Wissen & Technik: Lawinengefahr: "Es bleiben nur wenige Minuten, bis der Sauerstoff ausgeht" - PressFrom - Deutschland

Wissen & TechnikLawinengefahr: "Es bleiben nur wenige Minuten, bis der Sauerstoff ausgeht"

10:50  11 januar  2019
10:50  11 januar  2019 Quelle:   zeit.de

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Starke Schneefälle haben zu hoher Lawinengefahr in den Alpen geführt. Ein Forscher erklärt, was im Ernstfall Leben rettet.

Lawinengefahr: "Es bleiben nur wenige Minuten, bis der Sauerstoff ausgeht" © picture alliance/KEYSTONE Lawine

Kinder haben schneefrei, Menschen sitzen eingeschneit fest und die Lawinengefahr ist immens: Wegen andauernder Schneefälle mussten einige Landkreise den Katastrophenfall ausrufen. In Bayern, der Schweiz und Österreich sind Straßen teils nicht mehr befahrbar, Bäume brechen unter den Schneemassen zusammen, Schulen mussten schließen.

Winterurlauberinnen und -urlauber müssen sich auf eine steigende Lawinengefahr einstellen. Pisten wurden vielerorts gesperrt, es gilt die zweithöchste Gefahrenstufe. Der Lawinenprognostiker Thomas Stucki erklärt, welche Ausrüstung man braucht, um jemanden zu retten, der im Schnee verschüttet wurde.

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ZEIT ONLINE: Kürzlich wurde in den österreichischen Alpen die zweithöchste Lawinenwarnstufe ausgerufen. Was bedeutet das und wie viele Stufen gibt es eigentlich?

Thomas Stucki: Insgesamt gibt es fünf Gefahrenstufen. Sie geben an, wie kritisch die Lawinensituation in bestimmten Regionen sein kann. Je höher der Wert, desto größer die Gefahr, Lawinen auszulösen. Die unteren drei Stufen richten sich dabei hauptsächlich an Wintersportler, die außerhalb der gesicherten Skipisten unterwegs sind. Und die letzten beiden an die Behörden. Da es in den letzten Tagen stark geschneit und zudem gestürmt hat, besteht eine erhöhte Lawinengefahr.

ZEIT ONLINE: Bereits im vergangenen Jahr herrschte eine erhöhte Lawinengefahr in den Alpen. Würden Sie sagen, dass sich die Lawinengefahr erhöht hat?

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Stucki: Der Januar 2018 war außergewöhnlich. Zeitweise gab es in einigen Gebieten die höchste Warnstufe, und das kommt sehr selten vor – im Mittel so etwa alle 5 bis 10 Jahre. In den Wintern davor war das anders: Es schneite sehr spät ein und eine Häufung von Großschneefällen blieb aus. Daraus, dass jetzt erneut Großschneefälle gehäuft auftreten, lässt sich aber noch kein Trend ableiten.

ZEIT ONLINE: Gibt es bei einer Lawine Warnsignale?

Stucki: Es gibt sogenannte Alarmzeichen, wie zum Beispiel Wummgeräusche. Das passiert, wenn eine Schwachschicht kollabiert. Bereits abgegangene Lawinen sind ebenfalls ein Alarmzeichen. Schnee, der verweht wurde, also Triebschnee, ist ebenfalls ein Anzeichen für erhöhte Gefahr, sofern sich darunter eine Schwachschicht befindet – dieser Triebschnee sollte dann gemieden werden.

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ZEIT ONLINE: Was ist eine Schwachschicht?

Stucki: Das ist eine Schicht, in der die einzelnen Schneekristalle nur eine schwache Verbindung haben.  Das kann man sich wie ein Kartenhaus vorstellen: Wird oben der Druck erhöht, bricht es irgendwann zusammen und die Karten fliegen durcheinander. Ist die Schwachschicht gebrochen, gehen die darüber liegenden Schichten als Lawine ab. Solche Lawinen werden als Schneebrettlawinen bezeichnet.

ZEIT ONLINE: Nun können Laien vielleicht gar nicht sehen, ob es irgendwo Triebschnee gibt. Was würden Sie diesen Leuten raten?

Stucki: Laien sollten sich, bevor sie sich in ungesicherte Gebiete wagen, ausbilden lassen. Dafür würde ich allerdings empfehlen, Kurse bei geschultem Personal zum Bespiel in einer Bergsteigerschule zu machen. Schließlich braucht es etwas Erfahrung, um die Signale richtig zu deuten – und das lässt sich am besten in einer realen Umgebung erklären. Zudem sollte man sich in der Vorbereitung über die aktuelle Lawinensituation informieren – entweder im Lawinenbulletin oder bei lokalen Fachkräften.

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ZEIT ONLINE: Was macht Lawinen eigentlich so gefährlich?

Stucki: Sobald man ganz verschüttet ist sind die Betroffenen wie einbetoniert und darauf angewiesen, dass jemand zur Hilfe kommt. Schließlich bleiben nur wenige Minuten, bis der Sauerstoff ausgeht.

ZEIT ONLINE: Wie können sich die Menschen im Ernstfall retten?

Stucki: In erster Linie ist es wichtig, dass jeder Schneesportler abseits der gesicherten Pisten eine Notfallausrüstung dabei hat. Dabei handelt es sich um ein Lawinenverschüttetensuchgerät, eine Sondierstange und eine Schaufel. Außerdem sollte jeder mit den Geräten umgehen können. Das Ortungsgerät sollte dabei vor einem Ausflug auf Senden gestellt werden, sodass es im Ernstfall gefunden werden kann. Nach einer Lawine können Kameraden oder Rettungsteams ihre Geräte auf Empfangen stellen und so mögliche Verschüttete finden, um sie mit der Schaufel auszugraben.

ZEIT ONLINE: Stützbauten, Dämme, Sprengungen – es gibt verschiedene Maßnahmen, um vor Lawinen zu schützen. Helfen sie auch bei einer hohen Warnstufe?

Stucki: Diese Schutzmaßnahmen sind gerade auf Situationen hoher Warnstufen ausgelegt. Stützbauten verhindern den Anriss von Lawinen, Dämme leiten Lawinen um. Die Sprengungen dienen dazu, spontane Lawinen zu vermeiden, indem sie bewusst ausgelöst werden. So können Strassen oder Skipisten gesichert werden.

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ZEIT ONLINE: Wird die Gefahr über die nächsten Wochen erhöht bleiben oder nimmt sie mit der Zeit wieder ab?

Stucki: Das kommt ganz darauf an, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickelt. Hier in der Schweiz gehen wir davon aus, dass es Freitag und Samstag weniger schneien wird, weshalb die Lawinengefahr vorerst etwas abnimmt. Da es am Sonntag und Montag allerdings wieder viel Schnee  geben soll, wird sie sich wieder erhöhen. Über die nächsten Wochen eine Aussgage zu machen ist leider nicht möglich.

*Korrekturhinweis: In einer früheren Version stand in der Frage zu den Warnhinweisen, dass sich Blitze durch ein Grollen ankündigen. Das war so nicht korrekt und wurde entsprechend entfernt. Außerdem fehlte bei der Notfallausrüstung die Sondierstange, worauf uns der Interviewpartner hingewiesen hat. Wir bitten um Entschuldigung.

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