Finanzen Zahlungsdienstleister: Überraschender Wechsel: Thomas Eichelmann wird neuer Aufsichtsratschef bei Wirecard

17:25  12 januar  2020
17:25  12 januar  2020 Quelle:   handelsblatt.com

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Thomas Eichelmann wird Nachfolger von Wulf Matthias. © Bert Bostelmann / bildfolio für Handelsblatt Thomas Eichelmann wird Nachfolger von Wulf Matthias.

Inmitten der laufenden Bilanz-Sonderprüfung legt Wulf Mathias seinen Posten als Aufsichtsratschef bei Wirecard nieder. Sein Nachfolger gilt nicht als unumstritten.

Beim Zahlungsabwickler Wirecard aus Aschheim bei München kommt es zu einem Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats. Der bisherige Chef des Kontrollgremiums, Wulf Matthias, hat am Freitag den Vorsitz aus persönlichen Gründen niedergelegt, wie das Unternehmen kurz vor Mitternacht per Ad-hoc-Mitteilung mitteilte. Matthias habe sich entschieden, „den Vorsitz des Gremiums mit sofortiger Wirkung abzugeben, und damit einen Generationenwechsel einzuleiten“, schreibt das Unternehmen.

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Der 75-Jährige stand seit dem Jahr 2008 an der Spitze des Aufsichtsrates bei Wirecard und wollte diese Position ursprünglichen Planungen zufolge nach der Hauptversammlung am 2. Juli 2020 räumen.

Der Aufsichtsrat habe Thomas Eichelmann einstimmig zum Nachfolger an die Spitze gewählt. Er ist seit Mitte 2019 Mitglied des Kontrollgremiums und leitet dort den Prüfungsausschuss. Die Aufgaben als Aufsichtsratschef werde er zusätzlich zu seiner Arbeit im Prüfungsausschuss übernehmen.

Eichelmann war früher unter anderem Finanzvorstand der Deutschen Börse und dort umstritten. Seine Berufung in den Wirecard-Aufsichtsrat war in der Branche mit einigem Aufsehen aufgenommen worden. Sein Auftreten und seine Wortwahl empfinden frühere Kollegen als direkt, manche gar als rabiat.

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Schon nach seiner Wahl in den Wirecard-Aufsichtsrat durch die Hauptversammlung im vergangenen Juni soll Eichelmann schnell klar gemacht haben, dass er seine Rolle im Gremium dauerhaft nicht als einfaches Mitglied sieht. Der damals vakante Posten des stellvertretenden Vorsitzenden durch den altersbedingten Abschied von Alfred Henseler wurde jedoch durch Stefan Klestil besetzt.

Wie bei nahezu allen wichtigen Entscheidungen im Unternehmen setzte sich dabei Vorstandschef und Großaktionär Markus Braun durch. Nach Informationen des Handelsblatts hatten auch Anastassia Lauterbach, IT-Spezialistin, Gründerin und ehemaliger Bereichsvorstand der Deutschen Telekom, sowie die langjährige SAP-Managerin Vuyiswa M‘Cwabeni Interesse an der Position angemeldet. Durchgesetzt hatte sich am Ende Stefan Klestil. Der 57-jährige Österreicher gilt als langjähriger Vertrauter von Vorstandschef Braun.

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Der jetzige Ex-Chef Matthias werde dem Wirecard-Aufsichtsrat „bis zum Ende seiner Amtszeit im Sommer 2021“ als einfaches Mitglied angehören und den Übergang unterstützen, heißt es in der Mitteilung weiter. „Es war mir eine besondere Ehre, dieses außergewöhnliche Unternehmen und seine Führungsmannschaft in den vergangenen elf Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender begleiten zu dürfen“, wird Matthias in der Mitteilung zitiert. Gerne übergebe er den Aufsichtsratsvorsitz an Eichelmann.

Auch Eichelmann äußerte sich darin zu der Personalie: „Ich freue mich über die Wahl zum Vorsitzenden und über das in mich gesetzte Vertrauen. Mit meiner gesamten Erfahrung werde ich die Wirecard AG gerne in ihrer nächsten Wachstumsphase und in der weiteren Unternehmensentwicklung begleiten.“ Konzernchef Markus Braun sprach Matthias seinen Dank aus.

Insider: Eichelmann war nicht Brauns Wunschkandidat

Der Abgang seines Aufsichtsratschefs kommt für den Dax-Konzern zur Unzeit. Wirecard steckt mitten in der laufenden Sonderprüfung seiner Bilanz, die Braun nach zahlreichen Berichten über angebliche Unregelmäßigkeiten in Singapur und Dubai beauftragt hat. In einer Artikelserie hatte die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) dem Zahlungsdienstleister wiederholt unrechtmäßige Buchungen und möglicherweise aufgeblähte Umsätze vorgeworfen. Wirecard weist alle Vorwürfe zurück.

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Der langjährige Wirtschaftsprüfer EY hatte den Konzernabschluss für alle vergangenen Jahre uneingeschränkt testiert. Wohl auch angesichts der starken Aktienkursabstürze, die Wirecard infolge der FT-Berichte verzeichnete, wurde Ende Oktober nach einigem Hin und Her KPMG mit der Bilanzsonderprüfung beauftragt. Diese sollte zunächst Anfang des Jahres abgeschlossen sein, wie Braun im Interview mit dem Handelsblatt erklärt hatte. Zuletzt sprach der Konzern vom Ende des ersten Quartals.

In Finanzkreisen war erwartet worden, dass Matthias bis zum Ende der regulären Amtszeit in diesem Sommer Aufsichtsratschef bleibt. Eine Sprecherin des Unternehmens hatte 2019 gegenüber dem Handelsblatt erklärt: „Herr Matthias wird seine Amtszeit bis zum Ablauf der regulären Periode 2020 ausfüllen.“

Laut Insidern wollte Vorstandschef Braun keinen Austausch von Matthias vor Abschluss der KPMG-Sonderprüfung. Auch Eichelmann war demnach nicht Brauns Wunschkandidat. Geplant gewesen sei, eine andere Persönlichkeit auf den Chefaufseher-Posten zu wählen, bevorzugt aus dem Investorenumfeld, hieß es.

Zugute kam dem 54-jährigen ehemaligen Leistungssportler Eichelmann jedoch, dass der Unmut im Aufsichtsrat über die dauerhaften Zweifel an der Seriosität von Wirecard und dessen Geschäftsmodell zuletzt immer größer wurde. Dabei sollen sich auch die Aufsichtsräte Anastassia Lauterbach, Vuyisma M´Cwabeni und Susana Quintana-Plaza für Eichelmann als neuen Vorsitzenden des Gremiums ausgesprochen haben. Der Tenor dabei: So wie bisher geht es nicht mehr weiter.

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Aus dem Unternehmen hieß es dagegen in der Nacht zum Samstag, dass Eichelmann es sich an der Spitze des Aufsichtsrats nicht zu bequem machen sollte. Deutlich mehr Reibungspotenzial als bisher ist somit vorprogrammiert. Es geht um die künftige Ausrichtung des weiterhin schnell wachsenden Unternehmens und das lädierte Bild in der Öffentlichkeit.

Seit Dezember hatten sich ein halbes Dutzend Hedge Fonds mit größeren Leerverkaufspositionen gegen Wirecard positioniert und damit auf einen weiteren Kursverfall gesetzt. Zuletzt hatten einige jedoch ihre Positionen wieder leicht reduziert. Am Freitag meldete der Hedge Fonds Coatue Management aus dem US-amerikanischen Delaware über den Bundesanzeiger, dass die Leerverkaufsposition von zuvor 0,73 Prozent des ausgegebenen Kapitals auf 0,67 Prozent reduziert wurde.

Verwiesen wird aus dem Konzernumfeld auf das Alter von Matthias: Der bisherige Aufsichtsratschef ist 75. Bei den letzten öffentlichen Auftritten, etwa der Hauptversammlung im vergangenen Jahr, machte sich sein fortgeschrittenes Alter deutlich bemerkbar.

Problematisches Timing

Laut Konzernkreisen ist der zuletzt verschlechterte Gesundheitszustand Matthias' auch der Grund, warum es nun – kurz vor dem Ende der regulären Amtszeit und zu einem so heiklen Zeitpunkt – zum plötzlichen Wechsel an der Aufsichtsratsspitze gekommen ist. Selbst von Teilen des Vorstands wurde die im Rahmen einer regulären Aufsichtsratssitzung verkündete Demission in der Nacht zum Samstag offenbar mit Überraschung aufgenommen. Die Wirecard-Pressestelle war für eine offizielle Einschätzung nicht mehr zu erreichen.

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Klar ist, dass die Sonderprüfer von KPMG direkt an den Aufsichtsrat berichten. Für die Prüfung zuständig war dort bereits der neue Chef des Kontrollgremiums: Thomas Eichelmann.

KPMG hatte im Herbst mit einem 16-köpfigen Team die Arbeit aufgenommen und bereits binnen kurzer Zeit Vorstandsmitglieder zur Anhörung vorgeladen. Die Untersuchung führen drei KPMG-Partner, darunter der deutsche KPMG-Vorstand Sven-Olaf Leitz. Inzwischen wurde das Prüfteam mehr als verdoppelt, um rechtzeitig im Februar oder spätestens März fertig zu werden.

Die Prüfer würden mit Material von externen Akteuren, mutmaßlich aus dem Shortseller-Umfeld, regelrecht überschwemmt, heißt es aus dem Umfeld des Konzerns. Hinweise auf bilanzielle Unregelmäßigkeiten seien bisher keine gefunden worden.

Unklar ist, ob der Dax-Konzern wie bisher Ende Januar bereits einen vorläufigen Überblick über die Zahlen des vergangenen Jahres geben wird. Im vergangenen Jahr war das am 30. Januar. Just an dem Tag erschien dann am Nachmittag der erste kritische Artikel in der „Financial Times“ zu Vorwürfen über Ungereimtheiten in der Niederlassung in Singapur.

Ebenfalls seit dieser Zeit steht der Plan im Raum, den Vorstand und den Aufsichtsrat personell aufzustocken. Bisher ist der Vorstand mit vier Personen besetzt, im Aufsichtsrat sitzen sechs Personen. Mit der Erweiterung der Führungsebene könnte somit bis zum Hauptversammlung Anfang Juli nun begonnen werden.

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