Finanzen Energiepreise: Biogas zum Heizen wird knapp – aber die Prioritäten der Ampel liegen woanders

01:56  08 dezember  2021
01:56  08 dezember  2021 Quelle:   handelsblatt.com

Ampel-Einigung: Das steht im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP

  Ampel-Einigung: Das steht im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP Am Mittwoch haben die drei Regierungsparteien ihre Pläne vorgestellt. Alle Informationen zur Bundestagswahl finden Sie in unserem Newsblog.

In Deutschland gibt es so wenig Biogas, dass viele Ökokunden künftig mit Erdgas heizen werden. Im Koalitionsvertrag kommt das Thema trotzdem kaum vor.

Die Nutzung von Biomethan für den Treibstoffsektor hat sich seit 2016 fast verdreifacht, dabei wird kaum mehr produziert als noch vor fünf Jahren. © dpa Die Nutzung von Biomethan für den Treibstoffsektor hat sich seit 2016 fast verdreifacht, dabei wird kaum mehr produziert als noch vor fünf Jahren.

Das Zähneknirschen lässt sich aus dem Brief des Biostrom- und Biogasanbieters Naturstrom an seine Kunden förmlich herauslesen: „Der starke Lieferengpass bei Biogas führt bedauerlicherweise dazu, dass wir 2022 den Biogasanteil Ihres Tarifs deutlich von 100 Prozent auf 10 Prozent reduzieren müssen“, hieß es da kürzlich. „Eine höhere Biogasbeimischung lässt der Markt im Moment schlicht nicht zu.“

Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien: Kritik aus allen Parteien am Papier von SPD, Grünen und FDP

  Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien: Kritik aus allen Parteien am Papier von SPD, Grünen und FDP SPD, Grüne und FDP haben ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Die Oppositionsparteien reagieren umgehend – und sparen nicht mit Kritik. Die freundlichsten Worte kamen noch aus München. © M. Popow / imago images/Metodi Popow Wenn eine potenzielle neue Regierung ihren Koalitionsvertrag vorstellt, kommt aus der Opposition meist zügig Kritik. So ist es auch nach der Vorstellung der Kernbotschaften der Ampelparteien. (Lesen Sie hier die wichtigsten Punkte und hier den gesamten Vertrag.) Aber auch von Umweltverbänden und aus den eigenen Parteien gab es nicht nur Lob für den Vertrag.

Für umweltbewusste Kunden des Anbieters, die bislang freiwillig für nachhaltiges Gas höhere Heizkosten gezahlt haben, sind das keine guten Nachrichten. Sie sind künftig gezwungen, zu 90 Prozent konventionelles Gas zu verbrauchen – und das zu einem genauso teuren Tarif wie zuvor.

Die jüngsten Tarifänderungen bei Naturstrom, die der Anbieter „sehr gerne vermieden“ hätte, folgen aus einer Verschärfung der Lage: Eine gesetzliche Änderung befeuert die Nachfrage nach Biogas – und könnte sie in Zukunft noch weiter in die Höhe treiben. Hohe Preise, geringes Angebot: Dass der Biogas-Markt unter Druck steht, moniert auch Florian Henle, Geschäftsführer des Naturstrom-Konkurrenten Polarstern Energie: „Wir brauchen dringend mehr Biogas für den freien Energiemarkt.“

Erste Entscheidungen sind gefallen: Wie die Ministerien verteilt werden – und wer sie (wahrscheinlich) besetzt

  Erste Entscheidungen sind gefallen: Wie die Ministerien verteilt werden – und wer sie (wahrscheinlich) besetzt Die Ziele der Ampel-Koalition sind definiert. Jetzt muss sich nur noch das Regierungsteam finden, das sie umsetzt. Überraschungen eingeschlossen. © Foto: imago images/Bildgehege Der Zauber des Anfangs - die Ampelspitzen bei der Vorstellung des Koalitionsvertrages in Berlin. Die FDP hat ihr Regierungsteam schon verkündet, am Donnerstag folgen die Grünen. Bei der SPD kann es noch länger dauern. Nach der Vorstellung des Koalitionsvertrags der drei Ampel-Parteien richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Personalien.

Auslöser der vertrackten Lage ist eine EU-Richtlinie, die eigentlich den Ausbau erneuerbarer Energien fördern und so dem Klimaschutz dienen soll: Die „Renewable Energy Directive II“ (RED II). Nun wirbelt sie zunächst einmal den Markt auf.

Denn um sie in deutsches Recht umzusetzen, hat die Bundesregierung im Oktober neue Treibhausgas-Minderungsquoten festgelegt. Diese Quoten zwingen Kraftstoffanbieter, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren – zum Beispiel, indem sie auch Biomethan anbieten.

Treibstoffsektor nutzt dreimal so viel Biomethan wie 2016

Die Folgen sind in der ganzen Branche spürbar. Der Vizepräsident des Biogas-Fachverbandes, Christoph Spurk, erläutert: „Aktuell gibt es auf dem Markt eine starke Nachfrage nach Biomethan als Kraftstoff.“ Die Nutzung von Biomethan im Treibstoffsektor habe sich seit 2016 fast verdreifacht, es werde aber insgesamt kaum mehr Biomethan hergestellt als vor fünf Jahren. Für Versorger wird es deshalb immer schwieriger, Biogas zum Heizen zu beschaffen.

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  Koalitionsvertrag: Sie haben eine Chance verdient Die Ampel startet unter schwierigen Bedingungen und mit großen Versprechungen. Das kann leicht schiefgehen. Trotzdem: Der Koalitionsvertrag gibt Anlass zur Hoffnung. © Kay Nietfeld/​dpa Die Ampel-Vertreter und -Vertreterinnen auf dem Weg zur Vorstellung des Koalitionsvertrags Am Anfang war das Selfie. Fröhlich entschlossen blickten die einstigen Gegner von FDP und Grünen zu Beginn der Sondierungsverhandlungen in die Kamera. Jetzt beginnt eine neue Zeit, sollte das heißen. Die künftigen Regierungspartner der Ampel-Fraktionen wollten vieles anders machen.

Auf diese problematische Lage reagieren nicht alle Ökogasanbieter so wie Naturstrom. So gibt es bei Polarstern Energie etwa ausschließlich einen 100-Prozent-Biogas-Tarif, den das Unternehmen auch im nächsten Jahr Neukunden anbieten will. Ob der kleine Anbieter einem großen Ansturm wechselwilliger Naturstrom-Kunden standhalten könnte, ist allerdings fraglich. Denn bislang setzt das selbst ernannte Gemeinwohl-Unternehmen eher auf einen kleinen, überzeugten Kreis von Abnehmern. Seine Kundenzahl liegt nur im mittleren fünfstelligen Bereich, nicht im sechsstelligen wie bei Naturstrom.

Ähnlich ist es bei den Elektrizitätswerken Schönau (EWS Schönau), die derzeit ebenfalls nur noch einen reinen Biogas-Tarif anbieten. Der Geschäftsführer Rainer Sylla erläutert: „Unternehmenspolitisch muss man die Frage beantworten: Will ich mit der begrenzten Menge an Biogas möglichst viele Kunden mit einer geringen Beimischung erreichen, oder will ich den überzeugten Befürwortern einer klimaneutralen Wärmeversorgung ein hochwertiges 100-Prozent-Biogasprodukt anbieten? Die EWS hat sich für den zweiten Weg entschieden.“

„Wir sind der Maschinenraum der Umsetzung“: Kommunen fordern von Ampel-Koalition mehr Handlungsspielraum

  „Wir sind der Maschinenraum der Umsetzung“: Kommunen fordern von Ampel-Koalition mehr Handlungsspielraum Die groß angekündigten Vorhaben der Ampel müssen in den Städten und Gemeinden realisiert werden. Die sehen sich dafür noch nicht gerüstet. © Foto: Fabian Sommer/dpa Die Kommunen erwarten von der Ampel-Koalition mehr Zeit und Handlungsoptionen zur Umsetzung der Klimaschutzziele. Der Mitverhandler des Koalitionsvertrages und Grüne Oberbürgermeister von Hannover, Belit Onay, fordert angesichts der ambitionierten Ampel-Ziele mehr Handlungsspielraum für Städte und Gemeinden. "Wir sind auf kommunaler Ebene der Maschinenraum der Umsetzung.

Etwas mehr ins Gewicht fallen dürfte die Entscheidung des großen Hamburger Ökostrom- und Ökogasanbieters Lichtblick, ausgerechnet 2022 ebenfalls einen reinen Biogastarif einzuführen. Bislang bietet er nur einen Tarif mit fünf Prozent Biogas-Beimischung an und kompensiert den konventionellen Gasanteil – ebenso wie Naturstrom – durch Umweltprojekte.

Ein Anreiz für diese Entscheidung: Biogas ist zwar teurer geworden – konventionelles Gas aber auch. Und zwar so viel teurer, dass Biogas im Vergleich wettbewerbsfähiger wird. Doch auch Lichtblick rechnet nicht damit, das nötige Biogas in Deutschland einkaufen zu können. Stattdessen setzt der Anbieter auf den europäischen Markt.

39 Prozent der neuen Wohngebäude sind Erdgas-beheizt

Anbieter wie Lichtblick verweisen darauf, wie wichtig Biogas als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität ist. Das Unternehmen teilt mit: „Biogas sollte Erdgas dort ersetzen, wo der Umstieg auf elektrische Heizsysteme noch schwierig oder gar unmöglich ist.“ Noch ist die Zahl der Gasheizungen in Deutschland hoch. Laut Statistischem Bundesamt werden 39 Prozent der im Jahr 2020 gebauten Wohngebäude mit Erdgas beheizt.

Polarstern-Energie-Geschäftsführer Henle gibt zu bedenken: „Diese Gasheizungen bleiben ja jetzt für mindestens 15 bis 20 Jahre.“

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  Kohleausstieg bis 2030 – Wie soll das gehen? Berlin. In neun Jahren schon soll in Deutschland der Abbau und die Verfeuerung von Kohle Geschichte sein - so will es die künftige Ampel-Koalition. Ökostrom und Gas sollen die Lücke stopfen. Aber ist das überhaupt machbar? © Patrick Pleul Ein Braunkohlekraftwerk in Brandenburg. Helmut Badtke zog vor 30 Jahren aus dem Ruhrgebiet in die Lausitz, und der Blick auf die alte Heimat gibt ihm zumindest etwas Zuversicht. Dreckig und kaputt sei der Kohlenpott einmal gewesen, jetzt gebe es dort blühende Landschaften, weiß der Bürgermeister von Jänschwalde. „Das kann hier in unserem Gebiet in der Lausitz auch passieren.

Angesichts der Knappheit in Deutschland wünschen sich Branchenvertreter deshalb, dass die neue Ampelregierung den heimischen Markt belebt. Viel steht zu diesem Thema nicht im Koalitionsvertrag. Einen kleinen Anlass zur Hoffnung sieht Christoph Spurk vom Biogas-Fachverband allerdings in einem kurzen Absatz: „Die Bioenergie in Deutschland soll eine neue Zukunft haben. Dazu werden wir eine nachhaltige Biomasse-Strategie erarbeiten.“

Und tatsächlich sieht Spurk bereits jetzt einen sprunghaften Anstieg sogenannter Einspeise-Anfragen neuer Biomethan-Anlagen. Zu den aktuell existierenden 220 deutschen Biomethan-Anlagen seien in den vergangenen Monaten 40 neue Anfragen hinzugekommen. Und er geht davon aus, dass die Zahl der Biogas-Anlagen auch in den kommenden Jahren steigen werde.

Die Biogas-Produktion in Deutschland zugunsten der klimabewussten Heizungskunden massiv aufzurüsten, hält jedoch kaum jemand für eine kluge Lösung. Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW sagt: „Man sollte Biogas nur da einsetzen, wo es nicht anders geht. Statt in einen teuren Biogas-Tarif sollten Verbraucher lieber in eine klimafreundliche Heizung investieren.“

Das räumen auch die Biogas-Anbieter ein. Ein Sprecher von Naturstrom sagt: „Der klare Fokus in der Energiewendepolitik liegt auf Wind und Photovoltaik, und das ist auch richtig. Biogas ist wichtig, aber das Ausbaupotenzial ist eingeschränkter.“ Und Lichtblick bekräftigt: „Der Einsatz von Biogas sollte vorrangig dort erfolgen, wo es keine adäquaten erneuerbaren Alternativen gibt. Das wird mittel- und langfristig in immer weniger Bereichen der Fall sein.“

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  Olaf Scholz: Gehalt, Lebenslauf und die politische Karriere des künftigen Kanzlers der SPD Nach 16 Jahren Angela Merkel könnte die SPD den nächsten Bundeskanzler stellen: Olaf Scholz. Lesen Sie hier die wichtigsten Fakten und Hintergründe zur Person.Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP steht. Der Koalitionsvertrag ist unterschrieben, die Minister und Ministerinnen sind benannt. Damit steht das Team der neuen Regierung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Er selbst wird am Mittwoch, den 8. Dezember 2021, vereidigt.

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Olaf Scholz hat keine 100 Tage Einarbeitungszeit, wie sie neue Regierungen in der Regel eingeräumt bekommen. Er und die Ampel starten mit einer Art Minus-40-Tage-Bilanz. © Liesa Johannssen-Koppitz/​Bloomberg/​Getty Images Olaf Scholz, der neunte Kanzler der Bundesrepublik Um diesen Amtsantritt ist Olaf Scholz nicht zu beneiden. Keiner seiner Vorgänger kam inmitten einer derart akuten Krise an die Macht: 527 Corona-Tote, allein am Vortag der Wahl. Ein Gesundheitssystem an seiner Belastungsgrenze, immer enthemmtere Proteste gegen die Maßnahmen.

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