Welt & Politik Wahlkampf in Großbritannien: Hugh Grant wirbt Johnson Wähler ab

20:30  05 dezember  2019
20:30  05 dezember  2019 Quelle:   tagesspiegel.de

Britischer Premier: "Wie viele Kinder haben Sie genau?" - Boris Johnson will das lieber nicht beantworten

  Britischer Premier: Der Premierminister Boris Johnson lästerte fies über alleinerziehende Mütter - und soll doch selbst uneheliche Kinder aus Affären haben. Die Frage, wie viele es genau sind, umschiffte er bei einem Interview gleich mehrfach weitläufig. Es waren harte Worte, die der britische Premierminister über Kinder fand, die ohne Vater aufwuchsen. Die seien "schlecht erzogen, ignorant, aggressiv und nicht legitim", schrieb er 1995 im konservativen Magazin "Spectator".

Hugh Grant unterstützt Kandidaten, die den Sieg der Konservativen in Großbritannien verhindern können. Einer Parteilinie will der Filmstar nicht folgen – und hat Erfolg mit seiner Anti-Strategie.

Hugh Grant appelliert an die Wähler im Wahlkreis der Kandidatin Luciana Berger, nicht die Konservativen zu wählen. Foto: David Mirzoeff/dpa © Foto: dpa Hugh Grant appelliert an die Wähler im Wahlkreis der Kandidatin Luciana Berger, nicht die Konservativen zu wählen. Foto: David Mirzoeff/dpa

Mit der Downing Street kennt Hugh Grant sich aus. In der romantischen Weihnachtskomödie „Tatsächlich... Liebe“ spielt er den englischen Premierminister. Nun will Grant Einfluss darauf nehmen, wer seinen Filmjob im realen Leben bekommt.

Dem lahmen Wahlkampf in Großbritannien verleiht der 59-Jährige, bekannt aus den Filmen „Notting Hill“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ ein wenig Glamour und wirbt im ganzen Land für Stimmen. Es geht, daran lässt Grant keinen Zweifel, nicht um eine bestimmte Partei, sondern um die Anti-Brexit-Allianz: Wo immer eine Kandidatin oder ein Kandidat Chance hat, den Vertreter von Boris Johnsons Torys zu schlagen, ist der Schauspieler zur Stelle, nimmt an Kundgebungen teil, klopft an Haustüren.

Nach Attentat: Johnson macht Labour für Freilassung von Angreifer verantwortlich

  Nach Attentat: Johnson macht Labour für Freilassung von Angreifer verantwortlich Nach Attentat: Johnson macht Labour für Freilassung von Angreifer verantwortlichDer britische Premierminister Boris Johnson (Konservative) hat die frühere Labour-Regierung für die vorzeitige Haftentlassung des London-Bridge-Attentäters verantwortlich gemacht. Usman Khan hatte am Freitag zwei Menschen erstochen, bevor er auf der London Bridge von Zivilisten überwältigt und von der Polizei erschossen wurde. Der wegen Anschlagsplänen verurteilte Terrorist war vor einem Jahr unter Bewährung vorzeitig auf freien Fuß gekommen.

Und so wirbt Grant in der westlichen Grafschaft Devon für die unabhängige Lokalpolitikerin Claire Wright, macht sich am Sonntag im Nord-Londoner Stadtteil Finchley für die frühere Labour-Frau und jetzige Libdem-Kandidatin Luciana Berger stark, schwört am Dienstag die Menschen in Beaconsfield auf den liberalen Ex-Tory Dominic Grieve ein und kämpft am Mittwoch um Stimmen für Labour-Frau Faiza Shaheen, die im Londoner Nordosten den Brexit-Haudegen Iain Duncan Smith verdrängen will. Besonders Grants Nahkampf mit den Wählern fasziniert die britischen Medien.

Ob das schwierig für ihn sei, die Leute daheim zu behelligen, wird Grant gefragt. Die Antwort fällt, je nach Standpunkt, fröhlich oder ein wenig selbstgefällig aus: „Ich habe früher mal Feuerlöscher an der Haustür verkauft. Da war ich sehr gut.“

Briten in Deutschland könnten Wahl in Großbritannien entscheiden

  Briten in Deutschland könnten Wahl in Großbritannien entscheiden Berlin. An diesem Donnerstag wählen die Briten ein neues Unterhaus. Der Ausgang wird mit Spannung erwartet - insbesondere, weil die Wähler so auch Einfluss auf den geplanten Brexit nehmen. Wer gewinnt, könnte auch von den rund 100.000 Briten in Deutschland abhängen. Wie die britische Botschaft in Berlin unserer Redaktion bestätigte, besitzen viele der Ende 2018 in Deutschland gemeldeten 106.115 britischen Staatsbürger die Wahlberechtigung in ihrer Heimat.

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Grant wehrt sich gegen Klatschblätter

Die britischen Medien und der gealterte Beau – das ist eine nicht immer konfliktfreie Konstellation. Als der Skandal um das illegale Abhören von Promi-Telefonaten und die damit verbundene Polizeikorruption aufflog, profilierte sich Grant als Sprecher der Betroffeneninitiative „Hacked Off“. Unter dem Druck der Aktivisten musste Medienzar Rupert Murdoch seine Klatschpostille "News of the World" schließen, der Schutz der Privatsphäre wurde verbessert.

Auch von Politikern hat der Schauspieler keine hohe Meinung, wie er im vergangenen Jahr anlässlich der Ausstrahlung des BBC-Dreiteilers „A very English scandal“ mitteilte. Darin spielte Grant den liberalen Politiker Jeremy Thorpe, der 1979 über ein Mordkomplott gegen seinen früheren Liebhaber stolperte.

Die Qual der Wahl

  Die Qual der Wahl Rund um die Unterhauswahlen ist die Stimmung auf der Insel schlecht. Der Wahlkampf hat das Land gespalten und die Briten noch unzufriedener gemacht.• Eine breite Kampagne für taktisches Wählen könnte aber bedeuten, dass ein eventueller Sieg nur knapp ausfällt oder keine Partei eine Mehrheit bekommt.

Wehe also jenen, die den Wahlhelfer für ihre Partei vereinnahmen wollen. Die Liberaldemokraten zogen sich zu Wochenbeginn Grants Zorn zu, weil sie Bilder von seinem Auftritt mit Berger auf den sozialen Netzwerken verschickten mit dem Kommentar: „Nur mit uns ist der Brexit zu verhindern.“ Unsinn, antwortete Grant postwendend: Die dritte landesweite Partei habe die Anti-Brexit-Bewegung nicht gepachtet.

In jedem Wahlkreis wird neu gekämpft

Tatsächlich zerfällt das Land durch das Mehrheitswahlrecht in 650 Einzelschlachten: Jeder Wahlkreis wählt nur einen Abgeordneten, alle anderen Stimmen fallen unter den Tisch. Während auf Seiten der Austrittsbefürworter die Brexit-Partei in mehr als 300 Wahlkreisen für die Konservativen das Feld räumte, bleiben Labour und Liberaldemokraten in vielen Bezirken bittere Rivalen – eine der Ursachen, warum die Umfragen einen Sieg der Konservativen vorhersagen.

Immerhin haben die kleineren Parteien Absprachen getroffen, zogen Grüne, Libdems und die walisische Nationalpartei Plaid Cymru einige ihrer Kandidatinnen zurück. In Nordirland ruft die irisch-republikanische Sinn Féin in einem Wahlkreis sogar zur Stimmabgabe für Sylvia Hermon auf, deren verstorbener Mann einst die bei Republikanern verhasste nordirische Polizeitruppe RUC leitete.

Parlamentswahl in Großbritannien: Jetzt kommt der Brexit

  Parlamentswahl in Großbritannien: Jetzt kommt der Brexit Boris Johnson ist auf dem Weg, die Wahl mit großem Abstand zu gewinnen. Was bedeutet das für das Land und den Brexit? Vier Erkenntnisse zur Abstimmung in Großbritannien © [M] Hannah McKay/​Reuters Boris Johnson ist der alte und neue Premierminister in Großbritannien. Der alte und neue Premierminister Großbritanniens heißt mit großer Wahrscheinlichkeit Boris Johnson. Die konservativen Tories holten landesweit laut ersten Prognosen mehr als 40 Prozent der Stimmen.

Hauptsache, gegen Johnson

Prominente Brexit-Gegner wie Grant, die Geschäftsfrau Gina Miller oder Labours Ex-Spindoktor Alastair Campbell rufen unermüdlich zu taktischem Vorgehen auf und weisen auf die zahlreichen Websites hin. Dort lässt sich für jede Bezirk nachlesen, welche Frau oder welcher Mann die besten Erfolgschancen hat. Tatsächlich wollen Befragungen zufolge ein Drittel der Briten ihre Stimme nach taktischen Gesichtspunkten vergeben, also nicht die Partei ihrer Wahl ankreuzen.

„Hauptsache gegen Johnson“ – mit diesem Motto trifft Grant den Nerv jenes Teils der Bevölkerung, der noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben hat, den Brexit doch noch verhindern zu können. Grant will zwar nicht selbst in die Politik, hat durch seine Rolle in „Tatsächlich... Liebe“ aber viele Absurditäten der aktuellen Politik vorweggenommen. Als Premierminister muss er etwa den Besuch eines arroganten und sexistischen US-Präsidenten erdulden. Johnson und seine Vorgängerin Theresa May haben die delikate Situation bereits erlebt. Eine Woche vor der Wahl spricht trotz Grants Bemühungen fast alles dafür, dass Johnson noch häufiger in die Verlegenheit kommt.

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Boris Johnson hat einen Wahlkampf mit Slogans bestritten, die kaum das Niveau eines Discounter-Prospekts überstiegen haben. Egal. Es reichte, um die wichtigste Wahl Großbritanniens zu gewinnen. Oh dear. Natürlich ist der Wahlsieg für Boris Johnson keine große Überraschung. Aber so hoch? So eindeutig? "Es ist so, als hätten die Truthähne für Weihnachten gestimmt", heißt es derzeit in England. Und es gibt andere, die sagen: "Dieses Wahlergebnis ist eher Jeremy Corbyns Niederlage, als dass es Boris Johnsons Sieg ist.

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