Wohnen Lydia Ourahmane verbindet gegenwärtige Kunst und Politik

18:15  09 september  2021
18:15  09 september  2021 Quelle:   ad-magazin.de

Zurückweisung: So gelingt sie, ohne jemanden zu verletzen (egal, in welcher Situation)

  Zurückweisung: So gelingt sie, ohne jemanden zu verletzen (egal, in welcher Situation) Nein zu sagen ist in jedem Business ab und an eine Notwendigkeit, der wir uns stellen müssen. Aber wie macht man das, ohne zukünftige Geschäfte zu ruinieren? Wir haben hier die besten Tipps.Eines der berühmtesten Zitate von Warren Buffett hat mit dem Ablehnen von Menschen zu tun: “Der Unterschied zwischen erfolgreichen Menschen und sehr erfolgreichen Menschen ist, dass sehr erfolgreiche Menschen zu fast allem 'Nein' sagen.” Damit verweist der milliardenschwere Investor auf die vielen Male, in denen er sich zugunsten seines Vermögens geweigert hat, an einem Geschäft teilzunehmen oder in ein Unternehmen zu investieren.

Lydia Ourahmanes Kunstprojekte sind kühne Kraftakte, voll von Melancholie und den Sorgen der Gegenwart. Und Gesetze haben sie auch schon verändert.

  Lydia Ourahmane verbindet gegenwärtige Kunst und Politik © Phillipp Hänger/ Kunsthalle Basel

Lydia Ourahmane: Das stellt die Künstlerin in der Kunsthalle Basel aus.

Neulich war Lydia Ourahmane beim Zahnarzt; Schmerzen, mal wieder kontrollieren, das Übliche. Der Arzt, erzählt sie, habe sich dann sehr gewundert, ein Goldzahn, und das in ihrem Alter, heutzutage nehme man da doch eher Email. Sie lacht ins Telefon. „Dann hab ich ihm die Geschichte erklärt.“ Und das dauert länger. Denn der Zahn, der aus Lydia Ourahmanes Mundwinkel golden herausglitzert, wenn sie lächelt (und nur dann), der ein wenig zu nah \an die anderen heranimplantiert wurde und sie deshalb gefährdet, schmerzt, dieser Zahn gehört zum wohl aufwühlendsten, ja fies pochendsten Kunstwerk unserer Zeit.

lydia hell ist ein Spucking-Image von Mum Debbie, während sie sich aus dem neuen weißen blonden Haar zeigt Ihre meist-honig blonde Unterlegungen für einen frischen, sauberen Schatten der aschigen Blondine.

 lydia hell ist ein Spucking-Image von Mum Debbie, während sie sich aus dem neuen weißen blonden Haar zeigt Ihre meist-honig blonde Unterlegungen für einen frischen, sauberen Schatten der aschigen Blondine. Der Ton passt perfekt zur Haut, aber wir glauben, dass sie das schon lange wüsste, dass das Mama Debbie hell diese Farbe trägt (und mit ihm sehr gut aussieht). Lydia hat ihren ersten Blick auf ihren neuen Farbton auf Instagram in Instagram aufgeteilt, hat aber über das Wochenende in Instagram-Geschichten gebracht, um ihr 1,2 Millionen Anhänger ein Nahansicht zu geben.

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Lydia-Ourahmane-at-Chisenhale-Gallery_04_02_2500_c.jpg © Phillipp Hänger/ Kunsthalle Basel Lydia-Ourahmane-at-Chisenhale-Gallery_04_02_2500_c.jpg

„In the Absence of our Mothers“ heißt es, und wie immer bei guter Kunst gibt es da ein Ding, ein Objekt, eine Manifestation des Werks – aber eben auch die Assoziationen, die Sedimente, die sich darüberlegen. Hier ist das zum einen der leibhaftige, real implantierte Goldzahn, mit dem die Künstlerin heute lacht und spricht und kaut und lebt. Dann gibt es einen zweiten goldenen Zahn, der wie ein kleiner Nagel bei Ausstellungen aus der Wand herauslugt, dazu ein Gebiss im Röntgenbild. Das allein ist formal interessant, ein Abgrund tut sich aber auf, wenn man den begleitenden Infozettel, die Vitrinenauslage anschaut. Dort wird in knappen Worten von Tayeb Ourahmane berichtet, der von 1932 bis 1945 in der französisch-algerischen Armee seinen Militärdienst leistete und als hochrangiger Scharfschütze andere Soldaten ausbildete. Im Jahr 1945 sollte er dann mit der französischen Armee gegen Deutschland kämpfen. Weil er das nicht wollte – nach 13 Jahren Zwangsdienst mit drei kleinen Kindern in diesen Krieg der Kolonialmacht ziehen –, machte er sich selbst, wie es lapidar heißt, „unfit for service“. Er zog sich die Zähne, einen nach dem anderen. Tayeb Ourahmane ist Lydias Großvater. Er starb 1979, sie wurde 1992 geboren. In ihrer Arbeit verbindet sie diese private Familienangelegenheit, die aber auch von der kolonialen Vergangenheit Algeriens erzählt, mit den Dringlichkeiten des Heute: 2015 kurz nach ihrem Abschluss an der Londoner Goldsmiths University recherchiert die Künstlerin in Algerien, der Heimat ihrer Familie, zur illegalen Migration. Auf einem Markt in Oran traf sie einen jungen Mann, der eine 18-Karat-Kette für 300 Euro verkaufen wollte. So viel kostete damals die Schlepperbootfahrt nach Spanien. „Er sagte mir, seine Mutter habe ihm die Kette gegeben“, erzählt Ourahmane. Sie habe sich gefragt, ob das eine Lüge war. Ob er die Kette der Mutter wegnahm, um wegzukommen. Solche Konflikte inte­ressieren sie; Entscheidungen, die kein Zurück zulassen. Wie beim Großvater in den letzten Tagen des Kriegs. Sie kaufte die Kette, ließ das Gold schmelzen, daraus wurden die Zähne, wurde Kunst.

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Lydia Ourahmane: zwischen Kommoden und Kerzenstummeln

Kolonialismus, Migration, die neusten Überwachungstechnologien, der Verlust von Heimat und wie sich all das in die Körper einschreibt, gerade auch in ihren eigenen – es sind die Gegenwartsschmerzen, mit denen sich Ourahmane beschäftigt, sie zeigt es im Großen, mit Projekten, geradezu Fitzcarraldo-gleiche Kraftakte, aber auch im Privaten. „Ich bekam sofort Kopfläuse“, antwortet sie etwa, wenn man sie fragt, wie das für sie damals war, als sie mit neun Jahren von Algerien nach England zog, wo ihre politisch engagierten Eltern Schutz vor Verfolgung suchten.

„Obwohl sie noch so jung ist, folge ich Lydias Arbeiten schon seit einigen Jahren“, erklärt Elena Filipovic, Direktorin der Kunsthalle Basel, die gerade eine imposante Installation von Ourahmane präsentiert. „Ich bin wirklich beeindruckt, wie sie ihre Finger auf die immensen politischen und historischen Wunden legt, aber dabei nie außer Acht lässt, dass die großen politischen und historischen Bewegungen erst einmal die Geschichte von Einzelnen sind.“ Spürbar wird das gerade in der Kunsthalle Basel. Für „Barzakh“ (das Wort für Limbus auf Arabisch), ließ die Künstlerin das Inventar ihrer Mietwohnung in einen Container packen und von Algier nach Basel verschiffen, und zwar alles: Kommoden, Klamotten, sogar abgebrannte Kerzenstummel, Betttücher, die Eingangstür. Verloren stehen die mahagonidunklen Möbel nun im Ausstellungssaal herum, gemäß des unsichtbaren Raumplans einer Wohnung, die 2625 Kilometer entfernt liegt. Auch hier, bei dieser Schau, die danach nach Marseille wandern wird, legen sich die Schichten übereinander. Da ist die Gegenwart: Zu 34 Besichtigungen musste die junge Künstlerin vor zwei Jahren tingeln, bevor ihr, der unverheirateten Frau, eine Wohnung vermietet wurde. Es waren die Räume einer kurz davor verstorbenen, ebenfalls alleinstehenden Dame, die Schränke noch voll von ihren Dingen, stumme Zeugen dieser Biografie. Das beklemmende Eindringen ins Private eines anderen, wie es nun die Ausstellungsbesucher erleben; die Künstlerin hatte es bereits am eigenen Leib erfahren.

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  Popcorn trifft Postmoderne: So wohnt das Kunstsammlerpaar Johanna und Friedrich Gräfling Friedrich und Johanna Gräfling haben ihre Wohnung in Frankfurt zu einer Begegnungsstätte der Kunst gemacht - öffentliche Ausstellungen inklusive. Auch wenn das im Alltag schon mal echte Herausforderungen mit sich bringt. © Ingmar Kurth Vom umfunktionierten Betonmischer mit Flammenwerfer bis hin zu Andy Warhol als Duftspender: In der Wohnung von Johanna & Friedrich Gräfling lässt sich all das finden. & © Ingmar Kurth 2021_graflings_1755.jpg Sagen Sie mal: Stimmt es, dass Sie in Ihrer Wohnung das Make-up von Angela Merkel ausstellen?Friedrich Gräfling: Ja, dort hinten in der Vitrine.Ach was.

& Portrait Lydia Ourahmane_Photo Dominik Asche_web 04.jpg © Dominik Asche Portrait Lydia Ourahmane_Photo Dominik Asche_web 04.jpg

Neue Darstellungsform der Kunst

Lange musste Lydia Ourahmane im Lockdown ringen, um das Hab und Gut aus Algerien herauszubekommen, listenlang notierte sie Gegenstände. Solche Genehmigungskämpfe sind immer auch Teil ihres Arbeitens, zweimal schon hat sie dadurch nicht nur eine Ausstellung eröffnet, sondern auch die Gesetzgebung in Algerien verändert. Für „The Third Choir“ ließ sie 2014 zwanzig leere Ölfässer exportieren – es waren die ersten, als Kunstwerk deklarierten Objekte, die seit der Unabhängigkeit 1962 Algerien legal verlassen konnten. Und mit „Barzakh“ wurde neben den bekannten Darstellungsformen wie Malerei oder Skulptur endlich auch die „Installation“ in die Rechtsprechung aufgenommen, vorher existierte sie einfach nicht. Was ist Kunst – und wer definiert sie? Ein Frage, die man beim Zahnarzt verhandeln kann – und beim Zoll. Ihre Basler Ausstellung hat Lydia Ourahmane jedenfalls kurzfristig obdachlos gemacht, gerade baut sie sich in Barcelona ein neues Zuhause auf. Ob sie für ihre Kunst leidet? Am Telefon ist es kurz still. „Ich würde leiden, könnte ich sie nicht machen.“

& IMG_2212_1200_2xweb.jpg © Frederik Gruyere IMG_2212_1200_2xweb.jpg

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