Finanzen Equal Care Day: Es ist nicht nur das bisschen Haushalt

19:00  12 februar  2020
19:00  12 februar  2020 Quelle:   zeit.de

Scholz fordert Neustart bei Verhandlungen zum EU-Haushalt

  Scholz fordert Neustart bei Verhandlungen zum EU-Haushalt Scholz fordert Neustart bei Verhandlungen zum EU-HaushaltDie aktuellen Überlegungen reichten nicht aus. "Es ist eher ein Rückschritt gegenüber früheren Vorschlägen", sagte der SPD-Politiker am Montag in Brüssel. "Also muss noch mal neu angesetzt werden, so dass die Zukunftsfragen mehr im Mittelpunkt stehen, als das jetzt der Fall ist." Scholz nannte unter anderem einen stärkeren Klimaschutz und neue Technologien als Zukunftsthemen. "Das muss sich auch im Haushalt niederschlagen.

Männer bräuchten vier Jahre, um so viel unbezahlte Familienarbeit zu leisten wie Frauen in einem Jahr. Ein bundesweiter Aktionstag soll das ändern.

Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) verrichten Frauen in Deutschland viereinhalb Stunden unbezahlte Fürsorgearbeit pro Tag. © Jan Woitas/​dpa Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) verrichten Frauen in Deutschland viereinhalb Stunden unbezahlte Fürsorgearbeit pro Tag.

Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Angehörigen – Frauen in Deutschland arbeiten pro Tag im Schnitt viereinhalb Stunden, ohne dass sie dafür bezahlt werden. Denn Fürsorgearbeit ist immer noch überwiegend Frauensache, überall auf der Welt. Einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge verrichten Frauen weltweit etwa viermal mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer.

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Viele Frauen (und Männer) finden das ungerecht und wollen eine gleichere Verteilung zwischen den Geschlechtern. Denn dass Frauen die Hauptlast der unbezahlten Arbeiten leisten, hat viele negative Folgen. Für den Arbeitsmarkt, wo Frauen als Arbeitskräfte fehlen, weil sie sich um Haushalt und Familie kümmern. Für die Absicherung im Alter, denn wenn Frauen nicht oder reduziert erwerbstätig sind, haben sie auch geringere Rentenansprüche. Und sogar für die Zufriedenheit innerhalb der Partnerschaft, schließlich macht die ungleiche Verteilung Männer wie Frauen unzufrieden.

Auf die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit soll nun ein bundesweiter Aktionstag aufmerksam machen: der Equal Care Day (ECD). Er wurde 2016 von der Journalistin Almut Schnerring und dem Autoren Sascha Verlan ins Leben gerufen. 2020 findet er erstmals bundesweit unter Beteiligung verschiedener Verbände und Initiativen statt. Der ECD ist unabhängig und wird nicht, wie man vielleicht denken könnte, vom Bundesfamilienministerium gefördert. Vielmehr steckt noch immer das Journalistenpaar und jede Menge Gleichgesinnte dahinter.

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Schnerring und Verlan hatten sich im Rahmen ihres Buchprojekts Die Rosa-Hellblau-Falle schon länger mit den Auswirkungen von Geschlechterstereotypen auf die Berufswahl von Jungen und Mädchen beschäftigt. Daraus entstand die Idee, einen Aktionstag wie den Equal Pay Day zu schaffen – dieser Tag macht auf die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen aufmerksam und wird in vielen Ländern auf der Welt begangen. Schnerring und Verlan wählten den 29. Februar als Schalttag, um damit symbolisch darauf aufmerksam zu machen, dass Care-Arbeit größtenteils unsichtbar bleibt. Und weil es den 29. Februar nur alle vier Jahre gibt, symbolisiert, dass Männer rechnerisch etwa vier Jahre bräuchten, um so viele private, berufliche und ehrenamtliche Fürsorgetätigkeiten zu verrichten wie Frauen in einem Jahr.

Aber es gibt immer wieder Kritik daran, dass die unbezahlte Arbeit in Zeiten beziffert wird: Vor allem Männer wenden ein, dass Frauen ja überwiegend Teilzeit arbeiteten, die Aufgabenteilung selbst so gewählt haben oder dass Arbeiten im Garten oder Reparaturen, die überwiegend von Männern verrichtet würden, ja auch nicht bezahlt würden.

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Umstrittene Methodik

Tatsächlich ist die Methode, Care-Arbeit in Zeit zu bemessen, nicht unproblematisch: Es kursieren, je nach Methodik und Definitionen, unterschiedliche Zeitangaben. Dennoch sind die Unterschiede marginal. So kommt etwa der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung auf einen Gender Care Gap von 52,4 Prozent. Laut diesem Gutachten leisten Frauen vier Stunden und 13 Minuten pro Tag, Männer zwei Stunden und 46 Minuten. Dieser Bericht bezieht alle Tätigkeiten in Haus und Garten ein. Sogar ehrenamtliches Engagement wird erfasst, ebenso wie Fahrtzeiten. Die Männer dürfen hier also nicht klagen. 

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2017 eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, nach der Frauen 2,4 mal so viel Zeit für unbezahlte Fürsorgearbeit und 1,6 mal so viel Zeit für Hausarbeit verwenden wie Männer derselben Altersgruppe.

Das wohl größte Problem sind Ungenauigkeiten bei der Definition und Messung. Für den Gender Care Gap der Bundesregierung diente die dritte repräsentative Zeitverwendungserhebung von 2012 und 2013 des Statistischen Bundesamtes als Datengrundlage. Für sie wurden insgesamt über 5.000 Haushalte an zwei Wochentagen sowie an einem Tag am Wochenende zu ihren täglichen Aktivitäten schriftlich befragt. Mitgemacht haben Erwachsene ab achtzehn Jahren – aber niemand weiß, wie ehrlich und wie exakt die Teilnehmenden bei ihren Angaben waren. 

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Für die internationale Studie der ILO wurden solche nationalen Untersuchungen aus 41 Ländern miteinander verglichen und ausgewertet. Auch hier basierten viele Daten auf Zeit-Tagebüchern und Befragungen. Doch teils lagen den Erhebungen unterschiedliche Definitionen von unbezahlter Care-Arbeit zugrunde. 

Will man den Gender Care Gap messen, besteht eine weitere Schwierigkeit darin, dass viele Sorgearbeiten zeitgleich verrichtet werden können: Wäsche bügeln und Vokabeln bei den Kindern abfragen etwa, oder Stillen und ein krankes Familienmitglied besuchen, wie in der Methodikbeschreibung der ILO-Studie als Beispiel angeführt ist.

Auch Almut Schnerring hat Kritik an der Zeitstatistik: "Den Care-Begriff nur auf den privaten unbezahlten Bereich zu beziehen, ist eigentlich falsch, weil in den Familien zunehmend Care-Arbeit ausgelagert wird, meist an andere Frauen. Privat und beruflich gehen also ineinander über. Und gerade in jenen Branchen, in denen besonders viele Frauen arbeiten, ist das Lohnniveau so niedrig, dass es kaum möglich ist, angemessen für das eigene Alter vorzusorgen."

Ganz generell sollte der ECD-Initiatorin zufolge auch nicht die konkrete Zahl der ungleichen Verteilung der unbezahlten Arbeiten im Fokus stehen, sondern die Auswirkungen dieser Aufgabenteilung: In Deutschland arbeitet jede zweite erwerbstätige Frau nicht in Vollzeit, bei denjenigen mit minderjährigen Kindern beträgt der Anteil sogar mehr als zwei Drittel, zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit. Bei Männern ist Teilzeit hingegen die Ausnahme.

Polen soll auch ohne Bekenntnis zu EU-Klimaziel Geld für Kohleausstieg erhalten

  Polen soll auch ohne Bekenntnis zu EU-Klimaziel Geld für Kohleausstieg erhalten Polen soll auch ohne Bekenntnis zum EU-Ziel zur Klimaneutralität europäische Finanzhilfen für den Ausstieg aus der Kohle erhalten. Das weitgehend von der umweltschädlichen Kohle abhängige Polen hatte sich beim EU-Gipfel im Dezember jedoch als einziges EU-Land geweigert, das Ziel der Klimaneutralität ab 2050 mitzutragen. Die Regierung in Warschau soll nun bis Juni entscheiden, ob sie ihre Haltung noch ändert. Michel hält dies aber offenbar nicht für wahrscheinlich und setzt darauf, dass Polen in den kommenden Jahren noch umschwenkt.

Die Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigte deutlich, dass ein Grund für die viele Teilzeitarbeit der Frauen ihre Aufgaben zu Hause sind. Die Folgen dieser Entscheidung spüren Frauen später als Rentnerinnen – der sogenannte Gender Pension Gap, also die Lücke zwischen den Renten von Männern und Frauen, beträgt 44,8 Prozent. Es sind vor allem Frauen, die als Rentnerinnen auf die Grundsicherung im Alter angewiesen sind.

Moderne Mägde

Wer es sich leisten kann, lagert die Sorgearbeit aber aus, in der Regel auf andere, arme Frauen. Sie sind so etwas wie moderne Mägde: Schätzungsweise 200.000 bis 400.000 Frauen aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Rumänien oder Bulgarien leben in deutschen Privathaushalten und verrichten Vollzeitpflege zu Dumpingpreisen. Diese Frauen haben häufig keine Pflegeausbildung, oft sind sie nicht einmal angemeldet.

In Bonn ist eine zweitägige Konferenz am 28. und 29. Februar geplant, mit Workshops und Vorträgen. Zudem soll ein Equal-Care-Manifest erarbeitet werden, das als offener Brief veröffentlicht werden soll. Unterstützung bekommen die ECD-Initiatorinnen und -Initiatoren von der Hilfsorganisation Oxfam und den UN Women Deutschland, die die Anliegen des ECD teilen, da der CareGap ein globales Problem ist. Die Grünenbundestagsabgeordnete Katja Dörner will sich dafür einsetzen, dass das Equal-Care-Manifest die Berliner Bundesregierung erreicht.

Und noch ein Thema ist den Aktivistinnen und Aktivisten wichtig: der sogenannten mental workload. Dieser Begriff meint, dass es neben den sichtbaren Aufgaben im Alltagsleben viele unsichtbare gibt, die nebenher identifiziert und abgearbeitet werden müssen, letztlich alles das, was zum Lebensmanagement dazu gehört. Kritiker wenden ein, dass nicht alle Details des privaten Lebens ökonomisiert werden können. Almut Schnerring und ihre Mitstreitenden sagen: Es ist fatal, wie sehr der Wert dieser Aufgaben unterschätzt wird, obwohl er die Grundlage jedes wirtschaflichen Schaffens bildet.

Was sind eigentlich Schlafphasen?

  Was sind eigentlich Schlafphasen? Was sind eigentlich Schlafphasen?Vor etwa hundert Jahren war die Geburtsstunde der modernen Schlafforschung und so auch die Entdeckung der verschiedenen Schlafphasen. Der deutsche Neurologe und Psychiater Hans Berger arbeitete an einer Möglichkeit, um die elektrische Gehirnaktivität sichtbar zu machen. Heute ist die Elektroenzephalographie (EEG) eine etablierte Methode zur Untersuchung verschiedenster Krankheitsbilder.

Sie und ihr Partner haben mittlerweile zusammen mit Mitstreitenden einen Verein gegründet, der seit 2018 den ECD ausrichtet. Denn in Jahren, die kein Schaltjahr sind, findet der ECD am 1. März statt. Seit 2019 wird der Tag von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Doch diese Förderung läuft bald aus – obwohl der Aktionstag von zahlreichen Politikerinnen und Politikern, Künstlerinnen und Künstlern, Gewerkschaften und Verbänden unterstützt wird. Der nächste Plan ist für die ECD-Gründerin, die Arbeit des Vereins auf finanziell sichere Füße zu stehen. Damit zumindest diese Arbeit nicht unbezahlt bleibt. 

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