Welt & Politik: Energiewende: "Wir reden über Utopien. Die muss man machen und erkämpfen" - PressFrom - Deutschland

Welt & PolitikEnergiewende: "Wir reden über Utopien. Die muss man machen und erkämpfen"

05:55  17 juni  2019
05:55  17 juni  2019 Quelle:   zeit.de

"Die Annahme, hinter Gittern säßen nur verurteilte Verbrecher, ist vollkommen falsch"

Ava DuVernay hat "When They See Us" gedreht, eine Serie zur Ungerechtigkeit der US-Justiz. Ein Gespräch über Rassismus, Armut und Hoffnung. Ava DuVernay, 1972 im kalifornischen Long Beach geboren, nimmt sich in ihren Filmen gern große reale Themen vor. Im Dokumentarfilm 13th erzählte die Regisseurin von der Abschaffung der Sklaverei in den USA, in Selma widmete sie sich 2014 Martin Luther King und den Märschen der Bürgerrechtsbewegung.

Die muss man machen und erkämpfen ". Die Energiewende ist mehr als neue Technik, sagen Jonas Lage und Maximilian Becker: Grundrecht auf Energie Nicht jede Person muss alle zwei Jahre ein neues Handy haben. Ich glaube, wir müssen zurück zu einer Art des Wirtschaftens, die an unseren

Die muss man machen und erkämpfen ". Seite 3/3 Becker: Die Energiewende muss auch ohne ein schreckliches Ereignis wie Fukushima endlich in Gang kommen. Wir wollen durch unser zivilgesellschaftliches Engagement gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen und durch Ende Gelände

Die Energiewende ist mehr als neue Technik, sagen Jonas Lage und Maximilian Becker: Grundrecht auf Energie, autofreie Straßen, gutes Leben für alle. Wie soll das gehen?

Energiewende: "Wir reden über Utopien. Die muss man machen und erkämpfen" © Florian Gaertner/Photothek/Getty Images Windräder in der Nähe des brandenburgischen Ortes Duben

Wie erreicht Deutschland seine Klimaziele? Dazu gibt es zwei ganz unterschiedliche Haltungen: Während die einen darauf setzen, dass neue, klimafreundliche Technik den Weg zu einer Wirtschaftsweise ohne Treibhausgasemissionen bahnen möge, sagen die anderen: Das wird nicht reichen. Um das Klima zu retten, müssen wir unser Leben – die Art, wie wir arbeiten, wirtschaften, einkaufen, wohnen, zusammenleben – von Grund auf verändern.

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Wir reden über Utopien , deshalb ist es schwierig, ein konkretes Szenario zu entwickeln. Wir haben keinen Masterplan. Wir sagen nicht, so wird die Gesellschaft sein Stattdessen schauen wir uns an, wo Utopien bereits verwirklicht sind, und fragen uns: Wie funktioniert das dort? So wie in Kopenhagen.

Zu ihnen gehört das I.L.A.-Kollektiv, ein interdisziplinärer Zusammenschluss aus rund 30 jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. (Das I.L.A. im Namen steht für imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen.) In dem Buch "Das gute Leben für Alle. Wege in die solidarische Lebensweise", das im Oekom-Verlag erschienen ist, beschreiben sie, wie eine klimafreundliche Gesellschaft aus ihrer Sicht aussehen kann und wo sie heute schon gelebt wird. Jonas Lage und Maximilian Becker sind Teil des I.L.A.-Kollektivs. Im Interview sprechen sie darüber, wie eine Energie- und Verkehrswende funktionieren könnte, die auch den Menschen im globalen Süden ein gutes Leben ermöglichen könnte.

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Energiewende: "Wir reden über Utopien. Die muss man machen und erkämpfen" © privat Jonas Lage

Jonas Lage: Falls wir unseren heutigen Energieverbrauch auf erneuerbare Energien übertrügen, bräuchten wir in Zukunft extrem viele Windräder und Solaranlagen – und entsprechend viele Rohstoffe, also seltene Erden, Neodym, Zinn und anderes, um sie herzustellen. Wir decken in Deutschland derzeit knapp 40 Prozent der Stromversorgung und rund 15 Prozent des gesamten Energiebedarfs, also für Elektrizität, Wärme, Industrie und Verkehr, aus erneuerbaren Quellen. Wenn wir nun die Mobilität elektrifizieren, steigt der Strombedarf noch.

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Wenn die Städte entsprechend geplant sind, muss es noch nicht einmal Verzicht bedeuten, das Fahrrad zu nutzen statt des Autos wo immer möglich.

Jonas Lage

Lage: Das funktioniert nur begrenzt. Wir haben unsere Wohnungen in den letzten 40 Jahren immer besser gedämmt, aber gleichzeitig wohnen wir auf immer größerer Fläche, und das frisst den Energiespareffekt auf. Wir haben effizientere Autos, aber sie sind größer und schwerer als früher, werden mehr gefahren und auch ihre Anzahl wächst – also steigt der Energieverbrauch. Natürlich ist es sinnvoll, zum Beispiel über E-Mobilität nachzudenken. Aber sie einzuführen bringt dem Klima erst dann richtig etwas, wenn wir gleichzeitig das Verkehrssystem grundlegend umbauen.

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Lage: Die Städte so anzulegen, dass Wohnen, Einkaufen, Arbeitsplätze und Treffpunkte für die Nachbarschaft näher beieinanderliegen als derzeit. Auf kleinerer Fläche zu wohnen, um Heizenergie zu sparen. Das Fahrrad zu nutzen statt des Autos wo immer möglich – und wenn die Städte entsprechend geplant sind, muss das noch nicht einmal Verzicht bedeuten, im Gegenteil: Es wird ganz selbstverständlich und sogar angenehm.

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Energiewende: "Wir reden über Utopien. Die muss man machen und erkämpfen" © privat Maximilian Becker

Maximilian Becker: Man stelle sich vor, man würde alle 47 Millionen in Deutschland gemeldete Pkw auf E-Antrieb umstellen. Deren Strombedarf komplett durch erneuerbare Energien zu decken, ist kaum vorstellbar. Wir müssen andere Fragen stellen, zum Beispiel: Was sind sinnvolle Verkehrswege? Oder: Ist es in Zukunft wirklich notwendig, persönlich ein Auto zu besitzen?

Bisher hat der technische Fortschritt zwar unseren Lebensstandard ständig verbessert, aber auf Kosten der Umwelt. Brauchen wir all diese Dinge wirklich? Nicht jede Person muss alle zwei Jahre ein neues Handy haben. Ich glaube, wir müssen zurück zu einer Art des Wirtschaftens, die an unseren wirklichen Bedürfnissen orientiert ist.

ZEIT ONLINE: Welche Bedürfnisse meinen Sie?

Lage: In der heutigen ökonomischen Logik der Neoklassik sind die Bedürfnisse der Menschen grenzenlos, aber Zeit und Geld sind knapp. Man hat also beispielsweise das Bedürfnis, ein Auto zu besitzen, eine Jacht, ein Haus, was auch immer, aber wenig Geld. Deshalb muss man sich zwischen den Gütern entscheiden. Wir denken genau andersherum. Wir orientieren uns an dem chilenischen Ökonomen Manfred Max-Neef. Er definiert neun Grundbedürfnisse, unter anderem nach Subsistenz, Zuwendung, Teilhabe, Sicherheit, Freiheit. Aber die Wege, diese Bedürfnisse zu befriedigen, können sehr unterschiedlich sein.

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ZEIT ONLINE: Das klingt jetzt sehr akademisch.

Lage: Ein Beispiel: Das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Teilhabe kann ich befriedigen, indem ich mir ein dickes Auto kaufe und mit ihm mobil bin. Ein anderer Weg wäre, einen kostengünstigen öffentlichen Personennahverkehr für alle zu schaffen. Wie ich meine Bedürfnisse befriedige, hängt ganz stark von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der Infrastruktur ab.

ZEIT ONLINE: Sie wollen Das gute Leben für Alle. Das klingt super, aber wie soll ich mir das in meinem Alltag vorstellen?

Lage: Zum Beispiel wie in Kopenhagen. Dort fahren sehr viele Menschen mit dem Rad. Warum? In einer städtischen Umfrage sagten die meisten: Es ist schneller, komfortabler und bequemer. Es hält fit. Es ist günstiger, als das Auto zu nehmen. Erst ganz am Ende sagten ein paar wenige Leute: Es ist ökologisch sinnvoll. In Kopenhagen wird also aus genau den gleichen Gründen Fahrrad gefahren, aus denen die Leute anderswo das Auto nehmen. Für die Stadtplanung heißt das, wir brauchen große Fahrradstraßen, einen kostengünstigen Nahverkehr und müssen den motorisierten Individualverkehr stark einschränken. Dann fühlt es sich nicht mehr wie Verzicht an, mit dem Rad zu fahren.

ZEIT ONLINE: Im Moment funktionieren die meisten Städte aber so nicht. Das Auto aufzugeben, wäre für viele Pendler eher eine Einschränkung ihres guten Lebens und ein Verzicht auf Wohlstand.

Lage: In der jetzigen Situation stimmt das sicherlich für einige Autofahrer selbst. Aber nicht für ärmere Menschen, die sich kein Auto leisten können und oft an stark befahrenen Straßen mit schlechter Luft leben, weil sie sich anderswo keine Wohnung leisten können. In Kopenhagen ging es nicht so sehr um Verzicht, sondern es gab eine Verschiebung weg vom privaten Luxus hin zum öffentlichen Wohlstand. Jetzt ist es eine der beliebtesten Städte. Alle wollen nach Kopenhagen ziehen, was dort in den letzten Jahren Verdrängungseffekte nach sich zieht.

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Becker: Die Frage ist auch, ob Wohlstand immer materiell definiert sein muss. Ist eine autofreie, ruhige Straße nicht auch Wohlstand? In ihr treffen sich die Leute, es ergeben sich Beziehungen und die Kinder können Ball spielen, ohne sich vor Autos in Acht nehmen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Worauf ich hinauswill: Das Ganze ist auch ein Verteilungskampf. Es geht um unterschiedliche Interessen und es wird Verlierer geben. Ein gutes Leben für alle?

Lage: Natürlich wird es Veränderungen geben, die sich als Verlust anfühlen. Zentral ist, den Menschen eine Alternative anzubieten. Wenn ich den öffentlichen Nahverkehr ausbaue, dann kann ich leicht sagen: Warum steht ihr im Stau, warum ärgert ihr euch über fehlende Parkplätze in der Innenstadt? Nehmt doch die U-Bahn! Derzeit mögen viele Leute auf das Auto angewiesen sein, aber die Gründe dafür lassen sich alle verändern.

ZEIT ONLINE: Wie würde mein Alltag in Ihrer neuen Stadt also aussehen?

Lage: Sie würden mit dem Rad oder dem öffentlichen Nahverkehr zur Arbeit fahren. Die befände sich nahe am Wohnort. Sie würden auch deutlich weniger Stunden in Lohnarbeit tätig sein. Sie radeln zurück, erledigen ihre Einkäufe auf einem Markt oder im Laden. Vielleicht sind sie auch Mitglied in einem Betrieb der Solidarischen Landwirtschaft und erhalten von dort ihre saisonalen und regionalen Lebensmittel.

Wir reden über Utopien, deshalb ist es schwierig, ein konkretes Szenario zu entwickeln. Wir haben keinen Masterplan. Wir sagen nicht, so wird die Gesellschaft sein, das wäre technokratisch. Stattdessen schauen wir uns an, wo Utopien bereits verwirklicht sind, und fragen uns: Wie funktioniert das dort? So wie in Kopenhagen.

Becker: Ich würde meinen Tag anders beschreiben. Nach der Vier-in-Einem-Perspektive von Frigga Haug haben wir 16 wache Stunden am Tag. Haug teilt sie in vier gleich große Blöcke: je vier Stunden für die Lohnarbeit, für Lernen und Freizeit, für die Reproduktionsarbeit – das sind Pflege, Haushalt, Kinderbetreuung – und für die politische Arbeit.

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Heutzutage spielt die politische Arbeit im Alltag vieler Menschen gar keine Rolle mehr: Politik ist etwas, was andere machen. Man spürt vielleicht die Konsequenzen und regt sich darüber auf, aber ich glaube, man muss den Menschen wieder ermöglichen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

ZEIT ONLINE: Wie zum Beispiel?

Becker: In der kommunalen Energiepolitik beispielsweise, indem die Nachbarn sich in Energieräten engagieren. Meine Haltung dazu wäre: Wenn ihr nicht darüber nachdenken wollt, wo eure Energie herkommt, dann wird sie entweder gar nicht kommen oder womöglich auf eine Art, die euch nicht gefällt. Es ist eure Entscheidung, bitte setzt euch damit auseinander!

ZEIT ONLINE: Sie sagten, sie beschäftigen sich mit Utopien, die schon funktionieren. Sind Energiegenossenschaften oder Energieräte so ein Beispiel?

Wir sehen Energie auch als Grundrecht, das heißt: Jeder Mensch hat ein Recht auf eine Basisversorgung.

Jonas Lage

Lage: Energiegenossenschaften, die gemeinsam Wind- oder Solarparks betreiben, sind ein wichtiges Element. Aber in ihnen können sich nur Menschen organisieren, die schon ein gewisses Kapital haben. Ärmere bleiben außen vor – für eine demokratische Energieversorgung reicht das also nicht aus. Wichtig wäre außerdem, dass die Kommunen wieder die Hoheit über ihre Energienetze erlangen. Dann können sich die Bürgerinnen und Bürger in kommunalen Energieräten zusammentun, um selbst über ihre Energieversorgung zu entscheiden.

Wir sehen Energie auch als Grundrecht, das heißt: Jeder Mensch hat ein Recht auf eine Basisversorgung. Die könnte kostenlos sein. Wer mehr verbraucht, zahlt, und der Preis pro Kilowattstunde steigt mit der verbrauchten Menge.

Becker: Hätten wir reduzierte Arbeitszeiten, wie Frigga Haug es beschreibt, wären wir viel freier, uns beispielsweise mit der Energiepolitik zu beschäftigen. Mein Ziel wäre, dass alle Bürger über die Energieversorgung entscheiden, nicht nur vier Konzerne, und zwar auf allen Ebenen, in den Gemeinden, auf Landesebene, im Bund. Ich denke, wir sollten hier auch über die Vergesellschaftung von Energiekonzernen reden.

ZEIT ONLINE: Sie wollen auch die Landwirtschaft umorganisieren und beschreiben eine kleinräumige, eher regionale Landwirtschaft als Ziel. Können wir überhaupt aus den globalen Produktions- und Lieferketten aussteigen?

Becker: So, wie die derzeit organisiert sind? Das müssen wir sogar. Niemand braucht doch Erdbeeren im Winter. Und ein Sommergemüse wie die Tomate liegt doch nur deshalb bei uns im Winter für 2,50 Euro das Kilo im Supermarkt, weil der Transport so günstig ist und migrantische Arbeitskräfte auf den spanischen Gemüsefeldern ausgebeutet werden.

Lage: Mancherorts haben wir unmenschliche Arbeitsverhältnisse in der Lebensmittelproduktion. Und derzeit konsumieren die Deutschen so viel Fleisch, dass wir auf jeden Fall Lebensmittel importieren müssen. Das heißt: Unser Ernährungssystem basiert ganz grundlegend auf Ausbeutung von Natur und Menschen.

Wir wollen aber nicht mehr auf Kosten anderer leben. Ein Beispiel, wie es besser geht, ist die Solidarische Landwirtschaft. In ihr tun sich Produzenten und Konsumenten zusammen. Die Verbraucher tragen ein Jahr lang die Kosten eines Hofes. Die Landwirte erhalten dadurch Sicherheit und ihre Kunden bekommen die ganze Ernte. Dadurch, dass sie sehen, wie Kartoffeln, Kohl und Möhren erzeugt werden, essen sie die vielleicht auch im Winter gerne.

ZEIT ONLINE: Können wir komplett auf Importe verzichten?

Becker: Das ist nicht der Punkt. Es wird darum gehen, Handelsbeziehungen auf Augenhöhe zu schaffen. Dann wird eine Avocado in Deutschland eher fünf Euro kosten als zwei, aber die Bäuerin wird fair bezahlt und die ökologisch vernünftigen Transportkosten sind wenigstens einigermaßen im Preis enthalten.

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir bei uns anfangen.

Maximilian Becker

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben globale Probleme. Selbst wenn sich die deutsche Gesellschaft so verändert, wie Sie sich das vorstellen: Die Entwicklungs- und Schwellenländer werden weiter wachsen.

Becker: Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir bei uns anfangen. Die Länder des Nordens sind immer noch für den Großteil der weltweiten Emissionen verantwortlich. Wir können es anderen Ländern nicht verbieten, wirtschaftlich aufzuholen – aber uns, weiter zu wachsen. Sobald wir Alternativen zur gegenwärtigen Wirtschaftsweise entwickeln, können wir ein positives Beispiel sein für andere.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland tatsächlich so leben möchte, wie Sie es sich vorstellen?

Lage: Einige Trends der vergangenen Jahre in Deutschland sind da eher ernüchternd. Es gibt wenig Anzeichen für eine Mobilitätswende, der Energieverbrauch steigt in vielen Sektoren an oder sinkt zu langsam. Ich weiß nicht, wie realistisch eine solche Transformation ist. Aber ich weiß: Es ist wichtig, über die Chancen zu reden, die in ihr stecken. Es gibt ja schon Nischen, in denen die neuen Ideen gelebt werden und es gibt mächtige Bewegungen, die für den Wandel kämpfen.

Ich denke, es kann so ähnlich funktionieren wie bei der Antiatomkraftbewegung. Sie hat Jahrzehnte auf unterschiedlichen Ebenen für einen Wandel gekämpft: Auf der Schiene, in den Parlamenten, durch die Schaffung von Alternativen und vielem mehr. Als dann das schreckliche Atomunglück in Fukushima passierte, waren der politische Druck und die Alternativen da. Die Mehrheiten hatten sich geändert und die Politik musste ihren wenige Jahre zuvor beschlossenen Wiedereinstieg in die Atomenergie rückgängig machen.

In den Anfängen werden solche Ideen häufig als utopisch verschrien. Aber Utopien sind noch nie Realität geworden, weil man sie für realistisch gehalten hat, sondern weil sie gemacht und erkämpft wurden.

ZEIT ONLINE: Was könnte so ein Ereignis für die Energiewende sein?

Energiewende: "Wir reden über Utopien. Die muss man machen und erkämpfen" © Oekom Verlag

Becker: Die Energiewende muss auch ohne ein schreckliches Ereignis wie Fukushima endlich in Gang kommen. Wir wollen durch unser zivilgesellschaftliches Engagement gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen und durch Ende Gelände und Fridays for Future hat sich da gerade ein Fenster geöffnet. Wir erwarten, dass sich in wenigen Tagen Zigtausende zum Klimastreik in Aachen und zur Massenaktion von Ende Gelände im rheinischen Braunkohlerevier versammeln und dass der Druck auf Politik und Energiekonzerne dann weiter steigt. Und wenn es die Verantwortungsträger nicht anders verstehen, dann ist ziviler Ungehorsam das Mittel unserer Wahl. Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren sagen können: Die Aktionen von Ende Gelände und Fridays for Future im Sommer 2019 haben zu einer Trendwende in der deutschen Energiepolitik geführt. Und durch sie haben endlich alle erkannt, dass der Kampf um Klimagerechtigkeit ein Kampf um die Zukunft von uns allen ist.

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