Wissen & Technik Biontech-CEO Ugur Sahin über seinen Corona-Impfstoff: "Wir haben unser Projekt 'Lightspeed' genannt, um klarzumachen: Wir vergeuden keine Zeit"

16:27  18 märz  2021
16:27  18 märz  2021 Quelle:   businessinsider.de

Pfizer wirkt der Impfstoff gegen wichtige Coronavirus-Mutationen, die in den südafrikanischen und britischen Varianten gefunden wurden.

 Pfizer wirkt der Impfstoff gegen wichtige Coronavirus-Mutationen, die in den südafrikanischen und britischen Varianten gefunden wurden. Laut Vera Leip, 88, erhält am 16. Dezember 2020 in Pompano einen Pfizer-BioNtech COVID-19-Impfstoff bei der John Knox Village Continuing Care Retirement Community Strand, Florida. In einer Studie wirkten der Impfstoff von Pfizer und BioNTech gegen im Labor hergestellte Coronaviren, ähnlich den in Großbritannien und Südafrika verbreiteten Varianten.

Noch vor einem Jahr kannte wohl kaum jemand die kleine Mainzer Firma Biontech. Heute steht das Unternehmen im Licht der weltweiten Öffentlichkeit: Ihr mRNA-Impfstoffkandidat BNT162b2 wurde als erster Corona-Impfstoff — und als erster mRNA-Impfstoff überhaupt — weltweit zugelassen.

Im Oktober hatte Business Insider exklusiv mit Biontech CEO Ugur Sahin darüber gesprochen, wie er an die Impfstoffentwicklung herangegangen ist und wie Biontech es geschafft hat, so schnell zu sein — ohne unkalkulierbare Risiken dabei einzugehen. Nachfolgend das Interview über die Herausforderungen, die für die Entwicklung des Impfstoffes entscheidend waren und überwunden werden mussten — und darüber, wann er sich selbst impfen lassen würde.

BioNTech-Aktie gewinnt: BioNTech und Pfizer starten Studie zu Corona-Impfung für Schwangere

  BioNTech-Aktie gewinnt: BioNTech und Pfizer starten Studie zu Corona-Impfung für Schwangere Die Hersteller BioNTech und Pfizer beginnen mit einer großen Studie zum Einsatz ihres Corona-Impfstoffs bei Schwangeren. © Bereitgestellt von Finanzen.net KAZUHIRO NOGI/AFP/GettyImages Damit solle die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit des Impfstoffs für werdende Mütter geklärt werden, teilten die beiden Unternehmen am Donnerstag mit. Schwangere und Kinder sind bei den bisherigen Impfempfehlungen zumeist außen vor gelassen worden, weil es bislang mangels entsprechender Studien keine gesicherten Daten zur Verträglichkeit gab.

Business Insider: Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sind viele Monate gegangen. Es waren turbulente Monate — für Sie sicher noch einmal in besonderem Maße. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von dem Virus in Wuhan hörten?

Ugur Sahin: Ich hatte einen Artikel im Fachmagazin „The Lancet“ gelesen über das neue Virus, das war am 24. Januar 2020. Ich war sofort alarmiert, dass dieser Ausbruch sich nicht auf China beschränken würde, sondern zur weltweiten Pandemie werden könnte. Dieser Moment war ausschlaggebend für einen Masterplan, um mit der Entwicklung eines Impfstoffes zu beginnen — und diesen global zugänglich zu machen.

BI: Sind Sie sofort an die Arbeit gegangen, um einen Impfstoff zu entwickeln? Der Biontech-Impfstoff war der erste, der in Deutschland vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die Freigabe für klinische Studien am Menschen bekam. Erzählen Sie uns, warum es so schnell ging.

Geheime Dokumente zeigen, wie die EU die Biontech-Zulassung verzögerte und warum Deutschland so wenig Impfstoff bekam

  Geheime Dokumente zeigen, wie die EU die Biontech-Zulassung verzögerte und warum Deutschland so wenig Impfstoff bekam EU-Behörden haben nicht nur beim Bestellen des Impfstoffes gravierende Fehler gemacht, sondern auch bei der Zulassung wichtige Zeit verloren. Biontech hatte stets durchblicken lassen, dass diejenigen Länder vorrangig mit Vakzindosen beliefert werden, die als erste zulassen und als erste bestellen. So stand für die Unternehmen bereits am 25. November fest, dass ihre in Puurs hergestellten Dosen in die USA geliefert würden und nicht nach Europa. Denn während die amerikanische Zulassungsbehörde FDA sich gegenüber den Impfstoff-Pionieren zu diesem frühen Zeitpunkt bereits auf den 11.

Sahin: Ja, normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffes gute zehn Jahre. Als wir mit der Arbeit loslegten, haben wir deshalb überlegt, wie wir diesen Prozess beschleunigen können — ohne Abkürzungen zu nehmen. Inzwischen haben wir mit unserer mRNA-Technologie, auf der unser entwickelter Impfstoff basiert, die Möglichkeit, einen Impfstoff innerhalb weniger Wochen zu entwickeln und für die Testung zu produzieren. Wir haben durch unsere Forschung und Entwicklung von Krebsvakzinen jahrzehntelange Erfahrung damit. Wir wussten also, dass wir das können. Hinzu kamen klinische Tests in sehr großem Umfang. Daher war klar: Auch wenn wir einen Impfstoffkandidaten in nur wenigen Wochen herstellen können, so werden die klinischen Tests eine Weile dauern, weil wir dafür zehntausenden Menschen den Impfstoff verabreichen müssen.

BI: Wann kam der US-Partner Pfizer mit ins Boot?

Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci: "Zu wissen, dass wir noch viel mehr Menschenleben hätten retten können, war sehr schwer"

  Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci: Özlem Türeci und Ugur Sahin, Gründer von Biontech, sind am Donnerstag in Berlin mit dem Axel-Springer-Award ausgezeichnet worden.Die Preisverleihung fand im Axel Springer-Neubau in Berlin statt. Digitale Grußbotschaften sandten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, US-Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Die Laudationes live vor Ort hielten NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der Schweizer Immunologe Hans Hengartner, auch im wissenschaftlichen Beirat von Biontech, und der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz. Sie hoben die herausragenden Leistungen des Forscherpaars hervor.

Sahin: Genau hier. Für ein so großes Projekt braucht man Partner an seiner Seite — und deshalb haben wir uns zur Zusammenarbeit mit unseren Kollegen von Pfizer entschlossen. Auf diese Weise konnten wir unsere innovative mRNA-Technologie kombinieren mit der routinierten Erfahrung in der klinischen Testung und weltweiten Produktion beziehungsweise dem Vertrieb, die ein Pharma-Riese wie Pfizer mitbringt. Insgesamt haben 1.000 Leute auf beiden Seiten zusammen daran gearbeitet, den Impfstoff zu entwickeln, zu testen und auch die Produktion kontinuierlich auszubauen. Grundsätzlich wussten wir, dass unser ambitionierter Zeitplan machbar ist. Wir haben unser Projekt "Lightspeed" genannt, um klarzumachen: Wir vergeuden keine Zeit. Auch dank eines gleichgesinnten Partners wie Pfizer war es möglich, die Zeit der Entwicklung so kurz zu halten. Wir haben von Anfang an gesagt: Im letzten Quartal von 2020 wollen wir die klinischen Studien so weit haben, dass wir die entscheidenden Daten sammeln können. Wenn alles gut geht, werden wir dieses Versprechen halten können.

"Kein Problem, 80 Millionen einmal im Jahr zu impfen" — Biontech-Gründer rechnen mit Ende der Lockdown-Politik

  Die Gründer des Mainzer Impfstoffherstellers Biontech rechnen mit einem Ende der Lockdown-Politik in Deutschland spätestens im Herbst.Das Virus werde nicht verschwinden, und es werde "mindestens ein Jahr dauern, bis die Menschheit die Kontrolle über die Situation haben wird," so Şahin weiter. "Es ist klar, dass in einer solchen Krise nicht alles glatt läuft", sagte Özlem Türeci.

BI: Sie haben Ihr gesamtes Leben der Forschung gewidmet und sich dabei bis vor kurzem vor allem mit Krebsvakzinen beschäftigt, wie Sie eben sagten. Inwiefern war die Umstellung auf den Corona-Impfstoff neu und herausfordernd?

Sahin: Natürlich war es neu. Wir sind Krebsexperten und ich bin kein Virologe. Wir haben aber Virologen im Unternehmen. Und zusammen haben wir uns erstmal hingesetzt und versucht, zu verstehen, mit was wir es hier zu tun haben, wie dieses Virus funktioniert. Die Situation war aber für alle gleich: Das Virus war für jeden neu. Und so musste auch jeder andere Experte, der sich mit ihm beschäftigt hat, erst Daten für die Erforschung generieren. Die große Herausforderung war, möglichst schnell zu verstehen, wie man dieses Virus deaktivieren kann, und ob Menschen eine Immunität entwickeln können. Das waren die großen Unbekannten. Aber das Werkzeug, mit dem wir arbeiten, das Immunsystem, das verstehen wir wirklich sehr gut. Deswegen ist es uns nicht schwergefallen es zu nutzen, um diesen Gegner zu adressieren.

BI: Sie haben es anfangs schon erwähnt: Biontech hat sich — wie auch Curevac und Moderna — dann für einen mRNA-Impfstoff entschieden, der auf einem ganz anderen Prinzip basiert als die üblichen Impfstoffe. Warum?

Sahin: Weil das nach reiflicher Überlegung aus unserer Sicht der beste Weg ist, eine Pandemie zu adressieren. Die wissenschaftlichen und technologischen Eigenschaften dieser Technologie sprechen für sich. Für übliche Impfstoffe muss man Viren im Labor hochzüchten und dann mit diesen Viren Zellen infizieren in riesigen Zellkulturen, dafür braucht man sehr große Einheiten. Und der Prozess, der danach folgt, ist sehr, sehr aufwendig. Das können nur Firmen stemmen, die groß angelegt sind. Für einen mRNA-Impfstoff aber brauche ich, vereinfacht gesagt, zunächst einmal nur einen Bioreaktor von 50 Litern, mit dem ich die mRNA herstellen kann. Das ist das Tolle, weil es sehr gut skalierbar ist. Die Herstellung geht über Nacht. Man kann im Prinzip einen mRNA-Impfstoff innerhalb einer Woche herstellen. Hinzukommen die Qualitätsprüfungen, die noch einige Wochen Zeit in Anspruch nehmen. Dieser Herstellungszyklus ist für einen Impfstoff extrem kurz. Und Schnelligkeit ist in einer Pandemie enorm wichtig.

Biontech forscht an 13 neuen Krebs-Medikamenten — und zeigt das neue Produktionswerk in Marburg

  Biontech forscht an 13 neuen Krebs-Medikamenten — und zeigt das neue Produktionswerk in Marburg Biontech präsentierte die Ergebnisse des Geschäftsjahres 2020 und gab Einblicke in das neue Marburger Produktionswerk.Rund zwei Monate nach dem Produktionsbeginn sollen in den kommenden Tagen die ersten Lieferungen das Werksgelände in der mittelhessischen Stadt verlassen und dann zum sterilen Abfüllen und Etikettieren ins Werk des Biontech-Partners Pfizer im belgischen Puurs gebracht werden. In der zweiten Aprilhälfte werden, nach abschließenden Prüfungen, die ersten Vakzine aus Marburg in den Impfzentren landen — von vielen Menschen sehnlichst erwartet.

BI: Sie haben hart an diesem Impfstoff gearbeitet. Gab es bei der Entwicklung entmutigende Momente? Und welcher war bisher der schönste?

Sahin: Ich bin froh, dass es für mich trotz aller Herausforderungen keinen entmutigenden Moment gab. Wenn etwas nicht auf Anhieb funktionierte, haben wir versucht, zu verstehen, was passiert ist, was wir daraus lernen und wie wir das Problem lösen können. Das ist wohl die Art, wie Wissenschaftler mit Hürden umgehen. Einer der Schlüsselmomente war, als wir im Mai die ersten Daten von Menschen gesehen haben, die unseren Impfstoff bekommen hatten. Sogar bei der kleinsten verabreichten Dosis gab es eine Immunantwort. Da wussten wir: Wir haben einen Impfstoffkandidaten, mit dem wir weiterarbeiten können.

BI: Könnte Ihr Impfstoff denn noch scheitern — wenn ja, woran?

Sahin: Es gibt keinen besonderen Nachteil der mRNA-Technologie, über den ich mir Gedanken mache. Alles, was wir wissen, spricht dafür, dass es funktionieren müsste. Es gibt aber immer das Unbekannte, was man nie ausschließen kann.

BI: Seit Beginn der Pandemie wird gerätselt, wie lange die Immunität nach einer Covid-19-Erkrankung hält. Was kann man inzwischen darüber sagen, wie lange der Impfschutz nach einer Immunisierung halten wird?

Sahin: Bald werden wir Daten für einen Zeitraum von sechs Monaten vorliegen haben. Sie stammen von den Probanden, mit denen wir die Tests mit dem Impfstoff begonnen haben. Dann können wir sagen, wie lange die potenzielle Impfstoffwirkung anhalten könnte.

BI: Es gibt Experten, die sagen, das Virus wird die Pandemie selbst beenden nämlich dann, wenn eine Herdenimmunität erreicht ist, wie etwa beinahe in Manaus, Brasilien. Was denken Sie darüber?

Inside Covid Impfstoffproduktion in der neuen Anlage von Biontech

 Inside Covid Impfstoffproduktion in der neuen Anlage von Biontech -Dekontaminationskammern, eng anliegende Schutzanzüge, eine kontrollierte Atmosphäre: Wachsamkeit ist die Reihenfolge des Tages bei der Herstellung von Covid-19-Impfstoffen in der neuen Biontech-Anlage in Marburg in Marburg. © Thomas Lohnes Die Produktion des Covid-Impfstoffs läuft nachts und Tag, da die European Medicine Agency die Biontech-Site letzte Woche genehmigt hat. Von außen ist die Anlage ein unbewegliches Gebäude am Rande der Stadt Nord von Frankfurt in Zentraldeutschland.

Sahin: Ich glaube nicht, dass wir auf akzeptable Art und Weise eine Herdenimmunität erreichen.  Man muss hier bedenken, dass wir in Europa eine ganz andere Altersstruktur haben, wo die Sterblichkeit massiv höher ist als in Regionen wie etwa fast überall in Afrika, wo das Durchschnittsalter bei 18 oder 19 Jahren liegt. Dort ist die Sterblichkeit auf Covid-19 bezogen nur ein bisschen höher als bei der Grippe — aber nicht viel höher. Das ist hier ganz anders. Wir wissen, dass die Sterblichkeit bei Menschen ab einem Alter von 70 Jahren dramatisch steigt. Und von diesen Menschen gibt es in Europa einfach viel mehr. Deswegen würden wir nicht in eine Herdenimmunität kommen, ohne mit massiven Konsequenzen rechnen zu müssen.

BI: Was glauben Sie: Inwiefern wird Skepsis gegenüber dem Impfstoff eine Herausforderung werden, wenn er da ist?

Sahin: Das ist tatsächlich keine einfache Frage. Es ist wichtig, dass wir transparent sind, was die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffes betrifft, samt möglicher Nebenwirkungen. Das müssen wir wiederholt und verlässlich kommunizieren, damit Menschen, die sich darüber Sorgen machen, sich informieren können und sich informiert fühlen. Die Impfung wird freiwillig sein, es ist keine Impfpflicht geplant. Bis Mitte 2021 wird es so sein, dass nicht jeder eine Impfung bekommen wird, der eine bekommen möchte. Zunächst wird es also mehr Nachfrage geben, als Impfstoff verfügbar ist. Nach diesem Zeitpunkt aber werden bereits Millionen von Menschen schon geimpft sein, wir werden noch mehr Daten zur Sicherheit haben, so dass Skeptiker auf einer guten Basis entscheiden könnten, ob sie diese Impfung wollen oder nicht. Am Ende des Tages muss jeder selbst diese Entscheidung treffen.

BI: Sprechen wir über Ihre: Wann würden Sie sich selbst impfen lassen?

Sahin: Ich würde mich natürlich gern so schnell wie möglich impfen lassen. Sobald der Impfstoff zugelassen ist, bin ich einer der Ersten, der das tun wird. Aber wir müssen natürlich sicherstellen, dass die Impfung zuerst bei den Menschen ankommt, die sie wirklich dringend brauchen: Das sind vor allem Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen und das medizinische Personal.

BI: Vielen Dank, Herr Sahin.

sahin © Ugur Sahin/Biontech sahin

Inside Covid Impfstoffproduktion in der neuen Anlage von Biontech .
-Dekontaminationskammern, eng anliegende Schutzanzüge, eine kontrollierte Atmosphäre: Wachsamkeit ist die Reihenfolge des Tages bei der Herstellung von Covid-19-Impfstoffen in der neuen Biontech-Anlage in Marburg in Marburg. © Thomas Lohnes Die Produktion des Covid-Impfstoffs läuft nachts und Tag, da die European Medicine Agency die Biontech-Site letzte Woche genehmigt hat. Von außen ist die Anlage ein unbewegliches Gebäude am Rande der Stadt Nord von Frankfurt in Zentraldeutschland.

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