Welt & Politik Türkischer Ex-NATO-Offizier riskiert Erdogans Rache

09:25  10 august  2018
09:25  10 august  2018 Quelle:   dw.com

Türkische Lira im freien Fall - Erdogan: "Sorgt Euch nicht"

  Türkische Lira im freien Fall - Erdogan: Türkische Lira im freien Fall - Erdogan: "Sorgt Euch nicht"Der Kurs brach am Freitag um mehr als zehn Prozent ab. Ein Dollar kostete rund 6,40 Lira. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung damit mehr als ein Drittel an Wert eingebüßt. Die wachsende Einflussnahme von Erdogan auf die Zentralbank beunruhigt internationale Investoren schon seit Monaten. Hinzu kommt der Streit zwischen Washington und Ankara über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Auch Sorgen zur Stabilität der Banken am Bosporus spielen eine Rolle.

Verfolgung nach Putsch. Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache . Den türkischen Behörden gilt er als "Terrorist". Topkaya ist einer von Tausenden türkischen Offizieren, denen Erdogan vorwirft, Unterstützer des Predigers Fethullah Gülen zu sein.

Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache . Die EZB-Bankenaufseher schauen sich einem Medienbericht zufolge wegen des drastischen Verfalls die Verbindungen europäischer Geldhäuser zur Türkei an. Insgesamt würden die Aufseher die Situation zwar noch nicht als kritisch

Provided by Deutsche Welle: Türkischer Ex-NATO-Offizier riskiert Erdogans Rache © DW/T. Schultz Türkischer Ex-NATO-Offizier riskiert Erdogans Rache

Den türkischen Behörden gilt er als "Terrorist". Nach dem Putsch wurde er inhaftiert, dann gelang ihm die Flucht. Teri Schultz berichtet, was er zu erzählen hat, und warum er nicht länger über das Erlebte schweigen will.

Der ehemalige Korvettenkapitän Cafer Topkaya will für alle die sprechen, "die keine Pressevertreter treffen können, ja noch nicht einmal ihre Anwälte, während sie im Gefängnis sitzen, und ihre Unschuld nicht beweisen können." Er habe "keine Angst vor Erdogan oder dem türkischen Geheimdienst", erklärt der Marine-Offizier. Er wolle, dass der Westen erfährt, was in der Türkei passiert.

Nato: Wie wichtig ist die Türkei?

  Nato: Wie wichtig ist die Türkei? Nato: Wie wichtig ist die Türkei?Als Donald Trump vor vier Wochen sein Smartphone für die Reise zum Nato-Gipfel in Brüssel einpackte, konnten die besorgten Europäer in vielen US-Medien den zweifelhaften Trost nachlesen, der twitternde Präsident sei gar nicht so schlimm – ihr wahres Problem sitze am Bosporus. Richtig neu war das den anderen Partnern nicht. Speziell Deutschland kann ein Lied davon singen, wie schnell sogar das Verteidigungsbündnis für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zur innenpolitischen Spielmasse werden kann.

Erdogans Wunsch, vor oder nach dem G20-Gipfel in Hamburg eine Rede zu halten, ist ebenfalls nicht in Erfüllung gegangen. Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache 09.08.2018.

Ehemaliger türkischer NATO - Offizier erzählt, wie ihm eine Falle gestellt wurde, die ihn 16 Monate ins Gefängnis brachte. Heute geniesst er Asyl in Belgien. Nach dem versuchten Putsch in der Türkei vor zwei Jahren ging die Regierung gegen Hunderte türkische Offiziere vor - auch bei der NATO in

Topkaya ist einer von Tausenden türkischen Offizieren, denen Erdogan vorwirft, Unterstützer des Predigers Fethullah Gülen zu sein. Der türkische Präsident beschuldigt Gülen, von seinem Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania aus den Putsch im Sommer 2016 initiiert zu haben. Vor allem das im Ausland trainierte und stationierte Militär war danach Ziel massiver Verhaftungswellen, die bis heute in der Türkei stattfinden. Nahezu alle von ihnen wurden von Erdogan zu "Befragungen" nach Ankara zurückbeordert, in den meisten Fällen ein Euphemismus für die Inhaftierung der Betroffenen.

Aus zwei Tagen wurden sechzehn Monate

Viele entschieden sich, der Aufforderung nicht zu folgen und stattdessen ohne Gehaltszahlungen in ihren jeweiligen Aufenthaltsländern zu bleiben. Die türkische Regierung machte sie zu Staatenlosen, indem sie ihre Pässe für ungültig erklärte.

Erdogan kommt am 28. September zu Staatsbesuch nach Berlin

  Erdogan kommt am 28. September zu Staatsbesuch nach Berlin Erdogan kommt am 28. September zu Staatsbesuch nach BerlinWeitere Einzelheiten des Besuchs sind noch in Vorbereitung. Ein Termin für das geplante Treffen Erdogans mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde noch nicht mitgeteilt.

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Brisant an der Anklage ist, dass Avci kurz vor seiner Verhaftung ein Buch veröffentlicht hatte, in dem er davor warnte, dass eine umstrittene muslimische Gruppierung die Sicherheitskräfte und Teile des türkischen Justizapparates Politik | 09.08.2018. Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache .

Topkaya folgte im Oktober 2016 der Aufforderung, zu einer "dringenden Besprechung" nach Ankara zu kommen - aus einem tiefen Pflichtbewusstsein heraus, sagt er. Er ging davon aus, dass sich schnell herausstellen würde, dass er weder mit dem Putschversuch noch mit der Gülen-Bewegung etwas zu tun habe.

"Ich stand der Gülen-Bewegung nie nahe,” erklärt der Ex-NATO-Offizier. "Ich bin eine säkulare Person, westlich erzogen. Ich respektiere alle Religionen und Weltanschauungen, aber ich gehöre keiner an." Als langjähriger Marine-Offizier mit der obersten Sicherheitsfreigabe der NATO fühlte er sich sicher. Auch seine Frau Meskure machte sich keine Sorgen, als ihn die Familie verabschiedete - wie sie dachte, für eine kurze Reise.

"Treffen" als Trick

Das Gefängnis-Tagebuch von Cafer Topkaya © DW/T. Schultz Das Gefängnis-Tagebuch von Cafer Topkaya

Tatsächlich sahen sie sich über sechzehn Monate nicht mehr. Das angebliche "Treffen" war nur ein Trick gewesen, um ihn ins Verteidigungsministerium zu locken, wo sein Pass ungültig gemacht wurde und die Polizei ihn abführte. Seine früheren türkischen Kollegen bezeichneten ihn fortan als "Terroristen" und behaupteten, er schreibe auf seinem Twitter-Account beleidigend über Erdogan. Es half auch nicht, dass Topkaya erklärte, bis zu dem Zeitpunkt habe er niemals einen Twitter-Account besessen.

USA und Türkei wollen Streit beilegen

  USA und Türkei wollen Streit beilegen USA und Türkei wollen Streit beilegenDarauf verständigten sich US-Außenminister Mike Pompeo und sein türkischer Kollege Mevlüt Cavusoglu am Rande eines Treffens regionaler Minister in Singapur. Cavusoglu und US-Außenamtssprecherin Heather Nauert bezeichneten das Gespräch am Freitag als konstruktiv.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ruft angesichts des Kursverfalls der Lira die Bevölkerung auf, Euro, Dollar und Gold in die Landeswährung zu tauschen. Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache Den türkischen Behörden gilt er als "Terrorist".

In der umgewidmeten Turnhalle, in der er zunächst festgehalten wurde, und später im berüchtigten Gefängnis Sincan, erzählt Topkaya, habe er zwölf Tage in der gleichen Kleidung auf dem Beton-Fußboden geschlafen und kaum zu Essen bekommen. Seine Mitgefangenen waren weitere hochrangige Militärs, Akademiker, Richter, Aktivisten der Zivilgesellschaft und sogar medizinisches Personal. Zumindest, sagt Topkaya, sei er selbst nicht Opfer physischer und psychischer Folter geworden, wie viele andere, die er verprügelt aus den Befragungen habe kommen sehen.

Von einem mit ihm inhaftierten Offiziere sei immer wieder die Ehefrau zu Befragungen heranzitiert und ihre kleinen Kinder bedroht worden, erzählt Topkaya. Ein anderer Mitgefangener wurde gezwungen, ein Geständnis zu unterschreiben, während man ihn auf einem Stuhl mit Elektroschocks traktierte.

Zunächst habe sich Topkaya noch eine Zeitschiene in seinem Tagebuch gemacht, an deren Ende "Brüssel" stand. Darauf strich er jeden Tag ab. Es würden ja nur ein paar Tage werden, dachte er, bis er wieder in Brüssel wäre. Nach dem 39. Strich habe er damit aufgehört.

Türkischer Präsident in Berlin: Maas verteidigt erneut geplanten Erdogan-Besuch

  Türkischer Präsident in Berlin: Maas verteidigt erneut geplanten Erdogan-Besuch Türkischer Präsident in Berlin: Maas verteidigt erneut geplanten Erdogan-BesuchBundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat den geplanten Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland erneut verteidigt. "Erdogan ist gewählter türkischer Staatspräsident, ob einem die türkische Präsidialverfassung nun gefällt oder nicht", sagte Maas der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom Donnerstag. Erdogan kommt am 28. September zu einem zweitägigen Staatsbesuch nach Berlin.

Mit Blick auf die Rolle des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinen Umgang mit der Staatskrise hat sie große Vorbehalte - insbesondere was die Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit anbelangt. Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache 09.08.2018.

Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache 09.08.2018. Den türkischen Behörden gilt er als "Terrorist". Nach dem Putsch wurde er inhaftiert, dann gelang ihm die Flucht.

Loyalität zur NATO kann zum Verhängnis werden

Bei seiner ersten Anhörung habe Topkaya vor Hunger kaum stehen oder denken können. Seine Vertrauensposition in der NATO, von der er gedacht hatte, sie wäre ein zentraler Baustein seiner Verteidigung, habe sich schnell als Teil seines "Verbrechens" herausgestellt: "Die Richterin sagte: Sie arbeiten bei der NATO, richtig? Ja, sagte ich, ich arbeite dort für die türkische Armee im Hauptquartier, der Kommandant der türkischen Armee hat mich dazu beordert. Aber ich konnte sie nicht überzeugen, mich freizulassen. Pro-Westlich und Pro-NATO zu sein, ist heute in der Türkei ein großes Verbrechen."

Die mehr als sechzehn Monate Gefangenschaft, sagt Topkaya, habe er psychisch nur dank der Briefe und Anrufe seiner Frau und seiner Kinder durchgehalten. Er zeigt eine Nikolaus-Zeichnung seiner ältesten Tochter. Auf keinen Fall, habe sie ihm versichert, stehe sie auf Knecht Ruprechts Liste derjenigen, die keine Geschenke bekommen würden.

Schließlich teilte man ihm mit, dass die Prozessvorbereitung länger dauern würde - wahrscheinlich, weil es keine Beweise gegen ihn gebe, vermutet Topkaya. Er wurde mit der Auflage entlassen, bei seinen Eltern zu wohnen und sich wöchentlich bei der Polizei zu melden. Dann warnte ihn sein Anwalt, es gebe Anzeichen für eine erneute Verhaftung. Als er einen alten, noch wenige Monate gültigen Pass von sich fand, den die Polizei bei den Durchsuchungen offenbar übersehen hatte, beschloss er zu fliehen.Wie er es genau machte, will er nicht beschreiben, schon um den Weg für künftig Fliehende nicht zu blockieren. Aber mit viel Hilfe und viel Glück war Topkaya eine Woche später wieder in seiner Wohnung in Brüssel. Er nahm Kontakt zu seiner Familie auf und erholte sich einige Monate. Doch was er gesehen hatte, ließ ihn nicht los. Und es bewegte ihn mehr als das, was mit ihm selbst geschehen war.

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Türkischer Ex - NATO - Offizier riskiert Erdogans Rache 09.08.2018. Den türkischen Behörden gilt er als "Terrorist". Nach dem Putsch wurde er inhaftiert, dann gelang ihm die Flucht. Teri Schultz berichtet, was er zu erzählen hat, und warum er nicht länger über das Erlebte schweigen will.

Die Wahrheit per Tweet

Cafer Topkaya (rechts) will, dass der Westen weiß, wie man in der Türkei mit NATO-Offizieren verfährt © DW/T. Schultz Cafer Topkaya (rechts) will, dass der Westen weiß, wie man in der Türkei mit NATO-Offizieren verfährt

Topkaya entschied, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Er richtete einen Twitter-Acccount ein, in dem er detailliert beschreibt, was er erlebt hat und was andere wahrscheinlich immer noch durchmachen. Sein türkischer Account, erzählt er, habe ziemlichen Aufruhr ausgelöst, und er schätzt, dass er zu 90 Prozent positive Reaktionen auf seine Tweets erhalte.

Regierungsnahe türkische Zeitungen stempeln ihn als "Verräter" ab und verbreiten Berichte, wonach er und andere verhaftete Offiziere "konspirative Treffen" in Deutschland abhalten würden. "Mit jedem Tweet fühle ich mich mehr erleichtert", sagt Topkaya lächelnd, "und ich weiß, dass sie davor Angst haben." Sie, das sind die Machthaber in Ankara, die türkische Regierung, die AKP und die Erdogan-treuen Militärs.

Andere NATO-Offiziere, mit denen die DW gesprochen hat, bewundern Topkaya und sorgen sich zugleich um seine Sicherheit. "Ich traue mich das nicht", sagt einer von ihnen, "Erdogans langer Arm reicht überall hin. Sie finden heraus, wo wir wohnen, schreiben auf, was wir tun, und wenn sie Befehle bekommen, führen sie sie aus. Deshalb halten wir uns von der türkischen Community hier in Belgien fern."

Auch seine Familie wisse um die Gefahr, aber sie habe ihn stets in seiner Entscheidung unterstützt. Topkaya sagt, er habe weder Angst, noch bereue er seine Entscheidung. Er will nicht weglaufen vor Erdogan. Viel lieber trete er den türkischen Präsidenten und den anderen Anführer der Verhaftungen entgegen: "Ich möchte ihnen ins Gesicht sehen, ihnen sagen, dass falsch ist, was sie tun." Unschuldige Menschen, die Angst haben", glaubt Topkaya, "das ermutigt sie. Wir sind unschuldig. Wir sind auf der richtigen Seite. Wir sollten mutiger sein."

Autor: Teri Schultz

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