Wissen & Technik Lernten unsere Vorfahren im Allgäu das Laufen?

15:55  07 november  2019
15:55  07 november  2019 Quelle:   dw.com

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Knochenfunde sollen belegen, dass ein Menschenaffe vor zwölf Millionen Jahren schon auf zwei Beinen im heutigen Allgäu unterwegs war. Muss die Geschichte der Menschheit wieder einmal neu geschrieben werden?

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In der Evolution des Menschen gilt der"aufrechte Gang" als entscheidendes Merkmal: Durch den aufgerichteten Gang hatten die Menschartigen (Hominidae) erstmals wortwörtlich die Hände frei. Ihre Hände dienten nicht weiter der Fortbewegung, vielmehr konnte die Greifhand endlich für die Nahrungssuche und -aufnahme, für die Verteidigung und auch für den Gebrauch von Werkzeugen genutzt werden.

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Neueste Knochenfunde zeigen nach Ansicht einer internationalen Forschergruppe, dass sich der aufrechte Gang des heutigen Menschen in Europa und nicht wie bislang angenommen in Afrika entwickelt habe.

Grundfeste der Paläoanthropologie erschüttert?

Der neu entdeckte mögliche Vorfahr von Mensch und Menschenaffe, der sogenannte "Danuvius guggenmosi", habe vor 11,62 Millionen Jahren gelebt und sich wahrscheinlich sowohl auf zwei Beinen als auch kletternd fortbewegt. Das wäre mehrere Millionen Jahre früher als Wissenschaftler bislang zumeist angenommen hatten. Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind rund sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia.

Veröffentlich wurde die Studie des Forschungsteam um Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment im Fachmagazin "Nature".

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"Das ist eine Sternstunde der Paläoanthropologie und ein Paradigmenwechsel", so Madelaine Böhme. Die Funde stellten die bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage. "Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa vollzog, erschüttert die Grundfeste der Paläoanthropologie", so Böhme von der Universität Tübingen .

Neue Funde bringen Bewegung in die Forschung

In den letzten Jahren ist viel Bewegung in die Anthropologie gekommen. Durch neue Funde und Forschungsansätze muss die Geschichte der Menschheit scheinbar ständig neu geschrieben werden. Bislang unbekannte Menschenarten kommen hinzu und zeitliche oder räumliche Zuordnungen müssen grundlegend korrigiert werden.

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Gerade erst wollen Wissenschaftler "die Wiege des heutigen Menschen" in Botswana gefunden haben. Wie ebenfalls das Magazin "Nature" zu Wochenbeginn berichtete, hätten Forscher um die australische Genetikerin Vanessa Hayes eine Salzwüste südlich des Flusses Sambesi als wahrscheinlichsten Ursprung des Homo sapiens ausgemacht. Die Wurzeln reichen demnach rund 200.000 Jahre zurück. Ihrer Studie zufolge bewohnte der frühe Homo sapiens die Region dann 70.000 Jahre lang, ehe klimatische Veränderungen ihn zwang, weiterzuwandern.

Die Forscher arbeiteten mit geografischen Daten, Klimamodellen und DNA-Proben, die sie in Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden sammelten. Unabhängige Experten äußerten sich jedoch skeptisch über das Forschungsergebnis, da die verwendete Genanalyse kein vollständiges Bild der Menschheitsgeschichte zeichne.

In ihrer Studie räumen die Forscher der Botswana-Studie ein: Während einige der ältesten Skelettfunde auf einen Ursprung in Ostafrika hindeuten, besitze die heutige südafrikanische Bevölkerung die größte genetische Ähnlichkeit zu den Vorfahren.

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Vielversprechender Fundort im Allgäu

Welche Rückschlüsse die einzelnen Funde auf die Geschichte der Menschheit tatsächlich zulassen, wird sich zeigen, wenn immer mehr fossile Puzzle-Steine zusammengesetzt wurden.

Die versteinerten Fossilien der bislang unbekannten Primatenart hatte das Forschungsteam um Madelaine Böhme zwischen 2015 und 2018 in einem Bachlauf der Tongrube "Hammerschmiede" im Unterallgäu entdeckt.

Vor rund zwei Jahren hatten Paläontologen in dieser Grube bereits elf Millionen Jahre alte Reste von Mastodonten (Vorfahren des heutigen Elefanten), Hyänen und Schnappschildkröten gefunden. Die Gegend war vor 11 Millionen Jahren offenbar noch subtropisch warm, dichte Sümpfe und Flüsse mit üppiger Ufervegetation prägten die waldige Landschaft.

Madelaine Böhme von der Universität Tübingen © picture alliance/dpa/Nature/C. Jäckle Madelaine Böhme von der Universität Tübingen

Aus der Tongrube bargen die Paläontologen auch vollständig erhaltene Arm- und Beinknochen, Wirbel, Finger- und Zehenknochen - insgesamt 15 Prozent eines Skeletts. "Damit ließ sich rekonstruieren, wie sich Danuvius fortbewegte", sagte Böhme. "Zum ersten Mal konnten wir mehrere funktionell wichtige Gelenke - darunter Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk - in einem einzigen fossilen Skelett dieses Alters untersuchen", erklärte die Professorin. "Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen."

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Aufrechter Gang durch S-förmige Wirbelsäule

So habe Danuvius seinen Rumpf durch eine S-förmige Wirbelsäule aufrecht halten können, während Menschenaffen lediglich eine einfach gebogene Wirbelsäule besitzen. "Danuvius kombinierte die von den hinteren Gliedmaßen dominierte Zweibeinigkeit mit dem von den vorderen Gliedmaßen dominierten Klettern", sagte Mitautor David Begun von der University of Toronto. 

Nach Einschätzung der Forscher war der "neue Vorfahr des Menschen" etwa einen Meter groß. Die Weibchen, von denen ebenfalls Teile eines Exemplars in der Tongrube gefunden wurden, dürften etwa 18 Kilogramm gewogen haben, das gefundene Männchen 31 Kilogramm.

Nach Einschätzung Böhmes dürften weitere Funde die Erkenntnisse aus dem Danuvius-Fund stützen. Von einem Weibchen wurden bereits Zähne, ein Finger und ein kompletter Oberschenkel ausgegraben. Auch von einem jungen Exemplar liegen gut erhaltene Reste vor.

Autor: Alexander Freund

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