Finanzen Die Kommunikation des kommenden Kanzlers: Olaf Scholz, das ist Menschlichkeit ohne Kitsch

19:24  04 dezember  2021
19:24  04 dezember  2021 Quelle:   wiwo.de

Olaf Scholz und Corona: Jetzt rächt sich sein Schweigen

  Olaf Scholz und Corona: Jetzt rächt sich sein Schweigen Die Corona-Politik hatte für Olaf Scholz lange keine Priorität. Das macht ihn nun angreifbar und es ist eine Hypothek für die künftige Ampel-Regierung. © Michael Kappeler/​dpa Olaf Scholz, noch geschäftsführender Bundesfinanzminister, im Bundestag während der Corona-Debatte Olaf Scholz hat Corona unterschätzt. Kurz vor der Bundestagswahl etwa reiste er mit einigen Journalisten durch Brandenburg und gab seine Einschätzung ab: "Lästig" sei das Virus, keine Frage. Masken und Hygieneregeln werden auch in diesem Winter noch eine Rolle spielen, sagte der SPD-Kanzlerkandidat voraus.

Noch nicht einmal im Amt, muss Olaf Scholz schon liefern, da die Krisen nicht auf ihn warten. Und fast hat man den Eindruck, der Wahlkampf habe in ihm eine Lust an Kommunikation geweckt, die er bisher verbergen konnte.

SPD-Kanzler Olaf Scholz © dpa SPD-Kanzler Olaf Scholz

Frank Stauss ist Teilhaber der Kommunikationsagentur „Richel, Stauss“. Er gehört zu den erfahrensten Wahlkampfberatern Deutschlands und hat unter anderen zwei Kampagnen für Olaf Scholz entworfen.

Über sechzehn Jahre hinweg haben die deutsche und die  internationale Öffentlichkeit versucht, Angela Merkel zu verstehen. In den ersten Jahren war dies fast unmöglich, da ihre mäandernden Satzkonstruktionen selbst den geneigtesten Zuhörer in sofortigen Sekundenschlaf versetzten. Was ihr Ziel war.

Neues Impfziel von Olaf Scholz: 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten – ist das realistisch?

  Neues Impfziel von Olaf Scholz: 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten – ist das realistisch? Bald-Kanzler Scholz gibt erneut ein ambitioniertes Impfziel aus. Genügend Impfstoff gäbe es, um es zu erreichen. Experten sind trotzdem skeptisch. © Foto: Imago/photothek Vizekanzler Olaf Scholz fordert 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten. Olaf Scholz hat es wieder getan: Deutschlands designierter Bundeskanzler ist mit einem überraschend ambitionierten Impfziel vorgeprescht. Bis Weihnachten sollen 30 Millionen Impfungen durchgeführt werden, um die vierte Corona-Welle zu brechen, das kündigte Scholz am Dienstag in der Bund-Länder-Runde an.

Mit dem angekündigten Rückzug ab Oktober 2018 wurden Merkels Worte allerdings klarer, ihre Sätze kürzer. Parteipolitische Sprachbalance war ihr zunehmend gleichgültig. Nie gleichgültig war hingegen die Inszenierung ihrer Auftritte – die Inszenierung der Macht.

Diese Auftritte professionalisierte – oder manipulierte – ihr Stab bis ins kleinste Detail und sie verhinderten vor allem echte Debatten außerhalb der wenigen Wahlkampf-TV-Duelle (die sie auch fast alle verlor, um danach die Wahlen zu gewinnen.)

Merkel gab es immer nur noch solo. Als Einzelgast in Talkshows, die sonst mindestens vier Gäste zählten und nur in Formaten, die sie selbst so verändern konnte, bis sie zu ihr passten. Die Medien spielten mit – oder gingen leer aus.

Ampel-Regierung: SPD stimmt Koalitionsvertrag zu – Scholz ist der Kanzlerschaft wieder einen Schritt näher

  Ampel-Regierung: SPD stimmt Koalitionsvertrag zu – Scholz ist der Kanzlerschaft wieder einen Schritt näher Olaf Scholz nimmt eine weitere Hürde auf dem Weg zur Kanzlerschaft: Die SPD hat den Koalitionsvertrag abgenickt. Jetzt fehlt noch die Zustimmung von FDP und Grünen. © dpa Auf einem SPD-Parteitag hat der zukünftige Bundeskanzler seine Partei auf die bevorstehende Regierungszeit eingeschworen. Die Ampel-Regierung hat eine weitere Hürde genommen. Am Samstag stimmte die SPD auf einem außerordentlichen Parteitag dem Koalitionsvertrag mit Grünen und FDP zu. 98,8 Prozent der rund 600 Delegierten stimmten für die Bildung einer Ampel-Koalition.


Video: 16 Jahre Merkel: Rückblick auf eine Ära (AFP)

Und jetzt Olaf Scholz. Noch nicht einmal im Amt, muss er schon liefern, da die Krisen nicht auf ihn warten. Es ist die berüchtigte Twilight-Zone der deutschen Politik, die zwischen Abwahl der einen und Formierung der neuen Regierung jegliches Handeln und damit auch jegliche Kommunikation erschwert.

Ein Bundeskanzler in spe, der bereits vor seiner Wahl deutliche Worte findet, wirkt schnell anmaßend, arrogant und auch respektlos gegenüber der geschäftsführenden Amtsinhaberin. Denn faktisch ist er noch nichts. Entsprechend vorsichtig agiert Scholz auch. Dennoch setzt er in den ersten Tagen schon Akzente, die berechtigte Hoffnung auf eine bessere Kommunikation zwischen Kanzleramt und Volk machen.

Auf der einen Seite liegt das in der Achtsamkeit im Umgang mit seinen Koalitionspartnern, die zu den geräuschlosen Koalitionsverhandlungen führten. Auf der anderen Seite liegt es daran, dass Scholz es wagt, neue Formate zu erschließen. Man hat fast den Eindruck, der lange, harte und wortreiche Bundestagswahlkampf habe in dem Mann eine Lust an der Kommunikation und am Erklären von Politik geweckt, die er bisher verbergen konnte.

Machtwechsel nach 16 Jahren Merkel: So läuft die Amtseinführung von Olaf Scholz

  Machtwechsel nach 16 Jahren Merkel: So läuft die Amtseinführung von Olaf Scholz Olaf Scholz wird Kanzler der ersten Ampel-Koalition im Bund. Bevor er sein Amt übernimmt, muss er viel pendeln zwischen Bundestag und Schloss Bellevue. © Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka Olaf Scholz (SPD), designierter Bundeskanzler Deutschlands erste Ampel-Koalition im Bund geht an den Start: SPD, Grüne und FDP wollen den Sozialdemokraten Olaf Scholz an diesem Mittwoch im Bundestag zum neunten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wählen. Der 63-Jährige wäre erst der vierte SPD-Kanzler nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder.

Scholz hat mit seinem Fernseh-Auftritt bei „Joko und Klaas“ bewiesen, dass er erklären, argumentieren und vor allem auch überzeugen kann. Wenn er es will. Und wenn er es muss. Er musste jetzt die Rolle einnehmen, die er noch nicht hatte. Weil die Notwendigkeit das erforderte. Die Sprache klar, ohne anbiedernd zu sein, verständlich, ohne banal zu werden, menschlich, ohne kitschig zu sein.

In die Hände spielte ihm dabei das Bundesverfassungsgericht, das einer FDP, die sich im Irrgarten ihres zunehmend gefährlich überdehnten Freiheitsbegriffes ziellos verrannt hatte, den Ausweg aus ihrem Dilemma wies. Scholz sprach also, als er es konnte, Klartext.

Zu wünschen ist, dass er diesen Klartext beibehält und im Gegensatz zu seiner Vorgängerin auch medial wieder mehr Demokratie wagt – und mehr Debatten.

Mehr zum Thema: Liberaler Kaufmanns-Bürgermeister oder doch linker Steuermann? Annäherung an einen Mann, der nicht so leicht auszurechnen ist.

Kanzler Scholz: Außenpolitik gemeinsam mit Baerbock .
Die neue Regierung ist kaum im Amt, da wird öffentlich zwischen SPD und Grünen diskutiert. Es geht um die Federführung in der Außenpolitik. Kanzler Olaf Scholz hat dazu klare Worte. © Thomas Imo/photothek/picture alliance Im Beisein von Olaf Scholz (r.) erhielt Außenministerin Annalena Baerbock am Mittwoch im Schloss Bellevue ihre Ernennungsurkunde Der neue Bundeskanzler Olaf Scholz will die Außenpolitik seiner Regierung im Einvernehmen mit Ressortchefin Annalena Baerbock von den Grünen gestalten.

usr: 0
Das ist interessant!