachtet – ein Campervan zu zweit nicht klimafreundlicher ist als ein Flug“, sagt Blesin. Die Pro-Kopf-Klimabilanz verbessere sich aber, je mehr Leute im Campingbus mitfahren. Und je länger der Urlaub, stehenderweise, dauert.

Mein Verkehrsmittel der Wahl für Tag drei ist der ICE, laut Bahn-Eigenwerbung „Deutschlands schnellster Klimaschützer“. Denn von Hannover geht’s tief in den deutschen Süden, nach Freiburg. Hier, nicht weit von der Schweizer und noch näher an der französischen Grenze, wohnt Jana Strecker. Die 31-jährige Ingenieurin, Schwerpunkt erneuerbare Energien, ist Mitgründerin von Terran. Im Namen des Vereins steckt das lateinische „terra“, Erde, denn er setzt sich für flugfreies, erdnahes, eben „terranes“ Reisen ein.

Unser Treffpunkt, ein Vorschlag Streckers, passt klischeehaft gut zur Reisereise. Zur einen Seite des Cafés: die Radstation und das auf umweltbewusste Urlaube spezialisierte Reisebüro Gleisnost. Zur anderen Seite: ein Sonnenscheinblick auf den Hauptbahnhof und, sattgrün, die stadtnahen Schwarzwaldausläufer.

Bis vor ein paar Jahren, erzählt Jana Strecker, sei sie geflogen, beruflich, privat, „ohne darüber nachzudenken – was ja irrwitzig ist, wenn man sich, wie ich, beruflich mit der Energiewende beschäftigt“. Und wenn man sich, wie sie, aus Klimagründen für raumsparendes WG-Wohnen und eine vegetarische Ernährung entscheidet. Aber Fliegen fühlte sich für sie, wie für viele, eben selbstverständlich, alltäglich an.

Aus diesem Alltagstrott wurde Strecker herausgerissen, als sie die Klimabilanz von Flugreisen einmal detailliert vorgerechnet bekam. „Wie schädlich das Fliegen ist, hat mich geschockt.“

Streckers Schilderung erinnert mich daran, wie bei mir vor ein paar Jahren der Groschen gefallen war. Auch ich hatte versucht, mein Leben klimafreundlich einzurichten: autofrei, fleischfrei, wenig Wohnraum, solche Sachen. Und doch stieg ich immer wieder ins Flugzeug. Asien, Europa, Afrika, oft beruflich, manchmal privat. Als seien das kleine Ausnahmen, schon okay. Wie sehr die vermeintlich kleinen Ausnahmen alle CO2-Einsparungen meines Alltags zunichte machten, wurde mir 2017 bewusst, einem Jahr, das ich zu einem Viertel in Indien verbrachte. Ich beschloss, nach der Rückkehr aus Delhi mit Flugfasten zu beginnen.

Nicht mehr fliegen? Das allein erschien Jana Strecker plötzlich viel zu wenig. Und so stieß sie 2019, zusammen mit Kolleginnen, Bekannten und einem ständig wachsenden Unterstützerkreis einen Verein an – eine Initiative, eine Bewegung.

„Wir wollen das Fliegen nicht verbieten“, sagt Strecker. „Aber wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, was es für das Klima bedeutet. Und wie einfach und schön oft die Alternativen sind.“ Etwa mit den Geschichten von terranen Reisen auf ihrer Website terran.eco, die zum Nachdenken und Nachreisen anregen sollen. „Wenn dann jemand weniger fliegt, beispielsweise zumindest innerhalb Europas nur noch terran unterwegs sein will, ist das auch schon ein Erfolg.“

Überhaupt ist es der Ansatz des Vereins, sanften Tourismus mit sanftem Druck statt mit Moralkeuleschwingen voranzubringen. Anders als „Flugscham“ soll „terran“ ein positiv besetztes Wort sein. Eines, so das erklärte Vereinsziel, das irgendwann einmal Teil unseres allgemeinen Sprachgebrauchs ist und im Duden steht. So wie „vegan“.

Nach unserem Kaffeeklatsch führt Jana Strecker mich noch geschwind zum touristischen Highlight Freiburgs, dem Münsterplatz. Sorry, Achill Moser, so viel Sightseeing muss sein.

Ich atme tief ein – welch erholsamer Anblick, wenn man aus den Betoncanyons von Hannover kommt! Straßencafés. Kopfsteinpflaster. Bächle. So eine autoungerechte Altstadt ist schon sehr menschengerecht, denke ich mir.

• Tag vier, 6.46 Uhr. Wieder: strahlend blauer Himmel. Der IC 267 rollt an. In einer Nordschleife geht’s um den Schwarzwald … über die Schwäbische Alb … durch Oberbayern … der Weg ist das Ziel.

Auf der Zugfahrt schmöker ich ein wenig im Buch „Lovely Planet“ der Reisejournalistin Maria Kapeller – keine Nachhaltig-reisen-Tippsammlung, sondern eine kluge Reflexion darüber, was wir machen, wenn wir reisen, und was das mit uns macht (en passant enthält es auch eine Reihe von Ratschlägen für sinnvolleres Reisen). Kapeller stellt darin grundsätzliche Fragen. Mit nicht immer angenehmen Antworten. Offensichtlich, schreibt sie an einer Stelle, gehe es „nicht wenigen Reisenden auch darum, möglichst viele Länder und Orte abzuhaken, um damit möglichst viel Eindruck zu schinden“. So seien „Instagram, Facebook und Co., was das Reisen betrifft, zu Augen und Verstand gleichermaßen blendenden Prahlinstrumenten geworden“.

Granteln kann sie. Gefällt mir. Die Vorfreude auf das Gespräch mit ihr wächst mit jedem Zugkilometer. Am Nachmittag sind wir zu Kaffee und Kuchen in einer ebenfalls sehr pittoresken, fußgängerfreundlichen Altstadt verabredet: der von Salzburg.

Mönchsberg, die Festung, dahinter die schneeweißen Alpen … Braucht, wer in solch einer Bilderbuchgegend wohnt, überhaupt noch zu verreisen? Na ja. Früher, sagt Maria Kapeller, 38, sei sie regelrecht „reisesüchtig“ gewesen. „Hätte ich vor zehn Jahren ein Buch geschrieben, wär's ein total anderes gewesen: Hey, bereise die Welt! Alles ist möglich!“ Ein Jubelbuch.

Nun wurde es ein reisekritisches Reisebuch. Aber, betont Kapeller: „Es geht mir gar nicht ums Anprangern. Sondern darum, einfach mal genau hinzuschauen.“ Bei ihren Reisen, als Touristin, als Journalistin, habe sie das getan und immer öfter ein ungutes Gefühl verspürt. „So: Mein Gott, was machen wir hier eigentlich?! Dieser Öko-Urlaub in Costa Rica: Ist der wirklich nachhaltig? Oder lügen wir uns dabei in die Tasche?“

Die Gefahr des In-die-Tasche-Lügens sieht Kapeller auch beim „Kompensieren“ von Flügen, beispielsweise durch spendenfinanziertes Bäumepflanzen. Ich fühle mich ertappt. Denn ich bin Fastenbrecher. Seit 2017 habe ich mein Flugfasten durchgehalten – mit einer Ausnahme: Im Sommer 2021 bin ich nach Afghanistan geflogen. Beruflich. Und mit CO2-Kompensation. Die Atmosfair-Rechnung für unsere Flüge, zwei Personen, Frankfurt–Kabul und zurück: 4637 Kilogramm CO2. 107 Euro.

Gut gemeint, findet Maria Kapeller, und immerhin mache das Kompensieren einem die CO2-Emissionen des Fliegens bewusster – ungeschehen aber mache es sie nicht. Im besten Fall sei es, langfristig, eine kleine Korrektur. Schlimmstenfalls drohe sogar ein fataler Ablasshandel: „Wer Kompensationszahlungen als Rechtfertigung dafür sieht, noch öfter zu fliegen, schadet dem Klima mehr, als er es schützt.“

Kapellers Konsequenz aus dieser Einsicht: 2018 hat sie mit dem Flugfasten begonnen. Und bis heute durchgehalten.

• Tag fünf, 8.43 Uhr. Fahrt mit dem Oberleitungsbus vom „Grünen Hotel zur Post“ (zehn Prozent Rabatt für Zugreisende!) zum Salzburger Hauptbahnhof. Der vorletzte Tag meiner Reisereise führt mich weit in den Osten. In Wien möchte ich jemanden treffen, der sich mit terranem Reisen auskennt wie wenige andere: Elias Bohun, 22, Mitgründer des Zugfernreisebüros Traivelling. Es entstand aus Bohuns eigener Erfahrung heraus, wie kompliziert es sein kann, flugfrei in die Ferne zu reisen. 2018 fuhr er per Zug nach Vietnam und zurück.

Wir treffen uns im 5. Bezirk, auf einem der Stockwerksbalkone seines Wohnhauses, und setzen uns in die warme Frühlingssonne. Bohun erzählt, wie er, Umweltschützer seit Teenager-Tagen, nach dem Abitur zunächst einen Flug nach Sri Lanka buchte – nur um ihn kurz darauf schlechten Gewissens wieder zu stornieren.

Stattdessen buchte er eine Bahnreise: Wien–Vietnam. Zug um Zug, bis die letzte Lücke auf der Strecke geschlossen war. „Umweltschutz heißt Verzicht“, mit diesem Gedanken habe er die Reise angetreten, sagt er. „Aber dann war dieser vermeintliche Verzicht einfach der coolste Teil der Reise.“ Eine echte Alternative zum Fliegen, findet Bohun. Um diese bekannter und bequemer zu machen, beschloss er zusammen mit seinem Vater, ein Zugfernreisebüro zu gründen.

Anfangs beantworteten sie Buchungsanfragen noch per E-Mail. Demnächst wird die neue Traivelling-Website online gehen – damit kann dann jeder selbst seine Züge buchen, ähnlich wie auf der Seite der Deutschen Bahn, aber für ganz Europa und darüber hinaus. Und mit viel mehr Buchungsoptionen, Fernbussen und Fähren beispielsweise, verspricht Bohun. Sein Ziel: „Eine einzige Website, über die man bequem flugfreie Reisen kreuz und quer durch Europa buchen kann.“

Klingt gut, denke ich mir. Und spiele, da sich meine Reisereise dem Ende zuneigt, schon mal mit dem Gedanken einer zweiten Reise, quer durch Europa – ja, warum nicht? Über umweltfreundliches Unterwegssein ließe sich schließlich noch mehr sagen, einiges mehr.

Ich verabschiede mich von Elias Bohun. Und nutze, was noch vom Nachmittag bleibt, für eine kleine Wienwanderung: Haus des Meeres, Heldenplatz, Stephansdom. Am Schwedenplatz schließlich, kurz vor der Kante des Donaukanals, erspähe ich einen veganen Burgerladen, passend zur Abendbrotzeit.

Anschließend mache ich mich mit der U1 auf zu meinem Nachtlager. Das wartet am Wiener Hauptbahnhof auf mich. Gleis 8. Nightjet 490, Wien–Hamburg. Um kurz nach acht mache ich es mir in meinem Nachtzug-Liegewagen gemütlich, getreu dem Terran-Slogan: „Lieber chillig liegen als billig fliegen!“

• Tag sechs, 8.31 Uhr. Kurz nach dem Frühstück, das auf einem Tablett ans Bett gebracht wird (zwei Brötchen, Marmelade, Kaffee), erfolgt eine Durchsage. „Bitte beachten Sie: Unser nächster Stopp, Hamburg-Harburg, ist heute unsere Endstation.“ Die drei weiteren Hamburger Bahnhöfe werden nicht angefahren. Eine Baustelle.

• 8.45 Uhr. Tja, da steh ich nun. Südlich der Elbe. Also die S-Bahn nehmen, wie vom Nachtzugschaffner empfohlen? Mit Rucksack und Wanderschuhen im morgendlichen Berufspendlerstrom? Das würde ich als etwas stilloses Ende meiner Reisereise empfinden.

Strahlender Sonnenschein. Ein paar Möwen kreischen über mir im Wind. Ich fasse einen Entschluss. Bis nach Altona, eigentliche Endstation und Ausgangspunkt meiner Reise, dürften es ungefähr 15 Kilometer sein. Macht nochmal drei, vielleicht vier Stunden zu Fuß.

Ist doch immer schön, wenn sich ein Kreis schließt, denke ich mir und wandere los.

Wandern von Döbeln nach Leipzig .
Der Sparkassen HikeDeLuxe erlebt seine zweite Auflage. Welche Vereine aus der Region Unterstützung leisten.Bei der Premiere im vergangenen Jahr hatte deshalb auch die Langstreckenwanderung „Sparkassen HikeDeLuxe“ einen großen Zuspruch. Bei der zweiten Auflage werden sich wieder hunderte Wanderfans auf die sechs Teilstrecken zwischen 16 und 70 Kilometer begeben. Die Strecke führt von der Stiefelstadt Döbeln über Leisnig, Grimma und Naunhof nach Leipzig.

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