Finanzen Neue Konzernstrategie: Wie immun ist Siemens gegen Google AMPERSAND Co.?

22:10  30 juli  2021
22:10  30 juli  2021 Quelle:   wiwo.de

Siemens-Aktie in der Analyse: Siemens-Aktie: Im Sog der Beteiligungen?

  Siemens-Aktie in der Analyse: Siemens-Aktie: Im Sog der Beteiligungen? Siemens-Aktie in der Analyse: Siemens-Aktie: Im Sog der Beteiligungen?Siemens wird zunehmend Digital. Die durch Corona beschleunigte Automatisierung der Industrie birgt für den Traditionskonzern Wachstumschancen. Während Ex-Chef Joe Kaeser sich gerne mit dem während seiner Amtszeit deutlich gestiegenen Aktienkurs rühmte, hing das operative Geschäft lange hinterher. Die Zahlen machen Hoffnung, dass der jahrelange Konzernumbau sich nun deutlicher auszahlen wird. Siemens gliederte dabei einige Sparten aus – die Beteiligungen sind aktuell fast halb so viel wert, wie der Konzern selbst.

Siemens präsentiert sich heute als Digitalunternehmen. Wie Konzernchef Roland Busch die IT-Konkurrenz von Amazon bis Alibaba auf Abstand halten will – und warum er dem Verkauf der Telefonsparte nachtrauert.

Vor wenigen Wochen stand Roland Busch, Vorstandschef des Technologiekonzerns Siemens, auf einer Bühne in der Münchener Konzernzentrale und beantwortete Fragen von Journalisten. Mit einer Frage hatte Busch offenbar nicht gerechnet. Er wirkte grüblerisch und es brauchte mehrere Nachfragen, ehe er schließlich eine Antwort fand. Dabei war die Frage eigentlich recht simpel: Wer denn eigentlich der größte Konkurrent von Siemens sei, hatte der Journalist wissen wollen.

Oetker: Nicht übernommen, aber zerlegt und zerstückelt

  Oetker: Nicht übernommen, aber zerlegt und zerstückelt Oetker: Nicht übernommen, aber zerlegt und zerstückelt„Wir sind immer interessant für Übernahmen. Nur: Uns kann keiner übernehmen. Das wissen auch unsere Mitarbeiter. Es ist unser großer Vorteil gegenüber Aktiengesellschaften“, sagte ziemlich genau vor 20 Jahren der damalige Oetker-Chef August Oetker im Interview mit der WirtschaftsWoche. Er sollte Recht behalten. Übernommen wurde Oetker nicht. Dass sich aber ausgerechnet zerstörerische Kräfte innerhalb des Familienclans entfalten würden, ahnte er seinerzeit noch nicht.

Siemens, das war einmal der Konzern, der eigentlich nie mehr als einen Meter von einem entfernt schien. Das Telefon, die Glühbirne, die Kaffeemaschine, eigentlich stammte alles irgendwie von dem Münchener Konzern. Selbst der Strom kam nicht selten aus Kraftwerken, die Ingenieure von Siemens gebaut hatten.

Heute muss man schon etwas länger suchen, um auf Produkte von Siemens zu stoßen. Die Kommunikationssparte ist längst verkauft, die Glühbirnen sind ebenso abgespalten wie das gesamte Energiegeschäft. Architekt des Radikalumbaus war der frühere Siemens-Chef Joe Kaeser. Er trimmte den Konzern auf Automatisierung und Digitalisierung von Industrieprozessen. Ein nicht ganz einfaches Erbe für Roland Busch, der Siemens seit gut einem halben Jahr auch offiziell führt. Denn mit der Transformation wechseln auch die Wettbewerber des Konzerns.

Google traf mit £ 920m UK Klage über ‚rechtswidrig‘ App Store Kosten

 Google traf mit £ 920m UK Klage über ‚rechtswidrig‘ App Store Kosten © von City AM Google hat mit einer £ 920m Sammelklage in Großbritannien über Ansprüche Gebühren auf seinem Google Play Store ist „exzessive und ungesetzliche geschlagen worden “. Der Anspruch, im Wettbewerb Appeal Tribunal in London eingereicht behauptet, dass die Tech-Riese Fährt Wettbewerb in seinem Play Store und trifft aus an 30 Prozent Aufschlag für digitale Einkäufe. Die Klage, eingereicht im Namen von rund 19,5 Mio.

Einstige Rivalen wie General Electric (GE) oder Mitsubishi spielen für Siemens heute nur noch in Randbereichen eine Rolle. Wo diese Wettbewerber auf Turbinen setzen, setzt Siemens längst auf Software. Doch gerade in diesem Bereich lässt die Konkurrenz den drittwertvollsten Konzern der Bundesrepublik aussehen wie einen Zwerg. Gegen die IT-Riesen Amazon, Google, Microsoft oder Alibaba und deren Milliardenbudgets kommt Siemens nicht an. Fragt sich nur, wie Roland Busch den ungleichen Kampf gegen die IT-Größen gewinnen will.

Fragen nach der Konkurrenz von Siemens scheinen Busch mittlerweile nicht mehr kalt zu erwischen. Offenbar betreibt der Siemens-Chef die Feindbeobachtung sogar wesentlich penibler, als es auf der Bühne zur Einstimmung auf den Capital Market Day von Siemens gewirkt hat. „Wir setzen uns mit unseren Wettbewerbern generell intensiv auseinander. Mit denen, die wir hatten, wie GE. Und auch mit den Neuen. Zu verstehen, wie die Wettbewerber arbeiten, welche Ziele sie erreichen wollen, wie schnell sie agieren und welche Fehler sie gemacht haben, das gehört zu den Hausaufgaben eines jeden Managers“, sagte Busch im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“.

Siemens Healthineers profitiert von Corona-Schnelltests

  Siemens Healthineers profitiert von Corona-Schnelltests Die Siemens-Tochter Healthineers profitiert von einer großen Nachfrage nach Corona-Tests und erhöht seine Gewinnprognose. Doch das Geschäft mit den Tests dürfte seinen Höhepunkt erreicht haben.Vor allem beim Umsatz zeigte sich die Erlangener Siemens-Tochter am Freitag optimistischer. Dabei profitiert das Unternehmen von einem außergewöhnlich guten Geschäft seiner Diagnostik-Sparte - dank der hohen Nachfrage nach Corona-Schnelltests überwiegend in Europa.

In der Bahnsparte Siemens Mobility – dem industriellen Restposten inmitten des Digitalgeschäfts – hat Busch jedenfalls gute Karten gegenüber der Konkurrenz. Sein Trumpf hört auf den Namen Vectron. Dahinter verbirgt sich eine Lokomotive von Siemens Mobility. Wenn Busch über die Vectron redet, klingt er wie der oberste Verkäufer des Konzerns: „Wir haben die erfolgreichste Lokomotive der Welt. Unsere Vectron kann in Europa über alle Grenzen fahren, hat überall Zulassungen und eine sehr gute Kostenposition“, so Busch im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“.

QIX Deutschland: Deshalb schauen alle Investoren derzeit gebannt auf Siemens Healthineers

  QIX Deutschland: Deshalb schauen alle Investoren derzeit gebannt auf Siemens Healthineers Der QIX Deutschland ist am Montag nach den Verlusten vom Freitag mit leichtem Schwung in den Monat August gestartet. Am Nachmittag liegt der Index folglich leicht im Plus bei 17.250 Punkten. © Bereitgestellt von Finanzen.net Spencer Platt/Getty Images Eine starke Kursperformance zeigte im Qualitäts-Index in der vergangenen Woche die Aktie von Siemens Healthineers. Auch am heutigen Montag kommt es zu weiteren Zugewinnen und die Papiere stehen damit auf einem Rekordhoch bei 55,85 Euro.

Die Jubeltöne über die Bahnsparte sind neu. Noch vor einigen Jahren trommelte Siemens gegen die übermächtige Konkurrenz aus Fernost. Der chinesische Staatskonzern CRRC und dessen Expansionsgelüste nach Europa besorgten die Siemensianer so stark, dass sie Siemens Mobility mit dem französischen Konkurrenten Alstom fusionieren wollten, um gegen die Konkurrenz aus China gerüstet zu sein. Weil die EU-Wettbewerbsbehörde damals nicht mitspielte und den Deal untersagte, blieb die Sparte im Konzern und liefert heute satte Gewinne.

Die Probleme von Siemens Energy mit der Windkraft

  Die Probleme von Siemens Energy mit der Windkraft Eigentlich sollte die spanische Tochter Gamesa mit ihren Windkraftanlagen der deutschen Siemens Energy die Zukunft sichern. Nun ist sie das Problemkind des Konzerns. Dabei ist der Bedarf an erneuerbarer Energie gewaltig. © Reuters/V. West Windturbine von Siemens Gamesa In der aktuellen Bilanz des Energiespezialisten Siemens Energy gewinnen im Rennen zwischen Vergangenheit und Zukunft klar die Auslaufmodelle; so jedenfalls sehen viele die Energieträger Kohle und Gas.


Video: Aktien im Fokus: Siemens Gamesa schockt Branche mit Gewinnwarnung (dpa afx)

Der einstige Angstgegner aus China scheint die Siemensianer heute nicht mehr zu erschrecken. „Über einen längeren Horizont betrachtet, ist CRRC sicher ein ernstzunehmender Wettbewerber. Für die nächsten drei bis fünf Jahren ist CRRC hingegen eher weniger ein Problem“, so Busch im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“. Selbstbewusstsein schöpft der Siemens-Chef zudem aus einem Auftrag über 400 Lokomotiven, bei dem er die chinesische Konkurrenz erst unlängst ausgestochen habe. Der Trumpf der Vectron hat offenbar gestochen. „Das heißt, so eine Schlacht können wir auch gewinnen“, so Busch.

Doch wie steht es um die digitalen Sparten von Siemens, die nun den Kern von Siemens bilden? Und wer ist denn nun der größte Konkurrent von Siemens?

„Das ist eine spannende Frage“, so Busch im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“. „Die ganz ehrliche Antwort ist, es gibt nicht den einen Konkurrenten.“ So würde jeder Produktbereich von Siemens im Markt auf ganz unterschiedliche Wettbewerber stoßen. Im Produktbereich Automatisierung sei das etwa der US-Konzern Rockwell Automation, bei der Gebäudeinfrastruktur Schneider Electric aus Frankreich, in vielen Bereichen seien es ABB und Amazon.

Siemens profitiert von wackligen Lieferketten

  Siemens profitiert von wackligen Lieferketten Siemens profitiert von wackligen LieferkettenMünchen (Reuters) - Bei Siemens brummt das Geschäft trotz der weltweiten Lieferengpässe infolge der Corona-Krise.

Gerade im Digitalgeschäft muss sich das neue Siemens mit den größten Konzernen der Welt messen: Amazon, Google, Microsoft, Alibaba AMPERSAND Co. Wer den Kampf um Marktanteile bei der Fabrikautomatisierung gewinnen wird, ist laut Branchenbeobachtern noch offen. „Noch hat Siemens durch sein Industrie-Know-how Vorteile bei der Automatisierung und zählt zu den Marktführern. Doch der Kampf um den Milliardenmarkt hat erst begonnen, die Softwarekonzerne holen rasant auf“, sagt Axel Oppermann, Chef des Beratungsunternehmens Avispador.

Zugute kommt Siemens, dass der Konzern auch in Bereichen tätig ist, in denen Google AMPERSAND Co keine Kompetenz haben, etwa Züge bauen oder Infrastruktur automatisieren. Bei der Automatisierung von Fabriken ist der Kampf zwischen Siemens und Microsoft hingegen bereits in vollem Gang. Während Siemens mit seinem Fabrik-Betriebssystem Mindsphere etwa 122 Werke von Volkswagen untereinander vernetzen will, setzt der Autobauer BMW auf Software von Microsoft. Im Bereich Cloud-Dienste sind die US-Riesen mit ihren Entwicklungen ohnehin enteilt und für Siemens nicht mehr einholbar.

Rund zehn Milliarden Euro hat Siemens in den vergangenen zehn Jahren in den Ausbau des digitalen Produktportfolios investiert. Immun gegen Disruption machen diese Investitionen den Konzern allerdings nicht. Das zeigt das Desaster um die Kommunikationssparte, die Siemens vor einigen Jahren abgestoßen hat. Obwohl der Konzern frühzeitig beim Mobilfunk und dem Netzgeschäft mitmischte, versäumte er es, die Produkte rechtzeitig im Markt zu platzieren.

Busch spricht von einer „Wunde“, wenn er über den Verkauf der Telekommunikationssparte spricht. „Wir haben an dieser Stelle die Weiterentwicklung technologisch wirklich verschlafen. Es wäre definitiv ein Geschäft, das heute noch ganz weit vorne stehen würde. Das war eine Lektion, die wir gelernt haben und wir arbeiten daran, dass so etwas nicht wieder passiert“, so Busch im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“.

Dabei betont Busch, wie schwierig es sei, disruptive Technologien einzuführen: „Als Marktführer eine Disruption einzuleiten und hinterher noch Marktführer zu sein, ist eine der schwierigsten Management-Aufgaben, die man sich vorstellen kann. Da gibt es nicht viele Beispiele“, so Busch.

Busch setzt darauf, die IT-Konkurrenz in ein „Ecosystem“ einzubinden und mit ihnen zu kooperieren. So soll die übermächtige Konkurrenz zum Partner werden. Ob das reicht, um gegen Google AMPERSAND Co immun zu werden, wird sich erst zeigen.

Mehr zum Thema: Im Podcast erklärt Roland Busch, warum er nicht glaubt, zwischen China und den USA wählen zu müssen, was ihn von Joe Kaeser unterscheidet und wieso noch ambitioniertere Klimaziele das System überfordern könnten.

Siemens-Aktie legt letztendlich zu: Siemens hebt zum dritten Mal Prognose an .
Siemens korrigiert zum dritten Mal im laufenden Geschäftsjahr 2020/21 die Prognose nach oben. © Bereitgestellt von Finanzen.net TANNEN MAURY/AFP/Getty Images Unerwartet starke Zahlen für das Frühjahrsquartal machen den Technologiekonzern noch optimistischer. Erwartet wird nun ein vergleichbares Umsatzwachstum von 11 bis 12 Prozent (zuvor: 9 bis 11 Prozent) und ein Überschuss zwischen 6,1 und 6,4 (5,7 bis 6,2) Milliarden Euro inklusive aller Effekte im Zusammenhang mit der Übernahme des US-Krebsspezialisten Varian.

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