Welt & Politik Junge Wähler und die FDP: "Für viele junge Wählende ist finanzieller Wohlstand wichtig"

20:05  28 september  2021
20:05  28 september  2021 Quelle:   zeit.de

Bei einer Ampelkoalition: Lindners Lohn als Kanzlermacher: Finanzminister

  Bei einer Ampelkoalition: Lindners Lohn als Kanzlermacher: Finanzminister Ohne die Trophäe Finanzministerium würde der FDP-Chef kaum in keine Ampel-Koalition eintreten können. Sein Chancen, dass er den Posten am Ende auch bekommt stehen gut. © dpa Der FDP-Chef will Bundesfinanzminister werden. Als Trainer-Legende Pep Guardiola 2013 als Coach des FC Bayern anfing und zur Transferpolitik des Sommers gefragt wurde, machte er eine Bemerkung, die es in die Geschichtsbücher der Bundesliga schaffen sollte: „Thiago oder nix.

Die FDP ist bei den Erstwähler:innen stärkste Kraft geworden. Ein Jugendforscher erklärt, was das Ergebnis mit der Corona-Politik und Tesla-Chef Elon Musk zu tun hat.

Warum ist die FDP unter Erstwähler:innen so erfolgreich? © Maskot/​plainpicture Warum ist die FDP unter Erstwähler:innen so erfolgreich?

Diese Bundestagswahl ist eine Klimawahl, hieß es die vergangenen Wochen und Monate. Junge Aktivist:innen baten Ältere, für ihre Zukunft zu stimmen. Zwei Tage vor der Bundestagswahl streikten laut Fridays for Future deutschlandweit mehr als 600.000 Menschen fürs Klima. Unter den Erstwähler:innen hat aber nun nicht Bündnis 90/Die Grünen, sondern die FDP die Wahl knapp gewonnen. Jugendforscher Simon Schnetzer erklärt, woran das liegen könnte.

Grüne und FDP: Beim Klima mehr gemeinsam als gedacht?

  Grüne und FDP: Beim Klima mehr gemeinsam als gedacht? Gerade beim Umwelt- und Klimaschutz gelten die Grünen und die FPD als sehr gegensätzlich. Wie kann das zusammengehen, sollten beide in einer Regierungskoalition sitzen? © Wolfgang Kumm/dpa/picture alliance Der Grünen-Co-Vorsitzende Habeck (l.) und FDP-Chef Lindner mal ganz nah - klappt das auch beim Thema Klimaschutz? Im Wahlkampf waren die Positionen klar. Für die FDP waren die Grünen eine "innovationsfeindliche Verbotspartei", der Parteivorsitzende Christian Lindner warb mit Sätzen wie: "Grüne Schulden" (...

ze.tt: Herr Schnetzer, die FDP ist bei den Erstwähler:innen stärkste Kraft geworden. War diese Bundestagswahl bei jungen Wähler:innen doch keine Klimawahl?

Simon Schnetzer: Für die einen war und ist das Klima das wichtigste Thema. Anderen aber ist etwas anderes mindestens genauso wichtig: finanzieller Wohlstand. Viele junge Menschen in Deutschland hatten lange das Gefühl, ihr zukünftiges Leben wird ein Leben in Wohlstand sein. Dann kamen die Klimakrise, die Corona-Krise und die junge Generation hat gemerkt: Was politisch passiert, hat einen starken Einfluss darauf, wie es ihnen in den nächsten Jahren gehen wird. Die aktuelle Wahl war deshalb für viele eine Art Schicksalswahl – eine Möglichkeit, eine Kehrtwende zu machen.

Bundestagswahl: "Spannende Zeiten" und ein Selfie

  Bundestagswahl: Die Spitzen von FDP und Grünen sprechen erstmals über eine mögliche Koalition und berichten: Man habe "Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes" ausgelotet. Unions-Fraktionschef Brinkhaus sagt, CDU-Chef Laschet werde nicht zum Oppositionsführer im Bundestag.• Der wiedergewählte CDU-Fraktionschef Brinkhaus schließt aus, dass CDU-Chef Laschet ihn ablösen könnte.

ze.tt: Und die kann aus Sicht einiger Junger mit der FDP gelingen?

Schnetzer: Viele glauben nicht daran, dass sie genügend Rente bekommen, zumindest nicht über die bisher gängigen Rentenmodelle, den Bausparvertrag, das Sparkonto. Sie wissen: Es braucht eine Veränderung, damit sie in Zukunft in Wohlstand leben. Dafür steht aus ihrer Sicht die FDP. Viele 18- und 19-jährige Studierende, mit denen ich spreche, schauen mittlerweile ganz selbstverständlich auf ETFs, investieren oder wollen investieren, sobald sie etwas Geld übrig haben. Wenn ich dabei zum Beispiel in Immobilien investieren möchte, dann ist grüne Politik vielleicht gar nicht so cool. Stichwort Mietpreisdeckel oder die Möglichkeit von Enteignungen.

ze.tt: Sie veröffentlichen seit 2010 die Studie Junge Deutsche zur Lebens- und Arbeitswelt der Generation Y und Z: Welche Themen neben Klima und Wohlstand waren jungen Menschen bei dieser Wahl noch wichtig?

Wie geht es weiter mit der Regierungsbildung?

  Wie geht es weiter mit der Regierungsbildung? Nach einem knappen Wahlausgang braucht Deutschland eine neue Regierung. Die kleineren Parteien Grüne und FDP reden schon. Was folgt? Vier Fragen und Antworten. © Florian Gaertner/photothek/picture alliance Provided by Deutsche Welle Was sind Vorsondierungen? Zunächst wollen sich die beschnuppern, die zusammen regieren wollen und deren politische Ziele am weitesten auseinander liegen: die liberale FDP und die Umweltpartei Bündnis 90/Die Grünen. Da waren sich die drittplatzierten Grünen (14,8 Prozent) und die viertplatzierte FDP (11,5 Prozent) noch am Wahlsonntag schnell einig.

Schnetzer: Das Megathema für die nächste Legislaturperiode ist für sie, Mitsprache zu bekommen und sich beteiligen zu können. Schon bei der Klimakrise haben junge Menschen das Gefühl, dass die vor allem sie betreffen wird – und die Politik sich nicht darum kümmert. Ganz ähnlich war es jetzt in der Pandemie: Schüler:innen, Studierende, Auszubildende hatten den Eindruck, ihre Interessen zählen überhaupt nicht. Während das Arbeitsleben aufrechterhalten wurde, wurden Bildungseinrichtungen und Sportvereine geschlossen, das Hobby verboten. Die FDP hat da Vertrauen geschaffen: Sie wollte Lockerungen und auf Eigenverantwortung setzen, nach dem Motto: "Lasst uns wieder eine Normalität schaffen, in der ihr auch Teil der Lösung seid." Hinzu kommen die Themen Digitalisierung und Bildung. Während der Pandemie wurde sehr deutlich, wie weit Deutschland hinterherhinkt, was den Ausbau digitaler Infrastruktur im ländlichen Raum oder im Bildungssystem angeht.

»Im Wahlkampf konnte die FDP die junge Generation aus ihrer eigenen Informationsblase heraus erreichen: den sozialen Medien.«

Koalitionen nach der Bundestagswahl: So wollen sie sich finden

  Koalitionen nach der Bundestagswahl: So wollen sie sich finden Fast täglich treffen sich ab heute mögliche Koalitionspartner. Die Grünen arbeiten mit zwei Teams, die FDP bringt eine Kenner und Markus Söder eine eigene Matrix. © Kay Nietfeld/​dpa Die Spitzen einer möglichen Ampel: Annalena Baerbock von den Grünen, Olaf Scholz (SPD) und der FDP-Vorsitzende Christian Lindner Am Anfang war ein Selfie. Und jetzt geht's richtig los. In den nächsten Tagen treffen sich in Berlin Vertreter und Vertreterinnen der regierungswilligen Parteien, um auszuloten, ob sie einander vertrauen und eine gemeinsame Basis finden.

Simon Schnetzer

ze.tt: Und warum konnte in diesen Punkten vor allem die FDP überzeugen?

Schnetzer: Weil sie für junge Menschen in diesen Fragen authentisch war. Die Jungen lassen sich Dinge lieber von anderen Jungen erklären als von alten weißen Männern. Seit ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 hat die FDP viele ihrer alten Riege verloren und sich neu aufgebaut. Die Partei vermittelt den Eindruck, jung und modern zu sein und vor allem auch junge Menschen früh in Entscheidungspositionen zu heben. Im Wahlkampf konnte sie zudem die junge Generation aus ihrer eigenen Informationsblase heraus erreichen: den sozialen Medien. Dadurch sind sie für viele junge Wähler:innen glaubwürdiger als Parteien, die Wahlkampf eher über klassische Medien oder per Post machen.

ze.tt: Sie sagen, die FDP sei jung und modern geworden. Mit Blick auf zum Beispiel den niedrigen Frauenanteil in der Partei: Ist sie das wirklich?

Schnetzer: Es stimmt, dass die FDP ein sehr männlich dominiertes Bild abgibt. Meine Studie hat gezeigt, dass die Themen Karriere, Geld und Einkommen junge Männer deutlich mehr anspricht als junge Frauen. Letzteren ist Ökologie wichtiger, aber auch soziale Themen. Wo sich beide Gruppen treffen, ist die Bildung. Das ist ein Thema, dass sowohl FDP als auch Grüne aufgreifen. Die einen erreichen damit eher eine männliche Klientel, die anderen eher eine weibliche.

FDP und Union: Zwischen Union und FDP brennt es lichterloh

  FDP und Union: Zwischen Union und FDP brennt es lichterloh Ein paar durchgestochene Worte aus den Sondierungen könnten eine Jamaika-Koalition endgültig begraben. Der Tweet eines Liberalen liest sich fast schon wie ein Schlussstrich. Der FDP hilft die ganze Aufregung aus einer misslichen Lage. © imago Die Generalsekretäre von CDU, FDP und CSU nach ihren Sondierungen am Sonntagabend in Berlin. In den vergangenen Tagen hatte sich bereits ein Abrücken der FDP von der Union abgezeichnet. Aber jetzt ist die neue Distanz in einer Weise offensichtlich geworden, die einen jeden Glauben daran verlieren lässt, dass die Parteien noch zu einer gemeinsamen Bundesregierung zusammenfinden.

»Christian Lindner verkörpert eine charismatische Führung mit Vision, ein bisschen á la Elon Musk.«

Simon Schnetzer

ze.tt: Welche Rolle spielt Christian Lindner als Gesicht der FDP?

Schnetzer: Christian Lindner ist zwar nicht mehr ganz so jung, kommt aber so rüber. Und er verkörpert eine charismatische Führung mit Vision, ein bisschen á la Elon Musk. In der Start-up- und Gründerszene ist der Tesla-Chef für viele ein großes Vorbild. Diese Inszenierung, die junge Frauen vielleicht eher abschreckt, finden viele junge Männer cool. Ein junger Mann aus der Gründerszene hat dadurch womöglich das Gefühl, in der FDP ganz gut aufgehoben zu sein.

ze.tt: Würden Sie sagen, wer FDP wählt, hat einen bestimmten sozialökonomischen Hintergrund?

Schnetzer: Ja und nein. Ich glaube, die Pandemie hat zum einen den Fokus verschärft, der aus dem prägenden Elternhaus kommt. Erstwähler:innen leben entweder noch zu Hause oder sind gerade ausgezogen, noch in der Ausbildung oder gerade fertig. Sie sind also in vielen Fällen noch von den Eltern abhängig. Und die waren von der Pandemie ganz unterschiedlich betroffen, je nachdem ob sie angestellt, selbstständig oder verbeamtet sind. Sind die Eltern selbstständig, haben sie möglicherweise große Einbußen eingefahren und würden jetzt von Steuersenkungen profitieren. Für diese Interessen hat sich die FDP stark gemacht. Zum anderen steht die Partei in den Augen vieler für das Versprechen "Engagement lohnt sich", das junge Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten abholen soll. Viele Junge haben heute den Traum, beruflich ihr eigenes Ding zu machen – ob als Unternehmensgründer:in oder als Influencer:in – und nicht im klassischen Angestelltenverhältnis zu landen.

Bundestagswahl: Grüne und FDP beraten getrennt über Stand der Gespräche

  Bundestagswahl: Grüne und FDP beraten getrennt über Stand der Gespräche Beide Parteien wollen interne Zwischenbilanzen ziehen und über ihr weiteres Vorgehen für eine Regierungsbildung beraten. Laschet hält die Gegensätze zwischen Union und Grünen für überwindbar.• Nach dem Sondierungstreffen mit den Grünen, sagt CDU-Chef Laschet, ein Jamaika-Bündnis habe "eine Breite in der Gesellschaft".

ze.tt: Würden Sie sagen, dass die Corona-Krise die Klimakrise bei einigen jungen Wähler:innen überlagert hat?

Schnetzer: Die Jugend ist spätestens seit der Fridays-for-Future-Bewegung sensibilisiert, was die Klimakrise angeht. In der Pandemie ist das bei manchen in den Hintergrund geraten, eben durch eine Angst, den Lebensstandard zu verlieren. Das gilt nicht nur für junge Menschen, die die FDP gewählt haben: Wenn du Schüler:in bist und dich nicht um deine Finanzen sorgen musst, kannst du dich leichter aufs Klima konzentrieren, als wenn du gern ausziehen möchtest, deine Familie sich das aber durch die Pandemie nicht mehr leisten kann, weil deine Eltern lange in Kurzarbeit waren oder ihren Job verloren haben. Dann ist das Klima in dem Moment vermutlich zweitrangig.

ze.tt: Warum konnten die großen Parteien CDU/CSU und SPD an dieser Stelle nicht punkten?

Schnetzer: Aus meiner Sicht hat unter anderem der YouTuber Rezo einen großen Anteil daran, der sich eben diese beiden Parteien vorgeknöpft hat, weil sie zu dem Zeitpunkt regiert haben. Die Volksparteien hatten in den letzten Jahren die Möglichkeit, zu überzeugen und Visionen umzusetzen. Sie haben es nicht getan und sich durch Fehltritte das Vertrauen verspielt. So wie Rezo das recherchiert und vorgetragen hat, hat er es geschafft, junge Menschen zu erreichen. Er hat hohe Reichweite und war im Internet vormals für anderes bekannt: Musik, unpolitische Unterhaltung. Dadurch ist er authentisch, glaubwürdig und unparteiisch. Außerdem hat er transparent gearbeitet und seine Quellen stets offengelegt. Seine Videos haben für viele sicherlich zur Abkehr von SPD und Union beigetragen. Junge Menschen wollen jetzt eine Veränderung mit Vision. Dafür stehen diese Parteien aktuell nicht.

Christian Lindner, Robert Habeck, Annalena Baerbock: Zitrus-Trio erwählt Olaf Scholz - auf Probe .
Grüne und FDP haben sich mit der SPD zu einem ersten Sondierungsgepräch verabredet, die Union bleibt vorerst außen vor. Ist dies das Ende der Jamaika-Option? © Michael Kappeler / dpa An diesem Mittwochmorgen läuft anfangs alles rund für FDP-Chef Christian Lindner. Hinter verschlossenen Türen hat er viel Lob erfahren für die bisherigen Vorsondierungen mit Grünen, SPD und Unionsparteien.Ein Redner nach dem anderen betont in einer digitalen Schalte des Bundesvorstands mit den FDP-Bundestagsabgeordneten das professionelle Vorgehen des FDP-Chefs und des Generalsekretärs Volker Wissing. So berichten es Teilnehmer.

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