Wissen & Technik Rätselhafte Ölpest hält Brasilien in Atem

09:10  09 oktober  2019
09:10  09 oktober  2019 Quelle:   dw.com

Rätselhafte Explosionsserie in Dänemark

Rätselhafte Explosionsserie in Dänemark Es ist bereits die zweite Explosion binnen weniger Tage: In Kopenhagen ist eine Polizeiwache beschädigt worden. Die Polizei rätselt über die Hintergründe - und sucht einen Mann in weißen Schuhen. © Reuters/Ritzau Scanpix/P. Davali Der abgesperrte Tatort in Nørrebro Eine Explosion vor einer Polizeiwache im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro ist glimpflich ausgegangen: Es sei niemand verletzt worden, wie die dänische Polizei auf Twitter mitteilte. Der Tatort im wurde abgesperrt. Der Polizeiposten war in der Nacht unbesetzt.

Im Nordosten Brasiliens sind immer mehr Strände von einer mysteriösen Ölpest betroffen. Im Teilstaat Sergipe rief die Regierung nun den Notstand aus. Doch woher stammt das Öl?

Provided by Deutsche Welle © Sergipe State Government Provided by Deutsche Welle

Trotz Sonne war am Wochenende vielen Bewohnern von Aracaju die Lust auf das Strandwochenende vergangen. Die Stadtstrände waren in den vergangenen Tagen von immer neuen Wellen mysteriöser Ölflecken heimgesucht worden, die zuvor bereits die nördlich gelegenen Strände von Maranhão bis Alagoas verunreinigt hatten. Am Wochenende hatten sie auch Strände des weiter südlich gelegenen Bundesstaates Bahia erreicht. Damit sind nun alle neun nordöstlichen Teilstaaten Brasiliens betroffen.

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"Achtung, da kommen noch mehr schwarze Flecken an den Strand", warnte der Hobby-Angler Marcos am Sonntagmorgen Badegäste am Strand von Atalaia in Aracaju. Den ganzen Samstag über hatten Teams der Umweltbehörde Ibama und der Stadt Aracaju zwar den Strand von dem zähflüssigen Ölklumpen gesäubert. Doch mit der morgendlichen Flut kamen am Sonntag die nächsten Klumpen.

"Ich bin 52 und lebe hier seit Jahrzehnten, aber noch nie habe ich so etwas gesehen. Ab und zu sehen wir Ölklumpen, die von den Bohrungen da draußen stammen. Aber so wie was die hier hab ich noch nie gesehen", sagte Marcos mit Verweis auf die zahlreichen Ölplattformen draußen auf dem Meer, die den Horizont Aracajus bestimmen.

Auch am Strand von Pirambu gibt es Ölklumpen, die Helfer versuchen zu entfernen © DW/T. Milz Auch am Strand von Pirambu gibt es Ölklumpen, die Helfer versuchen zu entfernen

Notstand könnte ausgerufen werden

Auch den ganzen Sonntag über säuberten 150 Mann die Stadtstrände. "Das hat nun nationale Ausmaße angenommen. Wir wussten, dass auch Sergipes Küste irgendwann drankommen würde", sagte Paulo Amilcar, der lokale Leiter von Ibama in Sergipe und Einsatzleiter vor Ort, gegenüber der DW. Seit Anfang September waren die Ölteppiche an über 100 Stränden in den Teilstaaten Maranhão, Piauí, Ceará, Rio Grande do Norte, Paraíba, Pernambuco und Alagoas aufgetaucht. Per Hubschrauber hatte Ibama sie überwacht und ihren Weg weiter südlich projiziert.

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"Seit dem 24. September, als die ersten Ölteppiche an den Stränden Sergipes auftauchten, hatten wir die Situation hier überwacht", so Amilcar. Aber am Donnerstag (03.10.) lief es dann komplett aus dem Ruder. Strände, die vorher sauber waren, waren plötzlich komplett verschmutzt, und zwar die ganze Küste entlang." Nur wenige Stunden später nach dem Interview mit der DW erklärte die Landesregierung von Sergipe tatsächlich den Notstand. Derzeit gilt Sergipe als der von dem mysteriösen Öl am schwersten betroffene Teilstaat.

„Man bekommt es nicht mehr vom Fuß ab"

Das Öl trifft Sergipe besonders hart. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hatte die Flut zunächst die nördliche Küste verschmutzt. Besonders betroffen waren die Strände im Naturschutzgebiet der Reserva Biológica (Rebio) Santa Isabel, in der Stadt Pirambu, rund 50 Kilometer nördlich von Aracaju. Die hauptsächlich vom Tourismus lebende Region erwachte mit dicken schwarzen Ölklumpen an den Stränden.

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In 30 Jahren habe er so etwas noch nicht gesehen, sagte Adailton, Besitzer eines Strandkiosks am Strand von Pirambu, der mit kleinen Ölflecken überzogen ist. Die Gäste blieben weg, klagt er. "Klar trifft uns das. Die Leute treten am Strand da rein, und dann bekommt man es nicht mehr vom Fuß ab." In den letzten Tagen habe sich sein Umsatz bereits halbiert. "Die Gäste rufen an und bestellen die Tische ab. Sie fahren dann woanders hin. Das sind echte Verluste für mich." Lange könne er diese Situation wirtschaftlich nicht überleben, sagt er.

Große Ölfässer am Strand von Sergipe, Brasilien: Sie verschmutzen den Strand © Sergipe State Government Große Ölfässer am Strand von Sergipe, Brasilien: Sie verschmutzen den Strand

Fische und

Schildkröten in Gefahr

Auch der Fischer Sivaldo klagt. "Die Leute essen den Fisch nicht mehr, wenn sie hier Öl sehen. Und ich muss die Tiere dann wieder frei lassen - sofern sie noch leben." Normalerweise fahre er mit dem Boot hinaus. Doch seit das Meer voll Öl sei, zieht er sein Netz durch die Wellen am Strand. Doch nun sei auch das Netz voll Öl. "In meinem ganzen Leben hab ich so etwas noch nicht gesehen."

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In Gefahr befinden sich auch die Schildkröten in der Reserva Biológica Santa Isabel. Das hier ansässige "Projeto Tamar" überwacht über 50 Kilometer Strand bis hoch zur Mündung des Rio Sao Francisco. Die Ölteppiche kamen hier ausgerechnet zum Zeitpunkt des Schlüpfens der Schildkröten-Babys. Am Sonntag gab Tamar bekannt, dass man die Babys nicht mehr am Strand von Pirambu ins Wasser lasse.

Mit der Ankunft des Öls weiter südlich, wurden weitere Geburtsstrände der Schildkröten verschmutzt. Am Samstag fanden Mitarbeiter von Tamar eine tote, mit Öl verschmierte Schildkröte am Strand von Mangue Seco entdeckt, dem ersten Strand nach der Grenze von Sergipe mit dem südlicheren Bahia.

Öl aus Venezuela?

Noch ist nicht klar, woher das Öl kommt, das auch den Strand von Atalaia verschmutzt © DW/T. Milz Noch ist nicht klar, woher das Öl kommt, das auch den Strand von Atalaia verschmutzt

Am Montag besuchte Umweltminister Ricardo Salles Aracaju, um sich ein Bild über die Situation zu machen. Präsident Bolsonaro ordnete derweil am Samstag eine Untersuchung über die Herkunft des Öls an. Sowohl das Justizministerium, die Bundespolizei, das Militär wie auch die dem Umweltministerium unterstellten Behörden Ibama und ICMBio sind daran beteiligt. Ihnen gab Bolsonaro 48 Stunden Zeit, Ergebnisse vorzulegen.

Am Montag sagte Bolsonaro der Presse, ein spezielles Land "auf dem Radar" zu haben. Allerdings sagte er nicht, welches. Medien berichteten am Montag, dass Analysen des halbstaatlichen Ölriesen Petrobras auf Venezuela als Ursprungsland des Öls hindeuteten.

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Die plötzliche Eile der Regierung überrascht, hatte sie doch zuvor einen Monat lang nichts unternommen. Und so brodelt an den Stränden am Wochenende bereits die Gerüchteküche unter einigen der verbliebenen Badegäste, denn die Platformen von Petrobas säumen den Horizont von Aracaju. Petrobras hatte allerdings bereits erklärt, dass das Öl keinesfalls aus seiner Produktion stamme.

Andere Badegäste vermuten einen Zusammenhang mit dem Unfall in der pernambucanischen Raffinerie Abreu e Lima, die in der Stadt Ipojuca südlich von Recife gelegen ist. Ende August trat dort Öl aus und verschmutzte 4,5 Hektar Küste. Die Petrobras gab jedoch an, dass das Öl nicht ins Meer gelangte. Zudem sei das Öl aus der Raffinerie leichter als das an den Stränden angetroffene.

Hobby-Fischer Marcos am Strand von Aracaju hält einen Klumpen Öl in der Hand © DW/T. Milz Hobby-Fischer Marcos am Strand von Aracaju hält einen Klumpen Öl in der Hand Öltanker könnte seine Tanks in der Region gesäubert haben

Auch der Energieexperte Adriano Pires schließt einen Zusammenhang mit dem Unfall in Pernambuco aus. "Das war im August, liegt also zu weit zurück", sagte Pires der DW. Das Öl weise Eigenschaften auf, die typisch für venezolanisches Öl seien, so Pires. Trotzdem glaubt er nicht an einen Unfall auf einer venezolanischen Plattform. In diesem Fall wären sonst auch die nördlicheren Küsten Südamerikas verschmutzt worden.

Allerdings könnte das Öl aus einem Tanker stammen, der die viel befahrene Route zwischen der südlichen Karibik und Asien nutzt, die vor der Küste des Nordostens entlang führt. "Ein Öltanker, der venezolanisches Öl transportierte, könnte seine Tanks in der Region gesäubert haben und die Reste ins Meer geleitet haben, bevor er neue Fracht aufnahm", sagte Pires zu einer der möglichen Erklärungen. Doch sicher ist das nicht.

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Auch der Hobby-Fischer Marcos am Strand von Aracaju glaubt an eine ähnliche Erklärung. "Das hier ist kein neues Öl, das gerade gefördert wurde. Das sieht mir eher nach Rückständen aus einer Tankreinigung aus. Denn frisches Öl ist schmieriger, und nicht so plastikartig wie das hier", sagte er und knetet dabei einen Klumpen Öl mit den Fingern.

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