Welt & Politik Merkel wird in aller Welt vermisst

18:55  20 september  2021
18:55  20 september  2021 Quelle:   rp-online.de

Merkel in Polen: "Politik ist doch mehr, als nur zu Gericht zu gehen"

  Merkel in Polen: Die Bundeskanzlerin besucht Polen und trifft Ministerpräsident Mateusz Morawiecki - während sich der Streit zwischen Warschau und Brüssel zuspitzt. Präsident Duda lässt ein geplantes Treffen kurzfristig absagen. © Omar Marques/Getty Images Bundeskanzlerin Angela Merkel und Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki. auf dem Weg zu einer gemeinsamen Pressekonferenz in Warschau.

Mit Spannung schaut man in aller Welt auf den Ausgang der Bundestagswahl am 26. September. Was kommt nach der Ära Merkel? Ausländische Journalisten wundern sich über den deutschen Wahlkampf und erklären die Popularität der Bundeskanzlerin in ihren Ländern.

 Merkel und die Briten, eine besondere Geschichte. Dreimal wurde die Kanzlerin zu einer Privataudienz von der Queen empfangen. © dpa Merkel und die Briten, eine besondere Geschichte. Dreimal wurde die Kanzlerin zu einer Privataudienz von der Queen empfangen.

Als im Weißen Haus noch Donald Trump regiert hat, galt Angela Merkel bei vielen als Hüterin der freien Welt. Selbst in den USA. Zum Ende ihrer Amtszeit wurde sie dort dann auch ausgezeichnet. Doch wie wird die deutsche Kanzlerin in anderen Ländern gesehen? Was hält man in Großbritannien, Österreich oder Japan vom hiesigen Wahlkampf? Ausländische Korrespondenten geben eine Einschätzung - Merkel wird fehlen.

nicht gegangen: Merkel, um als aktiven Hausmeister aufzuhängen Macht, Bundeskanzlerin Angela Merkel sucht keine Wiederwahl in der Wahl Deutschlands am 26. September, aber sie ist alles andere als eine lahme Ente.

 nicht gegangen: Merkel, um als aktiven Hausmeister aufzuhängen Macht, Bundeskanzlerin Angela Merkel sucht keine Wiederwahl in der Wahl Deutschlands am 26. September, aber sie ist alles andere als eine lahme Ente. Die Wahrscheinlichkeit von langwierigen Koalitionsgesprächen nach der Abstimmung bedeutet, dass Merkel nicht bald das Büro verlassen wird, und sie beabsichtigt, ihre Zeit nach der Wahl einzusetzen, um mit außenpolitischen Initiativen einzudringen, sagen Regierungsbeamte. Im Rahmen der deutschen Verfassung bleibt Merkel Kanzler, bis eine Mehrheit der Bundestag-Gesetzmeister einen Nachfolger wählt, der dann vereidigt wird.

Während ihrer 16-Jährigen Amtszeit absolvierte die Kanzlerin über 20 Besuche in „UK“, dreimal wurde sie persönlich von der Queen empfangen. Legendär ist die Szene, in der Elizabeth II. zu ihr sagt: „Sie hatten einen vollen Tag“ und Merkel antwortet: „Joa, es ist meine Aufgabe, volle Tage zu haben.“ Die Briten hätten ein „sehr ambivalentes Verhältnis zu Merkel“, sagt Guy Chazan, Leiter des Berliner Büros der Londoner „Financial Times“. Seit 2016 berichtet er aus der deutschen Hauptstadt. Es sei immer viel von ihr erwartet worden. „Sie hatte das Image eines Schutzengels, der uns vor den Härten des Brexits retten würde.“ Diese Rolle habe Merkel aber nie gespielt. Viele Menschen in Großbritannien seien noch zu sehr beschäftigt „mit dem Brexit und den Spannungen mit der EU. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Wahlen auf dem Radarschirm der Leute in England sind“, so Chazan.

Merkel - Macron: Eine schwierige politische Ehe?

  Merkel - Macron: Eine schwierige politische Ehe? Angela Merkel trifft den französischen Präsidenten zum letzten offiziellen Arbeitsbesuch in Paris. Auch wenn später noch ein privater Abschied geplant ist: Was bleibt aus 16 Jahren deutsch-französischer Zusammenarbeit? © picture-alliance/dpa/K. Nietfeld Vertrautes Miteinander: Angela Merkel und Emmanuel Macron (2018) "Ich muss heute Abend noch nach Berlin zurück", sagte die Bundeskanzlerin , nachdem sie gemeinsam mit dem französischen Präsidenten die lange und ehrgeizige Agenda für ihr letztes offizielles Arbeitsessen vorgestellt hatte.

Jun Nojima ist Chefkorrespondent der japanischen Zeitung „The Asahi Shimbun“. Japan ist weit weg. Interessiert dort überhaupt der deutsche Wahlkampf? Er sagt: „Was nach Merkel kommt, wird sehr intensiv in Japan verfolgt.“ Deutschland sei das stärkste Land in Europa mit einer besonderen Verantwortung. „Mein Eindruck ist, dass im Wahlkampf aber zu sehr ins Inland geschaut wird. Es gibt kaum Diskussionen über die Außenpolitik. Das ist enttäuschend“, beklagt Nojima. Merkel war das letzte Mal 2019 mit einer großen Wirtschaftsdelegation in Japan. Ihr Erfolg, betont der Korrespondent, „ist bei den japanischen Lesern von großem Interesse. In Japan ist Merkel die beliebteste und bekannteste Person Europas.“

Österreich liegt vor der deutschen Haustür. Dort regiert der junge Kanzler Sebastian Kurz, 35 Jahre alt. Wegen seines rigiden Kurses in der Flüchtlingspolitik ist er auch bei vielen deutschen Konservativen beliebt. Sein Verhältnis zu Merkel galt stets als unterkühlt. Birgit Baumann, seit 2005 Deutschland-Korrespondentin der Wiener Tageszeitung „Der Standard“, glaubt freilich: „Vermissen als Garantin für ein stabiles Europa wird man sie auch in Österreich.“ Früher sei klar gewesen, Angela Merkel werde Kanzlerin, „es geht wohl so weiter wie bisher. Jetzt ist sogar von einer Regierungsbeteiligung der Linken die Rede - das ist für viele in Österreich unvorstellbar. Dort gibt es ja nicht mal eine linke Partei im Parlament.“

Die große Bilanz des Merkel-Kabinetts

  Die große Bilanz des Merkel-Kabinetts Berlin. Die Mitglieder der letzten Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel erlebten eine außergewöhnliche Amtszeit. Vor der Bundestagswahl schauen wir zurück und beurteilen ihre Leistungen. © Oliver Dietze Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) Der Vize-Kanzler setzte zunächst die Politik seines Vorgängers Schäuble (CDU) fort, hielt an der „Schwarzen Null“ im Etat fest. Doch nach dem Corona-Ausbruch 2020 öffnete er seine Kasse, setzte die Schuldenbremse aus. Der SPD-Kanzlerkandidat stahl dem CDU-Kollegen Altmaier als „Wumms“-Minister die Show.

Mit Spannung schaut man auch in Ankara auf die Entwicklungen in Berlin. Das Verhältnis zur Türkei ist nicht sonderlich gut. Allein schon wegen des immer autokratischer regierenden Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Mit ihm handelte vor allem Merkel den Flüchtlingsdeal aus. Die EU überweist Milliarden an die Türkei, die wiederum die Gestrandeten aufnimmt. Ahmet Külahçı ist Kolumnist und Koordinator der Europa-Ausgabe der türkischen Tageszeitung „Hürriyet“. Er beklagt ebenfalls, im deutschen Wahlkampf sei die Außenpolitik kaum ein Thema. In der Türkei hoffe man nach der Bundestagswahl auf eine stabile Regierung, die „etwas freundlicher“ insbesondere hinsichtlich einer EU-Mitgliedschaft agiere. Nicht weniger kompliziert ist das Verhältnis zu Russland. Es gibt Sanktionen wegen der Annexion der Krim, die Partnerschaft liegt quasi auf Eis. Viacheslav Filippov, Chefkorrespondent der russischen Nachrichtenagentur „Tass“, hebt trotzdem hervor: „Die Russen werden Frau Merkel vermissen.“ Kaum Hoffnung hat er, dass sich die Beziehungen zu Russland unter einer neuen Regierung verändern werden.

„Ich wollte nochmal Arrivederci sagen“

  „Ich wollte nochmal Arrivederci sagen“ Berlin. Es ist die letzte Woche vor der Bundestagswahl - und somit auch eine Art Abschiedswoche für Angela Merkel - auch wenn sie solange im Amt bleibt, bis ein neuer Kanzler gewählt wird. Umgibt Merkel ein Hauch von Wehmut? © Stefan Sauer Bundeskanzlerin Angela Merkel (r, CDU) lässt sich vor der Bundestagswahl in ihrem ehemaligen Wahlkreis in Greifswald auf dem Wochenmarkt mit einer Besucherin fotografieren. Foto: Stefan Sauer/dpa. Abschiedsschmerz? Wenn man Angela Merkel in diesen Tagen begegnet, ist davon nur wenig zu spüren. Im Gegenteil - so viel im Land unterwegs wie gerade jetzt, war die Regierungschefin selten.

Demgegenüber ist die Freundschaft zu Frankreich besonders eng. In der vergangenen Woche empfing Präsident Emmanuel Macron die Bundeskanzlerin zu einem letzten Arbeitsessen. In ihrer Regierungszeit musste Merkel mit vier französischen Präsidenten auskommen, mit dem belehrenden Jacques Chirac, mit dem unberechenbaren Nicolas Sarkozy, dem Sozialisten François Hollande und dem Europafreund Macron. Pascal Thibaut, Deutschlandkorrespondent von „Radio France Internationale“ betont, zwar habe es häufiger in der Europapolitik geknirscht zwischen beiden Ländern, „aber in Frankreich ist Merkel sehr populär. Man wusste, woran man war.“ Die Frage, die sich die Franzosen nun stellen würden, sei: „Was kommt jetzt?“ Genau darüber rätseln viele Deutsche auch noch.

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16 Jahre Bundeskanzlerin : Bewundert und scharf kritisiert: So blickt das Ausland auf die Ära Angela MerkelAußenpolitik spielt in diesem Wahlkampf allenfalls eine marginale Rolle, nur Afghanistan tauchte hier und da in den TV-Debatten der Kanzlerkandidaten auf. Das ändert aber nichts daran, dass das Ausland umgekehrt mit Faszination auf die Bundestagswahl blickt.

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