Wissen & Technik Verheerende Heuschreckenplage: Die fliegende Gefahr

18:50  26 mai  2020
18:50  26 mai  2020 Quelle:   spiegel.de

Verheerende Heuschreckenplage: Die fliegende Gefahr

  Verheerende Heuschreckenplage: Die fliegende Gefahr Verheerende Heuschreckenplage: Die fliegende GefahrEs gibt Zeiten, da muss sich eigentlich niemand vor der Wüstenheuschrecke fürchten. Die etwa sieben Zentimeter langen Tiere leben dann als Einzelgänger. Am Ort ihrer Geburt - irgendwo in den Steppen und Halbwüsten Nordafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens, Indiens oder Pakistans - fressen sie Gräser, legen ihre Eier und sterben.

Mehrere afrikanische Länder haben mit massiven Heuschreckenschwärmen zu kämpfen. Die Tiere fressen alles, was sie kriegen können. 25 Millionen Menschen sind deshalb von Hunger bedroht - sind die Insekten noch zu stoppen?

  Verheerende Heuschreckenplage: Die fliegende Gefahr © Baz Ratner/ REUTERS

Es gibt Zeiten, da muss sich eigentlich niemand vor der Wüstenheuschrecke fürchten. Die etwa sieben Zentimeter langen Tiere leben dann als Einzelgänger. Am Ort ihrer Geburt - irgendwo in den Steppen und Halbwüsten Nordafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens, Indiens oder Pakistans - fressen sie Gräser, legen ihre Eier und sterben.

Hungrig sind die Insekten auch dann, das schon. An einem Tag können sie Pflanzen von der Masse ihres eigenen Körpers vertilgen, etwa 20 Gramm. "Dadurch, dass es sich um so wenige Individuen handelt, fällt das aber nicht ins Gewicht", sagt Axel Hochkirch, Naturschutzbiologe an der Universität Trier und nächster Präsident der internationalen Gesellschaft der Heuschreckenforscher.

Nepal bietet Heuschreckenprämie, da Schwärme die Ernte bedrohen.

 Nepal bietet Heuschreckenprämie, da Schwärme die Ernte bedrohen. Nepal bietet Landwirten Geldbelohnungen für den Fang von Wüstenheuschrecken, um den Schaden zu begrenzen, der durch die zerstörerischen Schwärme verursacht wird, die die Ernten in Indien und Pakistan verwüstet haben. © PRAKASH MATHEMA Nepal bietet Landwirten Geldprämien für den Fang von Heuschrecken anstelle von Pestiziden. Südasien erlebt den schlimmsten Befall seit Jahrzehnten. Die Heuschreckenplage verwüstet das landwirtschaftliche Kernland und dringt nun in Nepal ein.

Zum Problem wird die Sache erst, wenn sich die Tierchen bei guten Lebensbedingungen zu stark vermehren. Rücken sich die Heuschrecken zu dicht auf die Pelle, konkret ist wohl die Berührung an den hinteren Schenkeln entscheidend, wird in ihrem Körper der Botenstoff Serotonin ausgeschüttet. "Und der sorgt dafür, dass im Körper ein anderes Bauprogramm initiiert wird", sagt Hochkirch. "Das führt auch zu Änderungen des Verhaltens. Die Tiere bewegen sich mehr, sie bilden Gruppen und können besser fliegen."

Die bis dahin singulären Individuen schließen sich zu einem Schwarm zusammen, der teils aus vielen Millionen Tieren besteht. Seit Jahrtausenden tun sie das, sind in Bibel und Koran als Chiffre der Verheerung erwähnt. Ein Schwarm von nur einem Quadratkilometer Ausdehnung braucht täglich so viel Nahrung wie 35.000 Menschen, heißt es. Auf der Suche nach Futter haben die Tiere keinen klaren Zugplan. Oft gehen die Insekten mit dem Wind auf Reisen, sie können notfalls aber auch gegen ihn anfliegen. Bei ihren Flügen durch die Luft können die Heuschrecken teils Hunderte Kilometer zurücklegen.

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So schlimm wie seit Jahrzehnten nicht mehr

Rund ein Dutzend Länder hat derzeit mit massiven Heuschreckenplagen zu kämpfen: in Ostafrika, auf der Arabischen Halbinsel, aber auch bis hinein nach Asien und auf den indischen Subkontinent haben es die Tiere geschafft. Dort futtern sie alles, was sie kriegen können, entlauben Bäume, fressen Äcker kahl, ruinieren Existenzen. In Somalia und Äthiopien, wo es derzeit in Teilen des Landes auch eine Cholera-Epidemie gibt, ist die Heuschreckenplage so schlimm wie seit 25 Jahren nicht mehr. In Kenia war es sogar 70 Jahre lang nicht so dramatisch. Wer dort gegen die Heuschrecken kämpft, kennt die Tiere - wenn überhaupt - nur aus Opas Erzählungen.

"Das Wetter ist weiterhin sehr vorteilhaft für die Heuschrecken", sagt Keith Cressman von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom im Gespräch mit dem SPIEGEL. Kaum jemand auf diesem Planeten ist so gut über die aktuelle Heuschreckenlage unterrichtet wie der Amerikaner, der bei seinem Arbeitgeber für die Verfolgung der Schwärme zuständig ist. Und er weiß: Weil es in der Region in dieser Zeit des Jahres sehr feucht ist, werden sich die Tiere weiter vermehren.

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Die FAO hat die Staaten der Welt um gut 153 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Insekten gebeten – und zumindest 144 Millionen davon sind bisher auch zugesagt. Doch das Problem wird ständig größer. In den betroffenen Gebieten wächst gerade eine neue Generation von Heuschrecken heran, die ab Mitte Juni erwachsen werden. "Das fällt mit dem Beginn der Ernte zusammen", sagt Cressman. "Das ist potenziell sehr bedrohlich." Nach Uno-Schätzungen sind in der Region in diesem Jahr rund 25 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Die Weltbank hat zugesagt, Kleinbauern, Viehhirten und Familien auf dem Land mit insgesamt 500 Millionen Dollar zu unterstützen. Doch bis das Geld fließen kann, ist der Hunger vielerorts wohl schon längst da.

In den kommenden Wochen und Monaten könnten sich viele der Tiere nach Norden bewegen, so Cressman. Nach Somalia, Äthiopien, in den Südsudan und den Sudan. Haben die Tiere einmal den Sudan erreicht - ein Land, das nach Ansicht der FAO immerhin über viel Erfahrung in der Heuschreckenbekämpfung verfügt – könnten sie im schlechtesten Fall von dort sogar noch weiter nach Westen ziehen, im Zweifel sogar bis nach Mauretanien an den Atlantik. Innerhalb bereits betroffener Staaten könnte es ebenfalls weitere Bewegungen geben, sodass zum Beispiel in Äthiopien auch das üppig bewachsene Hochland betroffen sein könnte.

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Nach drei Monaten schlüpft die nächste Generation

Begonnen hat die jüngste Heuschreckenkatastrophe schon vor rund zwei Jahren. Damals ahnten allerdings bestenfalls Experten wie Cressman, welche Dramatik sie entwickeln würde. Auf der Arabischen Halbinsel hatte es damals in der größten Sandwüste der Erde, der Rub al-Chali, zwei starke Regenperioden hintereinander gegeben. Schuld daran waren zwei Zyklone, die ihre Niederschläge über der sonst so wasserarmen Region niedergehen ließen.

Der Regen ließ vermehrt Heuschrecken aus Eiern schlüpfen, die lange Zeit im Wüstensand überdauert hatten. Und weil durch die Feuchtigkeit in der Region auch Pflanzen wuchsen, fanden die Tiere zu fressen. Also vermehrten sie sich weiter. Wieder und wieder. "Unter solchen Bedingungen kann es schon nach drei Monaten die nächste Generation geben", sagt Insektenforscher Hochkirch. Im Prinzip wächst die Menge der Heuschrecken mit jeder Generation um das 20-Fache, so eine Faustregel.

Vorausgesetzt natürlich, die Population wird nicht dezimiert. Doch während normalerweise etwa 90 Prozent der Jungtiere sterben, erreichen in Zeiten der Fülle fast alle das Erwachsenenalter und pflanzen sich fort. Manche Eidechsen fressen die Heuschrecken, Greifvögel tun das ebenso und auch Menschen dienen die Tiere als proteinreiche Nahrung. Auch Enten können die Insekten knabbern - aber alles das reicht gerade nicht aus. "Das Problem ist die schiere Masse", sagt Experte Hochkirch.

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Die Heuschrecken aus dem Rub al-Chali zogen jedenfalls nach Jemen weiter. Dort wären sie nach Expertenmeinung noch vergleichsweise gut zu bekämpfen gewesen. Doch im vom jahrelangen Bürgerkrieg zerrütteten Armenhaus der arabischen Halbinsel kümmerte sich niemand darum. Die nötige Technik war außerdem zerstört. Und so vermehrten sich die Insekten immer weiter und zogen schließlich übers Meer ans Horn von Afrika, auch in den Irak und in Iran zogen andere Gruppen. Dort hat man ebenso wie in Indien und Pakistan außerdem mit Tieren zu tun, die dort vor Ort geschlüpft sind.

In verschiedenen afrikanischen Staaten läuft derzeit der Kampf gegen die Heuschrecken, mal mehr mal weniger gut, unter der Ägide der FAO. Zum Einsatz kommen dabei große Mengen an Insektiziden. 

In manchen Fällen, in Somalia sogar generell, setze man auch biologische Schädlingsbekämpfungsmittel ein, so Cressman. Gemeint ist der Pilz Metarhizium, der für die Insekten tödlich ist. Allerdings dauert es zwei bis drei Wochen, bis die Wirkung eintritt. Aktuell ist das eigentlich zu lang.

"Bei der Größe der momentanen Plage kommt man um Gifte nicht herum"

Einige der herkömmlichen Pestizide können auch schädliche Wirkungen auf Menschen haben. Nur ein Teil von ihnen ist in der Europäischen Union überhaupt noch zugelassen, in den Zielländern aber schon. FAO-Experte Cressman lobt indes, wie zielgerichtet der Einsatz der Chemikalien erfolge, auch nur in vergleichsweise geringen Mengen. Er berichtet, wie man sich bemühe, die vor Ort lebenden Menschen über die Gefahren aufzuklären. Und beschreibt, dass die Substanzen bereits nach 24 Stunden nicht mehr gefährlich seien. Aber klar ist: Ohne Risiko ist der Pestizideinsatz nicht.

Vancouver Wetter: Bewölkt, mit geringer Regenwahrscheinlichkeit

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Was ist nun gefährlicher, die Heuschrecken oder die zum Kampf gegen sie eingesetzten Gifte? "In solch einer Situation ist Pestizideinsatz meiner Meinung nach durchaus gerechtfertigt", sagt Insektenforscher Hochkirch. "Hätte man früh genug mit dem Kampf gegen die Heuschrecken begonnen, hätte man die Menge der genutzten Mittel allerdings verringern können. Bei der Größe der momentanen Plage kommt man um Gifte aber nicht herum."

Doch ein Problem bleibt: Die Heuschrecken sind in vielen extrem abgelegenen Regionen unterwegs. Sie zu beobachten oder gar zu bekämpfen wird dadurch extrem kompliziert. Manchmal heißt das, dass diese Regionen einfach nur schwer zu erreichen sind. Für Hubschrauber und kleine Agrarflugzeuge sind die Strecken zu groß, für Autos gibt es in der Regenzeit kaum nutzbare Wege. In anderen Fällen, etwa im Süden Somalias, ist die Sicherheitslage außerdem noch völlig unzureichend.

Bewaffnete Konflikte seien beim Kampf gegen die Heuschrecken ein Problem, sagt Keith Cresman, die aktuelle Corona-Pandemie eher nicht. Manche Journalisten vor Ort berichten, dass die Maßnahmen gegen das Coronavirus die Einsätze durchaus empfindlich stören. Doch der FAO-Experte erklärt, es sei vor den Pandemiemaßnahmen in den betroffenen Staaten noch gelungen, internationale Experten, Technik und Pestizide ins Land zu bekommen. Zwar leerten sich manche Chemikalienlager gerade. Aber bisher habe noch kein einziger Flieger wegen Covid-19 am Boden bleiben müssen.

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