Finanzen Nach der Pleite: Wirecard-Angestellte fürchten Scheitern des Verkaufs und üben scharfe Kritik am Insolvenzverwalter

18:00  21 oktober  2020
18:00  21 oktober  2020 Quelle:   handelsblatt.com

Scholz präsentiert Kabinett Wirecard-Aktionsplan

  Scholz präsentiert Kabinett Wirecard-Aktionsplan Die Bundesregierung hat kurz vor der ersten Sitzung des Wirecard-Untersuchungsausschusses in einem Aktionsplan Konsequenzen aus dem Skandal um den Zahlungsdienstleister angekündigt. © Bereitgestellt von Finanzen.net Peter Bischoff/Getty Images Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) habe dem Kabinett bei seiner Sitzung in Berlin "einen Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung von Bilanzbetrug und zur Stärkung der Kontrolle über Kapital- und Finanzmärkte zur Kenntnis gegeben", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert bei einer Pressekonferenz.

Dem insolventen Skandalkonzern läuft die Zeit davon. Der Verkauf des Kerngeschäfts stockt. Mitarbeiter kritisieren die Arbeit des renommierten Insolvenzverwalters Jaffé. 

Der Skandalkonzern kämpft um das Überleben. © dpa Der Skandalkonzern kämpft um das Überleben.

Es war das erste Rundschreiben seit der Pleite. Ende September wandte sich Insolvenzverwalter Michael Jaffé per E-Mail mit einem dringenden Appell an die verbliebenen Mitarbeiter des Zahlungsdienstleisters Wirecard.

„Zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen für Ihren außergewöhnlichen Einsatz und Ihr Vertrauen in dieser herausfordernden Zeit für Ihr Unternehmen bedanken. (…) Wie Sie wissen, arbeiten wir trotz der schwierigen Rahmenbedingungen und zahlreicher, teils massiver Störungsversuche Dritter (…), Abwerbeversuche etc. unter Hochdruck daran, das Kerngeschäft mitsamt den Mitarbeitern auf einen Investor zu übertragen.“

Wirecard-Untersuchungsausschuss: Mit einem AfD-Mann an der Spitze

  Wirecard-Untersuchungsausschuss: Mit einem AfD-Mann an der Spitze Der Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Fall Wirecard hat seine Arbeit aufgenommen. Den Vorsitz übernimmt der AfD-Politiker Kay Gottschalk – eine umstrittene Wahl. © Michael Kappeler/​dpa Der AfD-Abgeordnete Kay Gottschalk. Er ist neuer Vorsitzender des Untersuchungsausschusses im Fall Wirecard. Die Haltung vieler Abgeordneter schien klar vor der ersten Sitzung des Untersuchungsausschusses im Bundestag, der den Fall Wirecard aufarbeiten soll. "Die Vorstellung eines AfD-Vorsitzenden löst keine Freudensprünge aus", sagte der Grünenabgeordnete Danyal Bayaz.

Fast schon beschwörend wirkte Jaffés Aufruf, weiter den Betrieb aufrechtzuerhalten: „Ich darf Sie bitten, sich im Interesse aller Arbeitnehmer und der Kunden sowie der Gläubiger weiterhin mit Ihrem großartigen Einsatz für diese attraktiven Fortführungslösungen einzusetzen.“

Auch wenn sie gut gemeint war: Bei vielen Beschäftigten sorgte die Nachricht für Irritationen, vor allem im Lager der sich gewerkschaftlich organisierenden Mitarbeiter. Sie komme viel zu spät und ersetze keinen Dialog, so eine oft geäußerte Kritik.

„Jaffé hat in den vergangenen Monaten nie das Gespräch mit uns gesucht. Es gab keine Betriebsversammlung oder Video-Konferenz mit ihm. Die Mitarbeiter sind ihm egal, obwohl wir den Laden am Laufen halten“, schimpft ein Angestellter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Manager hätten den Beschäftigten streng untersagt, mit Journalisten zu sprechen.

Zahlungsdienstleister: EY sieht sich als Wirecard-Opfer

  Zahlungsdienstleister: EY sieht sich als Wirecard-Opfer Zahlungsdienstleister: EY sieht sich als Wirecard-OpferDer Wirtschaftsprüfer EY sieht sich im Skandal um den inzwischen insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard als Aufklärer. Das geht aus einer Klageerwiderung der Kanzlei Wirsing Hass Zoller hervor, die EY im Streit gegen einen ehemaligen Wirecard-Aktionär vertritt. Die Klageerwiderung liegt der WirtschaftsWoche vor. Darin schreiben die EY-Anwälte, der Wirtschaftsprüfer, der den Wirecard-Bilanzen jahrelang ein uneingeschränktes Testat ausgestellt hat, sei es gewesen, der „dieses Betrugssystem zu Fall brachte“ – und nicht etwa die Konkurrenten von KPMG.

„Die Insolvenzverwaltung hat überhastet viele Spezialisten rausgeworfen, die nun wieder gesucht werden. Sie agiert nicht professionell“, so eine andere Stimme. „Über den Verkaufsprozess erfahren wir nur aus der Presse. Täglich kündigen Kollegen. Das gefährdet die Existenz des Unternehmens. “

Starker Aderlass

Ende Juni war aufgeflogen, dass bei Wirecard ein Viertel der Bilanzsumme höchstwahrscheinlich gefälscht wurde. Seitdem kämpft der einstige Börsenliebling ums Überleben. Er hat einen deutlichen Aderlass hinter sich: Bereits vor der Insolvenz gab es einen internen Einstellungsstopp, weil dem taumelnden Konzern das Geld ausging, wie das Handelsblatt berichtete. Nach der Berufung Jaffés zum vorläufigen Insolvenzverwalter folgte dann der Jobkahlschlag: Zuerst wurden Freistellungen verschickt, dann Kündigungen.

Ende Juni arbeiteten rund 1600 Mitarbeiter am Standort München – aktuell sind noch rund 580 übrig. Hunderte mussten das Unternehmen verlassen, andere haben von sich aus gekündigt. Und auch vielen der Verbliebenen droht der Jobverlust: Angeblich sollen nur rund 500 Mitarbeiter am Standort verbleiben können, und das auch nur dann, wenn die Wirecard Bank fortgeführt wird.

Krypto-Start-up TenX : Wirecard-Partner in Asien stellt Dienst ein: Investoren fürchten um ihr Geld

  Krypto-Start-up TenX : Wirecard-Partner in Asien stellt Dienst ein: Investoren fürchten um ihr Geld Die deutsche Nationalmannschaft wartet seit November 2019 auf einen Sieg. Das 3:3 gegen die Türkei hat die Kritik an Joachim Löw neu entfacht, doch der Bundestrainer nimmt es locker.

Viele Hochqualifizierte haben bereits neue Arbeitgeber gefunden, auch wenn die Umstände der Pleite und die Coronakrise die Suche erschwert haben. Bitter ist die Situation vor allem für die Beschäftigen, die sich weiter für Wirecard ins Zeug legen wollen, für jene aus dem Ausland, die bei Jobverlust ihren Aufenthaltstitel verlieren könnten, und für Mitarbeiter mit weniger guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Kritik kommt von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Die Insolvenzverwaltung sieht die Beschäftigten nur als Assets, als Ressourcen“, kritisiert der für Wirecard zuständige Sekretär Kevin Voss. „Es gibt null Interesse an den Schicksalen der Menschen. Die Art und Weise, wie die Kündigungen ausgesprochen wurden, und, wie spärlich Informationen fließen, ist ein Unding. Statt die Mitarbeiter einzubinden, werden sie vor den Kopf gestoßen.“

Für Aufsehen hatte unter den Beschäftigten die erste Freistellungs- und Kündigungswelle gesorgt: Es habe keinerlei Sozialauswahl gegeben, so die Kritik. Die Welle traf auch Schwangere und Mitarbeiter in Elternzeit. Bei der Insolvenzverwaltung spricht man von einer überschaubaren Anzahl an Fällen: Viele habe man nicht vorhersehen können, etwa aufgrund nicht angezeigter Schwangerschaften. Die meisten Härtefälle seien inzwischen durch Rücknahme der Kündigungen gelöst.

Medien-Bericht: Wirecard-Management soll vor Pleite systematisch Geld beiseitegeschafft haben

  Medien-Bericht: Wirecard-Management soll vor Pleite systematisch Geld beiseitegeschafft haben Medien-Bericht: Wirecard-Management soll vor Pleite systematisch Geld beiseitegeschafft haben .Der Insolvenzverwalter nenne im Brief keine Namen. Es soll aber klar sein, dass der untergetauchte Ex-Vorstand Jan Marsalek und dessen Umfeld gemeint seien, heißt es im Bezug auf „Wirecard-Kreise“. Marsalek hatte sich vor vier Monaten nach Weißrussland abgesetzt. Bis heute ist er nicht aufzufinden und untergetaucht.

Kritik an Günstlingswirtschaft

„Es ist unser Bestreben, zusammen mit den Mitarbeitern alles zu tun, um den jetzt noch vorhandenen Kernbereich – und die damit verbundenen Arbeitsplätze – zu erhalten“, erklärt ein Sprecher Jaffés auf Anfrage. „Die Insolvenzverwaltung setzt sich mit ganzer Kraft dafür ein, bei einer Betriebsfortführung so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten und die Interessen der Arbeitnehmer*innen dabei bestmöglich zu berücksichtigen.“

Auch den Angestellten ist klar: Schuld am Absturz von Wirecard trägt natürlich nicht der Insolvenzverwalter. „Für das Desaster ist die frühere Führung verantwortlich“, formuliert es ein Manager. „Daher musste Jaffé tiefe Einschnitte vornehmen.“

Wie ernst die Lage des Konzerns Ende Juni war, zeigt der vertrauliche Insolvenzbericht: Jaffé fand demnach 3,2 Milliarden Euro an Schulden vor und nur 26 Millionen Euro an freiem Guthaben. Der „exorbitant hohe Liquiditätsverzehr“ von zehn Millionen Euro pro Woche gefährdete die Weiterführung. Erst durch harte Maßnahmen, darunter massive Kostensenkungen, konnte Jaffé den Konzern stabilisieren.

Dabei ist er auch umstrittene Kompromisse eingegangen. Führende Manager, die unter dem inhaftierten Ex-Chef Markus Braun aufgestiegen waren, sind weiter im Amt. Um Expertise zu sichern, wird Produktvorständin Susanne Steidl, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt, zu deutlich geringeren Bezügen weiterbeschäftigt. Mitarbeiter werfen ihr vor, Günstlinge auf vergleichsweise sichere Stellen gehievt zu haben. Auch die Personalchefin steht in der Kritik.

Zahlungsdienstleister: Ex-Wirecard-Manager Marsalek soll V-Mann des österreichischen Geheimdienstes gewesen sein

  Zahlungsdienstleister: Ex-Wirecard-Manager Marsalek soll V-Mann des österreichischen Geheimdienstes gewesen sein Zahlungsdienstleister: Ex-Wirecard-Manager Marsalek soll V-Mann des österreichischen Geheimdienstes gewesen sein

Intern soll es laut Mitarbeitern drei Listen geben: Eine sogenannte „Core“-Liste der Unentbehrlichen, eine „Transition“-Liste, auf der Angestellte stehen, die für den Übergang an einen neuen Eigentümer gebraucht werden, und eine „Kick-out“-Liste von zügig zu kündigenden Kollegen. „Uns in solche Listen einzuteilen ist schlicht unmenschlich“, so eine kritische Stimme.

Jaffés Sprecher widerspricht dieser Darstellung. Es gebe „selbstverständlich Planungen und Listen, welche Mitarbeiter*innen in den verschiedenen denkbaren Szenarien weiter beschäftigt werden können. Eine ‚Kick-out‘-Liste gibt es jedoch nicht. Die Insolvenzverwaltung würde so einen Begriff weder verwenden noch autorisieren. Auch eine ‚Transition‘-Liste ist hier nicht bekannt.“

Die Zeit drängt

Fakt ist: Bei der insolventen Wirecard fehlt es an grundlegenden Konzernstrukturen. So gibt es keinen Betriebsrat. Erst nach der Insolvenz organisierten sich die Mitarbeiter. In den vergangenen Wochen wurden Wahlvorstände gewählt, die nun Betriebsratswahlen vorbereiten. Sie sind gesetzlich besonders geschützt, dennoch kam es auch hier zunächst zu vereinzelten Freistellungen.

„Der Prozess der Betriebsratswahl liegt im Zeitplan“, sagt Verdi-Sekretär Voss. „Die Wahlen werden in der letzten Oktoberwoche stattfinden. Unser Ziel ist, die Beschäftigten für einen Betriebsübergang zum neuen Eigentümer bestmöglich zu wappnen.“ Außerdem strebe man eine starke Vertretung auf der Gläubigerversammlung an, die am 18. November stattfinden soll.

Wirecard-Skandal: EU-Behörde sieht Defizite bei deutscher Aufsicht

  Wirecard-Skandal: EU-Behörde sieht Defizite bei deutscher Aufsicht Kritiker sehen sich durch einen Bericht der EU-Aufseher bestätigt.ESMA-Chef Steven Maijoor bekräftigte: „Der heutige Bericht zeigt Mängel bei der Überwachung und Durchsetzung der Finanzberichterstattung von Wirecard auf.“ Kritisch sieht die EU-Behörde die Nähe der deutschen Finanzaufsicht Bafin zur Politik. Aus der Häufigkeit und dem Detaillierungsgrad der Bafin-Berichte an das Bundesfinanzministerium leitet die ESMA ein „erhöhtes Risiko der Einflussnahme“ durch das Ministerium ab.

Das vielleicht drängendste Problem für die Mitarbeiter wie für den Insolvenzverwalter ist der Stand des Verkaufsprozesses: Er stockt. Zwar konnte Jaffé den Verkauf einzelner Landesgesellschaften verkünden, etwa des Brasiliengeschäfts; andere Töchter, darunter die britische, haben sich selbst verkauft. Am vergangenen Montag ging das Kartenlesegeschäft an den Heidelberger Zahlungsdienstleister Unzer. Aber beim zentralen Teil des Konzerns, dem europäischen Kerngeschäft inklusive der Wirecard Bank, geht es nicht voran.

Von den zuletzt drei verbliebenen Bietern, dem italienischen Zahlungsdienstleister SIA, dem britischen Telefonkonzern Lycamobile und der spanischen Großbank Santander, sind nur noch die letzten zwei übrig. SIA ist nach Informationen des Handelsblatts auf dem Absprung. Eigentlich hätten die Bieter bis Mitte September ein definitives Gebot abgeben sollen. Doch unter anderem neue Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft verunsicherten die Kaufinteressenten.

„Die Zeit läuft uns davon“, sagt ein Insider. „Täglich verlassen uns weitere Kunden, die Mitarbeiter sind zunehmend demotiviert.“ In seinem Rundschreiben stellte auch Jaffé klar, „dass hier ein hoher Zeitdruck besteht“. Das Problem: Für den Verkauf der Wirecard Bank muss die zuständige Aufsicht Bafin ihr Plazet erteilen – beliebig beschleunigen lässt sich der Prozess also nicht.

Kommentieren will die Insolvenzverwaltung den Stand des Verkaufsprozesses nicht. Aber in Aschheim wissen alle, dass es einen Plan B gibt: die Abwicklung. Diese Option werde seit einiger Zeit parallel verfolgt, heißt es. Sie wäre das düsterste Szenario – für die Beschäftigten, aber auch für die Gläubiger.

Mehr: Millionenschwere Übernahmen und dubiose Partner: Wirecards Geschäft mit überteuerten Zukäufen

Opposition sieht sich durch EU-Kritik bestätigt: "Der Fall Wirecard ist eine Causa Olaf Scholz" .
Die EU-Finanzbehörde Esma rügt die deutsche Finanzaufsicht. Oppositionspolitiker nehmen auch den SPD-Finanzminister ins Visier. © Foto: Kay Nietfeld/dpa Kritik auch von EU-Seite: Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Die Opposition im Bundestag sieht sich auf europäischer Ebene in ihrem Vorwurf bestätigt, dass die deutsche Finanzaufsicht und das Bundesfinanzministerium im Fall Wirecard massive Fehler begangen haben.

usr: 6
Das ist interessant!