Welt & Politik: David Frum: "Donald Trump ist ein Krimineller" - - PressFrom - Deutschland

Welt & Politik David Frum: "Donald Trump ist ein Krimineller"

21:50  21 september  2019
21:50  21 september  2019 Quelle:   zeit.de

Bericht: Trump-Versprechen an ausländischen Politiker alarmiert Geheimdienstler

  Bericht: Trump-Versprechen an ausländischen Politiker alarmiert Geheimdienstler Marc-Andre ter Stegen beklagte sich über seine Rolle als Nummer zwei im DFB-Team und löste damit eine Diskussion aus, die in einer Wutrede von FCB-Präsident Uli Hoeneß gipfelte.

Sind Sie der Meinung, dass Donald Trump ein krimineller Vollidiot ist, dass er ein Vollidiot oder kriminell ist oder mögen Sie einfach die Tatsache, dass ich ein krankes, vollweiches Subjekt der Community bin, indem ich solch eine ehrverletzende Behauptung ins Internet stelle?

  David Frum: © Michael Pfister für ZEIT ONLINE  

Der konservative Autor David Frum ist einer der härtesten Kritiker des Präsidenten. Ein Gespräch über Trump, dessen Effekt auf die USA – und wie die Welt ihn übersteht

David Frum ist Buchautor ("Trumpocracy"), Staff Writer beim Magazin "The Atlantic" und einer der profiliertesten konservativen Intellektuellen in den USA. In den ersten beiden Amtsjahren von George W. Bush von 2001 bis 2002 war Frum dessen Redenschreiber, Frum wird die Erfindung der Wendung "Achse des Bösen" zugeschrieben, mit der Bush nach dem 11. September 2001 Feinde der USA bezeichnete. Obwohl der 59-jährige Frum offiziell als Republikaner im US-Wahlregister eingetragen ist, hat er im Jahr 2016 in einem Text für den "Atlantic" zur Wahl der Kandidatin der Demokraten aufgerufen, Hillary Clinton. Frum war damit einer der ersten Konservativen, die sich gegen Donald Trump gestellt haben. Er ist bis heute bei seiner Position geblieben.

Freilassung von IS-Kämpfern: Donald Trump droht Deutschland und Europa

  Freilassung von IS-Kämpfern: Donald Trump droht Deutschland und Europa Der US-Präsident fordert eine Rücknahme der Inhaftierten.Die Top-News der MSN-Leser:

Dieses Interview hat am 18. September stattgefunden, als die ersten Enthüllungen zu den möglichen Hintergründen der Whistleblower-Affäre erschienen sind, die Frum im Laufe des Gesprächs erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt waren die möglichen Ausmaße des Skandals noch erheblich weniger klar als einige Tage später.

ZEIT ONLINE: Mister Frum, folgt man Ihnen auf Twitter, ist man überrascht – für einen kühlen Analytiker der Zeitläufe sind Ihre Tweets oft erstaunlich emotional, wenn es um Donald Trump geht. Warum triggert dieser US-Präsident derart heftige Gefühlsausbrüche?

David Frum: Wir leben in emotionalen Zeiten. Ich bin in Kanada aufgewachsen und dort gab es über viele Jahrzehnte ein Gefühl des Beschütztseins durch die Vereinigten Staaten, wie man es vielleicht auch aus Westdeutschland kennt. Das prägte nicht nur meine eigene Weltsicht, es hat bereits die Weltsicht meiner Großeltern und Eltern geprägt. Die Verhältnisse schienen vorhersehbar und stabil zu sein, es herrschte Wohlstand, und der schien sich einfach immer weiter zu vermehren. Zumindest dort, wo Frieden herrschte, also in den meisten Staaten der nördlichen Hemisphäre, konnten die Menschen ein Leben in relativer Sicherheit führen. Dann kam der berauschende Moment des Jahres 1990, und plötzlich schien die Zukunft des ganzen Planeten so auszusehen. Alles würde nur besser und besser und besser werden. Die Sphäre des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands würde sich endlos ausdehnen, auch China und Indien würden dazugehören … Diese Hoffnung ist Anfang des 21. Jahrhunderts verschwunden. Und dann wurden die Vereinigten Staaten langsam unberechenbar.

Freilassung von IS-Kämpfern: Donald Trump droht Deutschland und Europa

  Freilassung von IS-Kämpfern: Donald Trump droht Deutschland und Europa NFL Network Insider Ian Rapoport explains how the New England Patriots made the decision to release wide receiver Antonio Brown.

ZEIT ONLINE: Mit der Wahl Donald Trumps?

Frum: Nein. Man kann das zurückdatieren auf den Irakkrieg. Oder auf Obamas Unbehagen, die Rolle der USA als führende Weltmacht fortzusetzen. Doch auch die schärfsten Kritiker von George W. Bush oder Barack Obama würden diesen Präsidenten nicht unterstellen, dass diese aus persönlicher Böswilligkeit heraus gehandelt haben. Donald Trump hingegen hat etwas Heimtückisches. Ein solcher Mann sollte nicht Präsident sein, er hätte nicht einmal in die Nähe des Weißen Hauses kommen dürfen. Die Tatsache, dass es anders kam, ist Ausdruck eines Versagens des politischen Systems der USA. Doch es ist nicht nur ein systemisches Versagen. Es hat auch mit diesem Mann zu tun. Und eben das verleiht dem Moment gerade seine emotionale Wucht.

Die Top-Themen der MSN-Leser:

Donald Trump: Dieser Skandal hat das Zeug zur Verfassungskrise

Klimawandel: Greta Thunbergs Macht im Financial District

„Ich denke, dass es keinen Druck gab": Ukraine weist Vorwürfe in Whistleblower-Bericht zurück

  „Ich denke, dass es keinen Druck gab Angeblich drängte Trump den ukrainischen Präsidenten, belastendes Material über Joe Bidens Sohn zu sammeln. Kiew will davon nichts wissen. Nach dem Vorwurf gegen US-Präsident Donald Trump, dieser habe vom ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj kompromittierende Informationen über den Sohn des demokratischen US-Präsidentschaftsbewerbers Joe Biden verlangt, hat Kiew versucht zu beruhigen.

Von Windenergie bis Wasserstoff: Was alles im Klimapaket enthalten ist

ZEIT ONLINE: Dabei ging die moderne Geschichtsschreibung eigentlich davon aus, dass einzelne Mächtige die Richtung der Welt nicht mehr entscheidend verändern. Sondern dass es größere Kräfte des politischen, sozialen, ökonomischen Wandels tun.

Frum: Ich habe mein aktuelles Buch nicht zufälligerweise Trumpocracy genannt. Es gibt viele Bücher über Trump, und deren Fokus liegt auf seiner Person. Ich hingegen interessiere mich für sein System der Machtausübung. Das Folgende ist eine schlichte Meinungsäußerung von mir: Donald Trump ist ein Krimineller. Die Menschen in seiner Nähe, die ihm zuarbeiten, wissen das besser als alle anderen. Sie ermöglichen dennoch das System Trump.

ZEIT ONLINE: Wer oder was genau versagt da gerade?

Frum: Vor allem das US-Justizministerium unter William Barr. Wir müssen leider erkennen: Unsere sehr alte Verfassung ist nicht dazu geeignet, noch alle Aspekte unserer Gegenwart zu regeln. In jeder anderen großen Demokratie ist die Strafjustiz abgetrennt vom politischen System. In den Vereinigten Staaten nicht. Das Justizministerium entscheidet letztlich, in welchen Fällen Ermittlungen angestellt werden und in welchen nicht. Die Grundannahme war stets: Obwohl die Funktionsträger des Strafverfolgungssystems von der Politik eingesetzt werden, würden diese Menschen ihre Aufgabe auf unpolitische Weise ausüben. Die Gefahr jedoch bestand immer, dass sie sich nicht an diese Annahme halten würden. Das ist nun Realität geworden.

Termine in den USA: Merkel und Kramp-Karrenbauer fliegen in unterschiedlichen Maschinen

  Termine in den USA: Merkel und Kramp-Karrenbauer fliegen in unterschiedlichen Maschinen Ursprünglich war geplant, dass beide zusammen in der Kanzler-Maschine fliegen.

ZEIT ONLINE: Zeigt das auch, wie sehr sich ein politisches System wie das der USA auf Normen stützt, die gar nicht in Gesetzestexten stehen? Und wie rasch diese Normen implodieren können?

Frum: Letztlich ja. Ebenso hat man stets angenommen, dass das Amt des US-Präsidenten die Menschen verändert, die es bekleiden. Das traf auch meistens zu. George W. Bush sagte gern, dass das Oval Office architektonisch so geformt sei, eben als Oval, damit es keine Ecken gebe, in denen man sich als Präsident verstecken könne. Nun stellt sich heraus: Das Amt hat Donald Trump nicht verändert. Er wirkt oft wie eine alberne, dümmliche Person. Doch er besitzt die Fähigkeit, andere Menschen zu verändern. Er findet deren Schwachstellen und nutzt sie aus.

ZEIT ONLINE: Trumpocracy, in dem Sie das System Trump analysiert haben, ist im Oktober 2018 erschienen, kurz vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress. Seitdem sind unzählige neue Trump-Skandale hinzugekommen. Wird der Berg aus Skandalen und Grenzüberschreitungen Trumps einfach immer höher – oder hat sich an denen etwas qualitativ verändert?

Frum: Es hat sich einiges qualitativ verändert, vieles zum Schlechten. Der Präsident hat ein besseres Verständnis dafür entwickelt, wie er sein Amt nutzen kann. Er ist gewandter geworden. Er ist wie einer dieser Dinosaurier in Jurassic Park, die irgendwann verstehen, wie man einen Türgriff benutzt. (lacht) Trump ist besser in seinem Job geworden. Sein Verhalten ist extremer geworden. Er lügt mehr.

Die Altersarmut kommt

  Die Altersarmut kommt Höchste Zeit, dass sich die Bundesregierung auf die Grundrente einigt. Denn künftig werden deutlich mehr Bundesbürger im Alter wenig Geld haben. Was SPD und Union nun machen müssen. Deutschlands Tafeln, die 1,5 Millionen Menschen mit Essen versorgen, senden jetzt eine Warnung: Vergangenes Jahr nahm die Zahl der ergrauten Kunden sprunghaft zu - um ein Fünftel. "Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren mit einer Wucht überrollen, wie man es heute nur vom Klimawandel kennt", fürchtet der Tafel-Vorsitzende Jochen Brühl.

Was hat Angela Merkel falsch gemacht im Hinblick auf Donald Trump? © Michael Pfister für ZEIT ONLINE Was hat Angela Merkel falsch gemacht im Hinblick auf Donald Trump?

ZEIT ONLINE: Anfangs hieß es, die "grown-ups in the room", die erfahrenen unter Trumps Mitarbeitern, würden das Schlimmste schon verhindern.

Frum: Die wenigen, die zugleich kompetent und integer waren, sind verschwunden. Geblieben sind die inkompetenten. Verteidigungsminister Mattis ist weg. Trumps zweiter Sicherheitsberater McMaster ist weg. Selbst Jeff Sessions, Trumps erster Justizminister und ein zutiefst reaktionärer Mann, hatte immerhin eine klare Haltung darin, das Recht zu verteidigen gegenüber Trump. Auch weg. Sogar der zuletzt ausgeschiedene Sicherheitsberater John Bolton war, trotz seiner extremen außen- und sicherheitspolitischen Ansichten und seiner problematischen Persönlichkeit, ein von Trump unabhängiger Kopf. Trump hat es mittlerweile geschafft, noch eine andere Art von Leuten zu finden: kompetente, die aber tun, was er will.

ZEIT ONLINE: Welche Konsequenzen hat das?

Frum: Die aktuellste und gefährlichste Auswirkung sieht man derzeit bei der Besetzung der Position des Geheimdienstkoordinators, des Director of National Intelligence (DNI). Bis zum Sommer bekleidete Dan Coats die Position des DNI, Coats war zuvor US-Botschafter in Deutschland und US-Senator. Er war, als er seinen aktuell letzten Job annahm, am Ende seiner beruflichen Laufbahn, ein vermögender Mann, der niemandem mehr etwas schuldig war. An Coats' Stelle ist nun ein kommissarischer DNI getreten, der komplett von Trump abhängig ist. Und der, während wir hier zusammensitzen, womöglich an einer schwerwiegenden Vertuschung beteiligt ist.

Die Altersarmut kommt

  Die Altersarmut kommt Ernesto Valverde nimmt die überraschende 0:2-Pleite des FC Barcelona beim FC Granada auf sein Kappe. Als Trainer trägt er immer die Verantwortung, so Valverde nach dem Spiel.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf den Fall des Whistleblowers aus Geheimdienstkreisen an, der intern eine Meldung zu einem "ernsten Fehlverhalten" gemacht hat, die sich offenbar auf den Präsidenten selbst bezieht. Der kommissarische DNI Joseph Maguire hielt es nicht für geboten, den US-Kongress darüber zu informieren.

Frum: Die Nachrichtenlage dazu entwickelt sich rasend schnell, insofern lassen sich über die Sache keine abschließenden Aussagen treffen. Doch es sieht so aus, als könnte das der womöglich größte Skandal der bisherigen Regierungszeit von Trump sein.

ZEIT ONLINE: Sie haben unter anderem John Bolton, aber auch andere ausgeschiedene Ex-Führungskräfte der Trump-Administration zuletzt in einem Text im Atlantic aufgefordert, sich öffentlich zu äußern – das sei deren Pflicht als Patrioten. Der ehemalige Verteidigungsminister Jim Mattis aber zum Beispiel weigert sich strikt, über Trump zu sprechen. Er bewirbt gerade ein neues Buch namens Call Sign Chaos, sagt bei öffentlichen Auftritten aber: Es sei nicht seine Aufgabe, von "den billigen Plätzen" aus die Regierung zu kritisieren, der er bis vor Kurzem noch angehört hat.

Frum: Und eben dieses Buch zu veröffentlichen, in dem nichts über seine Zeit als Verteidigungsminister steht. Es war allerdings schon fertig geschrieben, bevor er Verteidigungsminister wurde. Die Veröffentlichung wurde deshalb verschoben bis nach seiner Amtszeit.

ZEIT ONLINE: Mattis schreibt lediglich über seine Zeit zuvor als Soldat. Am Ende von Call Sign Chaos hat er sein Rücktrittsschreiben an Trump geradezu kommentarlos beigefügt.

Frum: James Mattis ist ein Mann, vor dem ich den allergrößten Respekt habe. Er hat seinem Land gut gedient. Und er hegt keinerlei Illusionen, was Trump betrifft. Das Problem von Männern wie Mattis jedoch ist: Sie sind Männer des Systems. So wie es Robert Mueller auch war, der Sonderermittler. Mueller war der Typ öffentlicher Bediensteter, der auf die Frage "Wie erledigen wir unsere Aufgaben?" antwortete: gemäß den Vorschriften. Doch irgendwann treten einmal Probleme auf, für die in den Vorschriften keine Lösung zu finden ist. Dann nützen einem die Vorschriften nichts mehr. Leute wie Mueller und Mattis waren auf diese Situation nicht vorbereitet, auf Trump.

„Die Zeit ist gekommen, dass wir Anführer werden“

  „Die Zeit ist gekommen, dass wir Anführer werden“ New York. Einen Tag nach den weltweiten Klimaprotesten haben sich in New York hunderte junge Menschen zum ersten UN-Jugendgipfel für Klimaschutz versammelt. Am Montag treffen dann die Staatschefs ein, darunter auch Angela Merkel. UN-Generalsekretär Antonio Guterres lobte am Samstag das Engagement der Jugendlichen. Sie hätten einen "Moment des Wandels" herbeigeführt, sagte er. Zu dem Treffen hatten die Vereinten Nationen 500 Jugendliche sowie im Klimaschutz engagierte Unternehmer eingeladen.

ZEIT ONLINE: Was den Rest der Welt betrifft, so scheinen sich viele Regierungen, die deutsche etwa, dazu entschlossen zu haben, Trump einfach auszusitzen. Man wartet auf das Ende seiner Amtszeit und hofft, dass er erstens nicht wiedergewählt wird und zweitens bis dahin nichts Schlimmes passiert. Ist nun aber der Angriff auf Ölanlagen in Saudi-Arabien vor einigen Tagen ein Beleg dafür, wie gefährlich diese Strategie des Abwartens ist? Ist dieser Angriff der erste echte Ernstfall während der Trump-Präsidentschaft?

Frum: Nun, was hat Angela Merkel falsch gemacht im Hinblick auf Donald Trump? Sie hat vergessen, zum ersten Treffen mit ihm einen Koffer voller Geld mitzubringen. (lacht) Das Problem, das Deutschland mit Trump hat und das es mit Kanada teilt, mit Frankreich, Großbritannien und Australien, ist folgendes: Diese Länder sind rechtsstaatlich organisiert, in ihnen gelten Gesetze und werden durchgesetzt. Das, was Trump von anderen Staatschefs erwartet, kann Merkel nicht erfüllen. Merkel kann nicht einfach sagen: "Ach, Ivanka hat Copyright-Probleme mit ihren Produkten in meinem Land? Ich sag unseren Gerichten Bescheid, dass sie aufhören, die Angelegenheit zu blockieren." Trump mag Staaten, deren Anführer Sachen erledigen können, die ihm und seiner Familie nützen.

Außer für Saudi-Arabien selbst seien die Angriffe auf die Ölproduktion des Landes © Michael Pfister für ZEIT ONLINE Außer für Saudi-Arabien selbst seien die Angriffe auf die Ölproduktion des Landes

ZEIT ONLINE: Was aber ist nun mit dem Angriff auf Saudi-Arabien?

Frum: Ich halte das für keine so bedeutungsvolle Sache. Wir werden vermutlich herausfinden, dass tatsächlich der Iran verantwortlich dafür war und damit eine Provokation gestartet hat. Aber eine wohlkalibrierte: Nach aktuellem Stand wurde kein Mensch verletzt, es geht letztlich um eine Sachbeschädigung, die relativ leicht zu reparieren ist. Nicht einmal die Tatsache, dass der Ölpreis dadurch gestiegen ist, ist für die Weltwirtschaft wirklich schädlich. Vermutlich würde ein höherer Ölpreis als zuletzt uns allen sogar nützen, alternative Energiequellen wären dann nicht mehr so viel teurer als Öl. Außer für die Saudis ist das für niemanden eine krisenhafte Situation.

ZEIT ONLINE: Wir werden noch einmal davonkommen?

Frum: Es ist nicht so, dass es in der Regierungszeit von Trump noch keine Krisen gegeben hätte. Es waren allerdings fast ausschließlich solche, die er selbst ausgelöst hat. Trump fängt irgendeinen Streit an, eskaliert ihn eine Weile, verliert das Interesse, langweilt sich, fängt den nächsten Streit an, vergisst den vorangegangenen. Der Vorgang in Saudi-Arabien nun ist einer der wenigen, die außerhalb der Kontrolle Trumps begonnen wurde. Ich glaube aber nicht, dass dieser Angriff ernsthafte Auswirkungen haben wird. Es wird mutmaßlich keinen groß angelegten Gegenschlag geben. Womöglich lässt sich aus der Sache sogar Hoffnung schöpfen: Die Iraner waren nicht immer so gut darin, Signale mit begrenzter Wirkung zu senden.

ZEIT ONLINE: Sie waren der Redenschreiber von George W. Bush, als der 11. September passierte, der schwärzeste Tag der jüngeren Geschichte. Sie haben also hautnah miterlebt, was in einem bis dahin normal funktionierenden Weißen Haus passiert, wenn eine verheerende Situation eintritt. Ich möchte Sie nicht zum Spekulieren veranlassen …

Frum: Die Frage, die sich daran anschließt, möchte man nicht laut stellen. Am 11. September 2001 sind unvorstellbar viele Menschen gestorben, diese Tat hat undenkbares Leid ausgelöst. Wenn man trotzdem versucht, die Reaktion der damaligen Administration zu betrachten und diese politisch einzuordnen, muss man eines zunächst bedenken: Die Art, wie George W. Bush ins Amt gekommen war im Jahr 2000, nämlich mit der Minderheit der absoluten Zahl der abgegebenen Stimmen und durch eine umstrittene Nachzählung in Florida, hat für seine Administration allergrößte Probleme bedeutet. Die Frage der Legitimität seiner Regierung stand im Raum. George Bush hat das verstanden und entsprechend gehandelt. Er hat versucht, einen möglichst großen politischen Konsens herzustellen. Und nachdem der 11. September geschehen war, haben beide politischen Seiten sich aufrichtig bemüht, die Einigkeit und den Zusammenhalt des Landes zu demonstrieren angesichts eines solchen Terroraktes. Vieles davon war symbolisch, es ist ebenso spontan wie bewusst geschehen. All das wäre heute unvorstellbar. Donald Trump wäre zur Überparteilichkeit nicht in der Lage. Er würde sie nicht einmal wollen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Frum: Trump wollte nie der Präsident aller Amerikaner sein. Natürlich will er von allen gefeiert und bewundert werden. Aber die Vorstellung, dass er Werte ernst nehmen könnte, die sich von seinen eigenen unterscheiden? Undenkbar. Nein, bei ihm funktioniert das so: Ich sage, wo es langgeht, und ihr klatscht. Ich spreche, ihr hört zu. Es gibt viele Gründe, warum wir dankbar sein können, dass den USA eine wirklich existenzielle Krise in den vergangenen drei Jahren erspart geblieben ist.

ZEIT ONLINE: Was ist das Problematischste an Trumps Art des Regierens?

Frum: Die Korruptheit. Es sieht so aus, als sei diese Regierung käuflich. Es ist nicht so, dass man in Demokratien noch nie davon gehört hätte, dass Funktionsträger bestechlich sein könnten. Korrupte Politiker oder Beamte bemühen sich aber üblicherweise, ihre Bestechlichkeit wenigstens zu verheimlichen. Das Korrosive für eine Demokratie ist letztlich gar nicht der Umstand, dass Bestechlichkeit existiert. Sondern, wenn sie nicht sofort bestraft wird. Das absolut Einzigartige an Donald Trump ist, dass er mitten im Herzen der Hauptstadt der Vereinigten Staaten ein Büro für das Abliefern von Bestechungsgeldern eröffnet hat. Trump hat einfach "Hotel" drüber geschrieben, es ist das Trump International in Washington, D.C. Jeder, der mag, kann dort vorbeikommen, es liegt ganz bequem nur wenige Hundert Meter vom Weißen Haus entfernt. Der rote Teppich ist rund um die Uhr ausgerollt. Man muss dort nur 50 Zimmer mieten und den Ballsaal, und der Präsident weiß: Hier möchte jemand etwas mit ihm bereden. Das genau hat man sich nie vorstellen können: dass Korruption in aller Öffentlichkeit stattfinden könnte. Trumps Dreistigkeit ist atemberaubend.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich als Konservativer eigentlich einsam angesichts einer Republikanischen Partei, die keinerlei Probleme mit Trump zu haben scheint? Es gibt neben Ihnen nur wenige andere prominente sogenannte Never Trumper unter konservativen Kommentatoren und Intellektuellen, David Brooks von der New York Times etwa, David French von der National Review, Bill Kristol vom mittlerweile geschlossenen Weekly Standard

Frum: Ich glaube gar nicht, dass wir so wenige sind. Vor den Kongresswahlen 2018 gab es diesen Witz: "Never Trump is not a political party, it's a dinner party." Nur ein paar öffentliche Intellektuelle, Journalisten und Autoren also, who cares? Nun, dann kamen die Wahlen 2018. Riesige Beteiligung, die verheerendste Niederlage für die Partei eines amtierenden Präsidenten seit 1974, und die Wahlen damals haben drei Monate nach Nixons Rücktritt aufgrund des Watergate-Skandals stattgefunden. Was also ist 2018 geschehen? Nun, die Menschen in den gut situierten Vororten der eher konservativen Mittelschicht, vor allem die Frauen, die dort leben, haben massenweise die Demokratische Partei gewählt, um Trump zu stoppen. Wir Never Trumper sind nicht bloß eine Dinnerparty.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben gerade an einem Nachfolger für Trumpocracy. Wovon handelt das neue Buch?

Frum: Ich versuche mich an der Prämisse, was sein wird, wenn Trump erst einmal weg ist. Das Buch spielt also im Jahr 2021 oder 2025. Die Probleme, die zu Trump geführt haben, zum Brexit, zur AfD in Deutschland, werden aber nicht mit Trump verschwinden. Wie werden wir die Demokratie dann wieder stabilisieren? Was wird aus den Institutionen, die sie ausmachen?

ZEIT ONLINE: Was gibt Ihnen Hoffnung?

Frum: Ich bin von Natur aus kein Optimist. Nun, es gibt ohnehin sehr wenige aschkenasische Juden, die Optimisten sind. (lacht) Aber mein Temperament als Pessimist ist in den vergangenen Jahren wieder und wieder herausgefordert worden durch das enorme zivilgesellschaftliche Engagement in den Vereinigten Staaten. Nach der Wahl Trumps im Jahr 2016 hatte ich gefürchtet, dass es eine Massenbewegung für Donald Trump geben würde, dass wir diese Leute fortan durch die Straßen ziehen sehen würden. Das ist nicht passiert. Stattdessen sind zwei Jahre später massenweise Menschen, vor allem Frauen, zur Wahl gegangen und haben gegen Trump gestimmt – und vor allem für Frauen, die sich hatten aufstellen lassen. Viele dieser Kandidatinnen haben gewonnen. Die meisten von ihnen nicht mit radikalen Ideen, sondern mit der Bereitschaft, für unser Gemeinwesen zu arbeiten, es zu reformieren. Das bestätigt einen Verdacht, den ich schon lange hege: Eine Politik der Reform ist meist dann am effektivsten, wenn sie konservativ klingt.

Mehr auf MSN

„Die Zeit ist gekommen, dass wir Anführer werden“ .
New York. Einen Tag nach den weltweiten Klimaprotesten haben sich in New York hunderte junge Menschen zum ersten UN-Jugendgipfel für Klimaschutz versammelt. Am Montag treffen dann die Staatschefs ein, darunter auch Angela Merkel. UN-Generalsekretär Antonio Guterres lobte am Samstag das Engagement der Jugendlichen. Sie hätten einen "Moment des Wandels" herbeigeführt, sagte er. Zu dem Treffen hatten die Vereinten Nationen 500 Jugendliche sowie im Klimaschutz engagierte Unternehmer eingeladen.

—   Teilen Sie Neuigkeiten in der SOC. Netzwerke

Aktuelle videos:

usr: 6
Das ist interessant!