Finanzen "No-Deal-Brexit so schlimm wie Finanzkrise"

11:02  14 september  2018
11:02  14 september  2018 Quelle:   dw.com

Finanzminister warnt Unternehmen vor möglichem „ungeregelten Brexit“ - Banken-Gipfel

  Finanzminister warnt Unternehmen vor möglichem „ungeregelten Brexit“ - Banken-Gipfel Finanzminister warnt Unternehmen vor möglichem „ungeregelten Brexit“ - Banken-GipfelWenn Olaf Scholz auf mehr Tempo bei der Banken- und Kapitalmarktunion in Europa drängt, dann spricht er aus Erfahrung. Der Bundesfinanzminister weiß, wie unvermittelt eine Finanzkrise losbrechen kann: 2008 war er Bundesarbeitsminister. „Ich habe damals sehr genau verstanden, was für ungeheure Auswirkungen sich mit so einer Veränderung verbinden können“, sagte Scholz auf dem Banken-Gipfel des Handelsblatts in Frankfurt.

Mark Carney, Chef der Bank of England © picture-alliance/AP Photo/D. Martinez Mark Carney, Chef der Bank of England

Die Zeit wird knapp, die Geduld schwindet und es fehlt an Hoffnung: Der Brexit ist ein einziger Mangel. In der Wirtschaft greifen bereits die Notfallpläne. Und auch dem britischen Notenbankchef schwant nichts Gutes.

Nicht zum ersten Mal warnt Zentralbankchef Mark Carney vor einem ungeordneten Brexit. Immer wieder ermahnt er die Politik, den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union möglichst reibungslos zu gestalten. Andernfalls komme auf Großbritanniens Wirtschaft ein Schock zu, warnte Carney zuletzt Anfang des Monats vor dem Parlamentsausschuss. Dies würde auch die Verbraucher treffen, die sich dann auf jahrelange Einkommensverluste einstellen müssten.

Premierministerin May ist beim Brexit zu keinen Kompromissen mit der EU bereit - EU-Austritt

  Premierministerin May ist beim Brexit zu keinen Kompromissen mit der EU bereit - EU-Austritt Premierministerin May ist beim Brexit zu keinen Kompromissen mit der EU bereit - EU-AustrittDie britische Premierministerin Theresa May will bei ihrem Brexit-Vorhaben keine weiteren Zugeständnisse an die Europäer machen. Sie werde bei ihrem Plan keine Vereinbarungen akzeptieren, die nicht im nationalen Interesse seien, schrieb May im „Sunday Telegraph“.

Nun legte Carney noch einmal nach: Bei einem Treffen mit Ministern der britischen Regierung habe er vor schwerwiegenden Folgen eines EU-Austritts ohne ein Abkommen gewarnt, berichtet "The Guardian". Die Auswirkungen eines "No-Deal-Brexit" könnten so katastrophal wie die Finanzkrise 2008 sein. Und die "Times" zitiert Carney mit der Aussage, die britischen Häuserpreise könnten in diesem Fall um bis zu 35 Prozent einbrechen. Die britische Notenbank (BOE) lehnt eine Stellungnahme zu beiden Berichten ab.

Häuser im Norden Londons: Bislang ging es mit den Preisen stets bergauf © picture-alliance/empics Häuser im Norden Londons: Bislang ging es mit den Preisen stets bergauf

Der Kanadier Carney steht seit Juli 2013 an der Spitze der Bank of England. Zunächst wollte er nur fünf seiner acht Amtsjahre absolvieren, entschied sich dann jedoch, noch ein Jahr bis Mitte 2019 dranzuhängen, um "einen geordneten und erfolgreichen" EU-Austritt zu unterstützen.

Umfrage - Briten würden jetzt für Verbleib in EU stimmen

  Umfrage - Briten würden jetzt für Verbleib in EU stimmen Umfrage - Briten würden jetzt für Verbleib in EU stimmenDemnach plädieren 59 Prozent für einen Verbleib in der Europäischen Union und 41 Prozent für einen Abschied, wie aus einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Institute NatCen und "The UK in a Changing Europe" hervorgeht. Dies ist die höchste Zustimmung für eine EU-Mitgliedschaft in einer Erhebung seit dem Volksentscheid im Juni 2016. Damals hatten 51,9 Prozent für den Austritt gestimmt und 48,1 Prozent dagegen.

Die Rating-Agentur Moody's hält das jedoch für immer weniger wahrscheinlich. In einem neuen Bericht der Agentur wird ein eher chaotisches Bild gezeichnet. Ein ungeregelter Brexit hätte "substanzielle negative Folgen" für die britische Wirtschaft und die Wirtschaft in einigen EU-Ländern, heißt es darin. Am schlimmsten betroffen wären Autobauer, Fluggesellschaften und die Chemiebranche.

Zunächst würde es zu einem erneuten heftigen Wertverfall des britischen Pfund kommen, schreiben die Moody's-Experten. Verbraucherpreise würden in die Höhe schießen, Reallöhne sinken und die Arbeitslosigkeit steigen. Die Kauflust der Verbraucher würde abflachen, heißt es: "Es gibt eine echte Gefahr, dass Großbritannien sehr schnell in eine Rezession fällt."

Ob die Briten alle Aspekte ihres EU-Austritts bedacht haben? © picture-alliance/dpa/D. Naupold Ob die Briten alle Aspekte ihres EU-Austritts bedacht haben?

Folgerichtig beschleunigt die britische Regierung ihre Vorbereitungen für einen Brexit ohne Abkommen. Darauf einigte sich das Kabinett in einer dreieinhalbstündigen Sondersitzung bei Premierministerin Theresa May. Zugleich veröffentlichte die Regierung Hinweise für den Fall eines No-Deal-Szenarios.

Deutsche Banken warnen vor Finanzmarkt-Chaos bei hartem Brexit

  Deutsche Banken warnen vor Finanzmarkt-Chaos bei hartem Brexit Deutsche Banken warnen vor Finanzmarkt-Chaos bei hartem BrexitEr verwies darauf, dass zahlreiche komplexe Kapitalmarktgeschäfte über London laufen. "Jede Nacht werden Millionen von Datensätzen zwischen London und dem Kontinent transferiert", erläuterte Krautscheid. "Ohne eine Brexit-Einigung beziehungsweise eine Übergangsregelung müssten Ende März von einem Tag auf den anderen die Leitungen gekappt werden, weil die europäische Datenschutzgrundverordnung den Datenaustausch mit einem Drittstaat nicht zulässt." Das könnte nicht nur für die Finanzwirtschaft erhebliche Konsequenzen haben, sondern für die gesamte Industrie, betonte der Verbandsvertreter.

Reisen in Europa könnten für britische Staatsbürger demnach beschwerlicher werden. Reisepässe würden benötigt, die mindestens noch ein halbes Jahr gültig sind. Ohne internationale Führerscheine dürften Briten auf dem Kontinent kein Fahrzeug steuern. Und wer mit dem Handy telefoniert, muss wieder mit erheblichen Roaminggebühren rechnen. Jenseits des Kanals - und an der Grenze zu Irland.

rb/kle (dpa, rtr)

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