Finanzen Commerzbank-Experte: Ex-EZB-Präsident Draghi beeinflusst Inflation in der Eurozone weiterhin

05:05  15 september  2021
05:05  15 september  2021 Quelle:   finanzen.net

EZB hält an Niveau der Leitzinsen fest - Tempo bei Anleihekaufprogramm verlangsamt

  EZB hält an Niveau der Leitzinsen fest - Tempo bei Anleihekaufprogramm verlangsamt Die Europäische Zentralbank hat nach ihrer jüngsten Sitzung über die aktuelle Geldpolitik informiert. © Bereitgestellt von Finanzen.net Andrew Burton/Getty Images Die Europäische Zentralbank (EZB) geht angesichts der gut laufenden Konjunktur bei ihren milliardenschweren Anleihenkäufe leicht vom Gas. Im vierten Quartal 2021 soll der Erwerb von Staats- und Unternehmenspapieren im Rahmen des Corona-Notkaufprogramms PEPP "moderat" geringer ausfallen als derzeit. Das entschied der EZB-Rat bei seiner Sitzung am Donnerstag, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte.

Mario Draghi hat in seiner Tätigkeit als Chef der Europäischen Zentralbank nicht nur Zuspruch erhalten. Als oberster Währungshüter führte er Minuszinsen ein und orientierte sich vorrangig am Inflationsziel für die Eurozone. Ein Wirtschaftsexperte wirft ihm nun vor, die Inflation in der Eurozone weiterhin zu beeinflussen - in anderer Position und mit anderem Ziel.

Mario Vedder/Getty Images © Bereitgestellt von Finanzen.net Mario Vedder/Getty Images

• Weiter lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank

• Commerzbank-Chefvolkswirt macht Politik in Italien mit verantwortlich

• Draghi baue Druck auf die EZB auf

Europäische Zentralbank: EZB signalisiert niedrigeres Tempo bei Anleihekäufen

  Europäische Zentralbank: EZB signalisiert niedrigeres Tempo bei Anleihekäufen Die EZB will das monatliche Tempo ihrer Anleihekäufe reduzieren. Sie lässt weiterhin offen, wann das Notfallprogramm PEPP endet. © dpa Das auf insgesamt 1,85 Billionen Euro angelegte Krisenprogramm soll nach den bisherigen Planungen noch bis mindestens Ende März 2022 laufen. Die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert auf die sich erholende Konjunktur und die steigenden Inflationsraten: Das Tempo der im Rahmen des Corona-Notfallprogramms PEPP getätigten Anleihekäufe soll im vierten Quartal leicht gedrosselt werden. Das kündigte die Zentralbank nach der Sitzung des EZB-Rats an.

Zwei Jahre ist es her, dass Mario Draghi seinen Posten als Präsident der Europäischen Zentralbank EZB verlassen hat. Inzwischen hat er einen neuen Job: Als italienischer Ministerpräsident ist er weiterhin in einflussreicher Position tätig. Und in dieser Position beeinflusst er ebenfalls weiterhin die Inflation im Euroraum, auch wenn er nicht mehr für die EZB arbeite, so der Vorwurf eines Commerzbank-Experten.

Commerzbank-Chefvolkswirt mit Vorwürfen gegen Draghi

Dabei verweist Jörg Krämer, der bei dem deutschen Finanzhaus als Chefvolkswirt tätig ist, auf die Wirtschaftspolitik des südeuropäischen Landes und nimmt Mario Draghi als Regierungschef direkt in die Verantwortung: "Würde er die dringend notwendigen Reformen durchsetzen und sein Heimatland wirtschaftlich wieder auf die Beine stellen, würde sich die EZB nicht mehr unter Druck setzen, Italien zu stützen", zitiert "Bloomberg" aus einem Report, den der Frankfurter Ökonom auf Basis eines FAZ-Artikels veröffentlicht hat.

EZB könnte Inflationsziel laut FT-Bericht womöglich bis 2025 erreichen - EZB widerspricht

  EZB könnte Inflationsziel laut FT-Bericht womöglich bis 2025 erreichen - EZB widerspricht Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte einem Medienbericht zufolge ihr Inflationsziel von zwei Prozent bis 2025 erreichen. © Bereitgestellt von Finanzen.net DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images EZB-Chefvolkswirt Philip Lane habe dies bei einem privaten Gespräch mit deutschen Volkswirten erklärt, berichtet die "Financial Times" (FT) am Donnerstag. Lane habe den Volkswirten gesagt, das mittelfristige Referenzszenario der EZB zeige, dass die Inflation kurz nach dem Ende der derzeitgen Prognoseperiode bei zwei Prozent landen sollte.

Der Erfolg der wirtschaftlichen Sanierung des Landes sei fraglich, schreibt Krämer weiter. Das Land werde vor diesem Hintergrund weiter darauf angewiesen sein, dass die Kreditkosten niedrig bleiben. Das werde die EZB zwingen, die Geldpolitik locker zu halten. Seiner Ansicht nach riskieren die Währungshüter auf diesem Weg, dass sich die Inflation schließlich festsetze.

Inflation zieht an

Zuletzt hatte die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik erneut bestätigt. Zwar nehmen die Währungshüter dank der guten Konjunkturentwicklung bei den milliardenschweren Anleihenkäufen leicht den Fuß vom Gas und wollen im letzten Jahresviertel moderat weniger Staats- und Unternehmenspapieren im Rahmen des Corona-Notkaufprogramms PEPP erwerben. An den Niedrigzinsen halten die Währungshüter aber weiter fest - die Laufzeit des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) mit einem Volumen von 1,85 Billionen Euro blieb ebenfalls unverändert.

EZB-Direktorin - Trotz hoher Inflation Niedrigzinsen beibehalten

  EZB-Direktorin - Trotz hoher Inflation Niedrigzinsen beibehalten EZB-Direktorin - Trotz hoher Inflation Niedrigzinsen beibehaltenEine verfrühte Straffung wäre aus ihrer Sicht "Gift für den derzeitigen Aufschwung", erklärte die deutsche Ökonomin am Montag anlässlich des Baden-Badener Unternehmergesprächs. Die EZB strebe an, dass sich die Teuerungsrate dauerhaft bei zwei Prozent einpendele, um den Weg aus dem Niedrigzinsumfeld nachhaltig zu ebnen. "Diese Bedingung ist zum jetzigen Zeitpunkt trotz der aktuell recht hohen Inflationsraten noch nicht erfüllt", sagte Schnabel.

Zeitgleich veröffentlichte der volkswirtschaftliche Stab der Europäischen Zentralbank (EZB) seine Prognosen für die Inflationsentwicklung und hob die Schätzungen mittelfristig an: Demnach rechnet die EZB für 2021 mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um 2,2 Prozent - bislang war man von 1,9 Prozent ausgegangen. Für 2022 erwarten die Experten nun einen Anstieg um 1,7 statt wie bisher 1,5 Prozent, die Erwartungen für den Inflationsanstieg für 2023 wurden ebenfalls von 1,4 auf 1,5 Prozent angehoben.

Experten uneins über Geldpolitik

Für den Chefvolkswirt der Commerzbank ist klar, dass Mario Draghi als italienischer Ministerpräsident an dieser zu erwartenden Inflationsentwicklung seinen Anteil hat. "Italien bleibt auf die Hilfe der EZB angewiesen, die mit Anleihekäufen und negativen Leitzinsen für niedrige Staatsfinanzierungskosten sorgt", so Krämer weiter. Draghis "Aktionen beeinflussen immer noch die Inflation", fasst der Experte zusammen.

Während Krämer also eher ein Verfechter einer strafferen Geldpolitik ist, zeigte sich EZB-Direktorin Isabel Schnabel zuletzt überzeugt, dass der Inflationsanstieg nur vorübergehend und eine voreilige Reaktion der EZB daher kontraproduktiv sei. Anlässlich eines Unternehmergesprächs in Baden-Baden erklärte sie: "Eine verfrühte Straffung der Geldpolitik in Reaktion auf einen vorübergehenden Inflationsanstieg wäre Gift für den derzeitigen Aufschwung und würde gerade denen noch mehr schaden, die auch unter dem jetzigen Inflationsanstieg leiden.

Ihrer Ansicht nach werde sich der Preisauftrieb im kommenden Jahr wieder abschwächen, sie hält eine übermäßig hohe Inflation im Euroraum "aufgrund der weiterhin niedrigen Inflationserwartungen für sehr unwahrscheinlich".

Redaktion finanzen.net

Inflation so hoch wie seit 1993 nicht mehr: Ökonomen warnen vor Lohn-Preis-Spirale .
Unternehmen haben wegen hoher Nachfrage große Spielräume bei Preiserhöhungen.Das Statistische Bundesamt meldete am Montagnachmittag, dass die Inflationsrate im August nach vorläufigen Zahlen um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen ist. Das ist der höchste Wert seit 28 Jahren. Die Wiesbadener Statistiker sprechen “von einer Reihe von Gründen“. Dazu gehören zahlreiche Sondereffekte: So wurden 2020 die Preise durch eine die temporäre Mehrwertsteuersenkung gedrückt, die inzwischen ausgelaufen ist.

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