Welt & PolitikMerkels Vermächtnis

17:36  09 november  2018
17:36  09 november  2018 Quelle:   sueddeutsche.de

Rechts, Links? - Merkel-Rückzug stürzt CDU in Richtungsstreit

Rechts, Links? - Merkel-Rückzug stürzt CDU in Richtungsstreit Rechts, Links? - Merkel-Rückzug stürzt CDU in Richtungsstreit

Merkels Vermächtnis © Getty Images Gemeinsames Gedenken: Kanzlerin Angela Merkel mit Zentralratspräsident Josef Schuster (links) und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Gideon Joffe.

• In Berlins großer Synagoge erinnert Bundeskanzlerin Merkel an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren.

• Die Rede ist ihre Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft auf Hetze, Rassismus und Antisemitismus reagieren sollte.

• Je länger die Kanzlerin redet, desto klarer wird, dass sie die Vergangenheit auf die Gegenwart überträgt.

Am Anfang stehen einzelne, kurze, traurige Geschichten. Vier junge Mitglieder der jüdischen Gemeinde tragen sie vor und Hunderte Gäste hören lautlos zu. Zwei Frauen und zwei Männer zitieren Tagebucheinträge, Briefe, Hilferufe aus dem Jahre 1938; es sind Aufzeichnungen deutscher Juden, die sich um ihre Angehörigen oder ums eigene Leben fürchten.

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Merkel nennt die AfD nicht ein einziges Mal beim Namen

Es ist Freitagvormittag in Berlins großer, wieder aufgebauter Synagoge. Alle wichtigen Vertreter des Staates sind gekommen, um mit Hunderten Gästen an die Reichsprogromnacht vor achtzig Jahren zu erinnern. Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundesratspräsident - sie alle sitzen in der ersten Reihe und zeigen auf diese Weise, wie ernst es ihnen damit ist, an die Schrecken zu erinnern. Doch als die Kanzlerin aufsteht, um ihre Rede zu halten, wird deutlich, dass sich Angela Merkel noch mehr vorgenommen hat. Sie liefert an diesem Vormittag im November das, was man durchaus als ihr politisches Vermächtnis bezeichnen könnte: Ihre Antwort auf die neuen Rechtsradikalen im Land - und auf die Frage, wie die Gesellschaft auf die neue Hetze, den neuen Rassismus, den neuen Antisemitismus reagieren sollte.

Natürlich erinnert die Kanzlerin in den knapp zwanzig Minuten zuallererst an die Schrecken der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und an "das Grauen des Zivilisationsbruchs der Shoah". Aber sehr bald spricht Merkel nicht mehr nur über den Jahrestag, sondern über seine Vorgeschichte. Sie erinnert daran, wohin es führte, dass "im Nationalsozialismus ein zuvor strafbares Verhalten erst geduldet und schließlich zum erwünschten Verhalten erklärt" wurde. Sie verweist auf die Tatsache, dass "immer schon gehegte Vorurteile nun ungestraft in offene Gewalt umschlagen" konnten. Merkel nennt die AfD nicht ein einziges Mal beim Namen. Aber je länger die Kanzlerin redet, desto klarer wird, dass sie die Vergangenheit auf die Gegenwart überträgt. Nicht indem sie es gleichsetzt, aber indem sie an schleichend vergiftende Wirkmächte erinnert.

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Und dann entwirft die Kanzlerin eine rhetorische Figur, mit der sie allen in der Synagoge den Spiegel vorhält. Was, so fragt sie, werden Menschen im nächsten Jahrhundert über diese Welt denken, wenn sie zurückblicken? "Eine Welt", so Merkel, "die wieder bedroht ist, das Gemeinwohl aus den Augen zu verlieren, weil sie Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihres Andersseins ausgrenzt."

Merkels Prognose ist unmissverständlich: Diese Menschen werden "mit völligem Unverständnis" auf die Welt blicken. Und dazu mit "einem Bedauern für uns", weil "wir immer noch oder wieder in der Gefahr stehen, schreckliche Fehler zu wiederholen - und erfahren müssen, wohin die Spaltungsversuche einiger weniger führen können".

Nein, der Name AfD fällt kein einziges Mal. Und trotzdem werden diese 20 Minuten zu Merkels prinzipieller Antwort. Zumal sie auch im Umgang mit den Menschen, die heute als Flüchtlinge im Land leben, grundsätzlich wird: "So wie es niemals einen Generalverdacht gegen muslimische Menschen geben darf, weil im Namen ihrer Religion Gewalts ausgeübt wird, so ist zugleich klar, dass sich jeder, der in unserem Land lebt, zu den Werten unseres Grundgesetzes bekennen muss."

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Am Ende singt der Kantor der jüdischen Gemeinde. Es ist ein einziger Trauergesang. Minutenlang.

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