Sport Klinsmanns Vorwürfe gegen Hertha BSC: "Widerlich, unverschämt, perfide und ungehörig"

21:50  26 februar  2020
21:50  26 februar  2020 Quelle:   sueddeutsche.de

Nach Klinsmanns Abgang: Petry wieder bei den Profis

  Nach Klinsmanns Abgang: Petry wieder bei den Profis Nach Klinsmanns Abgang: Petry wieder bei den ProfisPetry soll bereits bei der Trainingseinheit am Mittwochvormittag wieder auf dem Platz stehen. Klinsmann hatte nach seiner Installierung als Cheftrainer am 27. November den im Klub fachlich und menschlich hoch geschätzten Ungarn degradiert und für vier Wochen mit Zustimmung des DFB Bundestorwarttrainer Andreas Köpke engagiert. Nach Köpkes Abgang aus Berlin war Ende Dezember mit Beginn der Rückrunden-Vorbereitung Max Steinborn, zuvor Torwarttrainer von Herthas U23, zu den Profis befördert worden.

Jürgen Klinsmann: Hatte wohl eher keine gute Zeit in Berlin © dpa Jürgen Klinsmann: Hatte wohl eher keine gute Zeit in Berlin

• Manager Michael Preetz erklärt, Hertha BSC behalte sich rechtliche Schritte gegen Jürgen Klinsmann und seine Analyse zum Verein vor.

• Es stehe außer Frage, "dass mit einer solchen Aktion der Verein Schaden nimmt".

• Woran Hertha als Tabellen.-14. im Abstiegskampf konkret zu knabbern haben wird: Klinsmann kanzelte einen Großteil der Mannschaft ab, sie sei zu satt und zu alt.

"Widerlich, unverschämt, perfide und ungehörig"

Mit einem tagebuchähnlichen "Protokoll" seiner knapp dreimonatigen Zeit bei Hertha BSC, das in einer Putschaufforderung gegen die Klubführung gipfelt und die abgedroschene Floskel von der sprichwörtlichen Bombe verdient, hat Jürgen Klinsmann die Statik beim Berliner Fußball-Bundesligisten einer massiven Prüfung unterzogen. Das 22-seitige Dokument sei authentisch und war, wie aus Klinsmanns Umfeld verlautete, als Analyse seiner Zeit bei Hertha gedacht. Adressat: Die "Tennor"-Gruppe von Herthas Großinvestor Lars Windhorst, die für 224 Millionen Euro die Hälfte der Profiabteilung von Hertha BSC gekauft hat.

Matthäus über Klinsmann: "Egoistischer Machtmensch"

  Matthäus über Klinsmann: Nach dem plötzlichen ​Rücktritt von Jürgen Klinsmann als Trainer von ​Hertha BSC meldet sich jetzt auch ein alter Weggefährte aus der deutschen Nationalmannschaft, von Inter Mailand und dem FC Bayern München zu Wort​. Ganze 227 Spiele stand der jetzige TV-Experte Lothar Matthäus gemeinsam mit Klinsmann auf den Fußballplätzen dieser Welt, doch in seinen Kommentaren zur Situation in Berlin verzichtet der 58-Jährige auf Nettigkeiten. Im GesprächIm Gespräch mit Sky äußerte sich Lothar Matthäus sehr kritisch zum Verhalten seines alten Teamkollegen. Laut Matthäus sei Klinsmann schon zu seiner aktiven Zeit "egoistisch gewesen" und "ein Machtmensch, der alles oder nichts spielt".

Windhorst hatte das Hertha-Ehrenmitglied Klinsmann Anfang November 2019 als Aufsichtsrat installiert, wenige Wochen später übernahm der frühere Bundestrainer überraschend den Berliner Trainerposten von Ante Covic. Nun zog Klinsmann öffentlich Bilanz, seine Analyse erschien am Mittwoch in der Sport-Bild. Herthas Manager Michael Preetz erklärte, der Klub behalte sich rechtliche Schritte vor. Es stehe außer Frage, "dass mit einer solchen Aktion der Verein Schaden nimmt".

In seiner Betrachtung lässt Klinsmann zwei Wochen nach seinem Rücktritt bei Hertha im Grunde keinen Stein auf dem anderen. Vor allem Preetz wird massiv angegriffen. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, eine "Lügenkultur" etabliert zu haben. Zudem habe er "katastrophale Versäumnisse" in allen Bereichen zu verantworten, die mit Leistungssport zu tun haben. In Spiel gegen den FC Bayern (0:4) habe Preetz den Schiedsrichter mit "niveaulosen Beleidigungen" traktiert. "Was muss passieren, um diesen Klub wirklich nach oben zu bringen: Die Geschäftsleitung muss sofort komplett ausgetauscht werden", schreibt Klinsmann. Eine Forderung, die sich auch in Kreisen der Hertha-Fans wegen der Stagnation des Klubs diskutiert wird.

Matthäus über Klinsmann: "Egoistischer Machtmensch"

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Aus Klinsmanns Schilderungen wird deutlich, dass er sich nie, auch nicht als Aufsichtsrat, willkommen gefühlt und später bei öffentlichen Konfliktthemen (wie seiner anfangs ungültigen Trainerlizenz) allein gelassen und sogar hintergangen gefühlt habe. Einen Anflug von Selbstkritik sucht man in der Schrift vergeblich. Dafür klagt Klinsmann über Trägheiten und - nachvollziehbar - über eine zu große Nähe von Preetz oder Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung, zur Mannschaft. Beide hätten sogar Spinde im Heiligsten einer Fußballmannschaft, in der Kabine.

Preetz sagte am Mittwoch, Klinsmann habe seine Vorwürfe intern niemals gegenüber irgendeiner Person geäußert. Dem steht das Wort Klinsmanns entgegen, der sagte, er habe bereits Anfang Januar wegen stockender Vertragsgespräche mit Rücktritt gedroht. Dem Papier zufolge sei das nach einem Telefonat zwischen Investor Windhorst und Präsident Gegenbauer wieder vom Tisch gewesen. Aus der Feder von Klinsmann liest es sich, als habe Windhorst in diesem angeblichen Telefonat in herrischem Ton "Klartext" mit dem Präsidenten geredet. Dabei habe er unmissverständlich deutlich gemacht, dass es nur mit Klinsmann einen Börsengang, eine Aufstockung des Investments um 150 Millionen Euro sowie Werbeverträge mit Konzernen wie Tesla oder Amazon gebe werde. Daher solle der Vertrag mit Klinsmann endlich geschlossen werden.

Lars Windhorst äußert sich auf PK: Jürgen Klinsmann verlässt Hertha BSC komplett

  Lars Windhorst äußert sich auf PK: Jürgen Klinsmann verlässt Hertha BSC komplett „Die Art und Weise des Abgangs ist so inakzeptabel“: Die Hertha-Führung und Investor Lars Windhorst haben das Aus von Jürgen Klinsmann verkündet. Der überraschende Rücktritt Jürgen Klinsmanns bei Hertha BSC hält Berlin in Atem. Die Hintergründe werden immer klarer. Nachdem sich Jürgen Klinsmann am Mittwochabend via Facebook ausführlich äußerte, ist für Donnerstagmittag eine Pressekonferenz mit Präsident Werner Gegenbauer, Geschäftsführer Michael Preetz und Investor Lars Windhorst angekündigt.

Gegenbauer wehrt sich gegen "schäbige Angriffe"

Ein Windhorst-Sprecher erklärte, dass man das Klinsmann-Dossier als "internen Vorgang" betrachte, den man "nicht öffentlich kommentieren" werde. Hertha BSC wiederum erklärte, dass "nahezu sämtliche (...) Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen". Auf Details wolle man nicht eingehen.

Gleichwohl: Mit ihrer Empörung hielten die Hertha-Verantwortlichen nicht hinterm Berg. Vereinspräsident Gegenbauer erklärte, man werde nun Zeuge, wie Klinsmann "abermals versucht, mit absurden Behauptungen seinen Rücktritt zu rechtfertigen". Gegenbauer verwahrte sich vor allem gegen "die schäbigen Anschuldigungen gegen die Mitarbeiter der Abteilungen Medizin und Medien". Ihnen hatte Klinsmann im Grunde jede Art von Kompetenz und Dynamik abgesprochen.

Preetz sagte, er selbst halte die Angriffe aus. Klinsmanns Angriffe gegen das Bodenpersonal der Hertha seien jedoch "widerlich, unverschämt, perfide und ungehörig": Er attackiere Menschen, die sich 24 Stunden am Tag für den Verein zerreißen. Zu den wenigen Figuren, die Klinsmann nicht kritisierte, zählte der von ihm selbst als "Performance Manager" installierte Ex-Profi Arne Friedrich. Er schule die Profis "holistisch". Der sogenannte Holismus, auch Ganzheitslehre genannt, ist laut Wikipedia die Vorstellung, dass natürliche Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind.

Spiel eins nach Klinsmann: Hertha BSC in Paderborn gefordert

  Spiel eins nach Klinsmann: Hertha BSC in Paderborn gefordert Nach dem überraschenden Rücktritt von Jürgen Klinsmann steht Hertha BSC im Abstiegskampf unter Druck. In der Partie heute beim Schlusslicht SC Paderborn wird Klinsmanns bisheriger Assistent Alexander Nouri für das Team des Berliner Fußball-Bundesligisten verantwortlich sein. Der 40-Jährige wartet seit 21 Ligaspielen auf einen Erfolg als Chefcoach. Klinsmann hatte am vergangenen Dienstag nach dem 1:3 beim FSV Mainz 05 überraschend seinen Rücktritt erklärt. Der Gegner aus Ostwestfalen befand sich zuletzt im Aufwärtstrend: Aus den vergangenen fünf Partien holte das Team von Trainer Steffen Baumgart sieben Punkte.

Woran Hertha als Tabellen.-14. im Abstiegskampf konkret zu knabbern haben wird: Klinsmann kanzelte einen Großteil der Mannschaft ab, sie sei zu satt und zu alt. Klinsmann klassifiziert jeden einzelnen Profi - selten nach fußballerischen Fähigkeiten, mitunter nach Teamfähigkeit, stets aber nach dem potenziellen Verkaufswert. Kapitän Vedad Ibisevic sei zwar ein "super Typ", aber: "leider zu alt, kein Mehrwert". Der teure Sommereinkauf Dodi Lukebakio habe "großes Talent", sei aber "nicht leidensfähig" und gehöre "eher" unter die "Rubrik Fehleinkauf von Preetz".

Interessant wird zu sehen sein, inwiefern die Mannschaft diese Urteile dem jetzigen Trainer Alexander Nouri und seinem Assistenten Markus Feldhoff anlastet. Auf die Frage, ob er die Klinsmann-Urteile teile, wand sich Nouri. Er habe "keine Zeit gehabt, das alles zu lesen", sagte der Coach. Er war zusammen mit Klinsmann Ende November nach Berlin gekommen und hatte zuletzt zwei Spiele hauptverantwortlich die Mannschaft geleitet. Am vorigen Samstag kassierte er ein 0:5 gegen Köln, am Freitag muss er mit Hertha zum Abstiegsrivalen Fortuna Düsseldorf reisen. Man darf wohl bezweifeln, dass der turbulent geschiedene Klinsmann ihm einen Gefallen getan hat, als er eine "dringende Empfehlung" niederschrieb: "Lasst Alex Nouri und das Trainerteam die Saison auf jeden Fall zu Ende bringen. Die Mannschaft weiß, dass er nach wie vor eng mit dem alten Trainerstab kommuniziert."

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  Hertha BSC nach Abrechnung von Jürgen Klinsmann: Michael Preetz behält sich rechtliche Schritte vor Jürgen Klinsmann hatte Hertha BSC in einer Generalabrechnung heftig attackiert. Michael Preetz könnte nun rechtliche Schritte gegen ihn einleiten.Gleichzeitig nahm Preetz kein Blatt vor den Mund, nannte die Anschuldigungen gegen die Medien- und medizinische Abteilung der Alten Dame "widerlich und unverschämt", das sei "perfide" und werde "auf das Schärfste zurückgewiesen. Das sind alles Menschen, die 24 Stunden pro Tag für diesen Verein im Einsatz sind".

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Sein Aus bei Hertha BSC hatte für mächtig Schlagzeilen gesorgt. Als TV-Experte für RTL wird Jürgen Klinsmann künftig nicht mehr arbeiten.Die Entscheidung erfolge laut RTL auf Klinsmanns eigenen Wunsch. Klinsmann war im Februar 2019 als Nachfolger von Jens Lehmann vorgestellt worden und analysierte für RTL die Spiele der deutschen Nationalmannschaft.

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